Aus dem Leben eines Streuners: 1996 verschwindet das Tier aus Unterhaching spurlos – jetzt taucht es in einem Wäldchen bei Aying wieder auf. Die Besitzerin ist "völlig perplex".

München Völlig abgemagert und verschreckt saß der rot getigerte Kater auf einem Holzstoß und sah Kilian Schöttel (19) mit großen Augen an. Was der junge Mann nicht wissen konnte: Er hatte soeben eine Katze entdeckt, die 1996 von einer Frau aus Unterhaching als vermisst gemeldet worden war. Morgen wird Kater Poldi seine Besitzerin wiedersehen. Nach 16 Jahren Wanderschaft.

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Den Experten vom Münchner Tierheim ist kein Fall bekannt, in dem Tier und Halter länger getrennt waren. „Mein Sohn hat sofort gemerkt, dass das Tier schon älter ist. Es tat ihm leid, weil es vorne keine Zähne mehr hat“, erzählt Kilians Vater Bernhard Schöttel (52).

Die Familie besitzt ein kleines Waldstück bei Aying und lagert ihr Brennholz dort in einer so genannten Holzlege. Hier hatte Poldi Unterschlupf gesucht. „Der Kater war ganz zutraulich. Wir haben ihn ein paar Tage gefüttert und entdeckt, dass er tätowiert ist. Deshalb haben wir ihn am Wochenende ins Tierheim nach Riem gebracht“, so der Beamte.

Sohn Kilian fing den Kater ein und verfrachtete ihn in eine Transportbox. „Der kann’s sehr gut mit Katzen“, lobt der Vater. Erst später erfahren die Schöttels, wie lange Poldi schon vermisst wird. „Dass wir da helfen konnten, freut uns sehr“, sagt Bernhard Schöttel.

Im Tierheim nimmt sich Eveline Kosenbach des Streuners an. Pro Jahr bitten die Leiterin der Vermisstenstelle rund 4000 verzweifelte Münchner um Hilfe, deren Tiere verschwunden sind. „Etwa 90 Prozent bring’ ich wieder heim“, sagt Kosenbach stolz.

Die Frau hat Routine. Und den Spürsinn eines Detektivs. Anhand der – schon stark verblassten – Nummern in Poldis Ohren findet sie heraus, welcher Tierarzt den Kater gekennzeichnet hat. Der Veterinär hat ein gut sortiertes Archiv, in dem Eveline Kosenbach schließlich auf Name und Anschrift von Poldis Besitzerin stößt.

Zunächst ist die berufstätige Unterhachingerin nicht zu erreichen. Doch als abends ein Tierschutz-Kollege bei ihr vorbeischaut, um ihr die gute Nachricht zu überbringen, fällt die Frau aus allen Wolken. „Sie war total perplex. Die Dame hat einfach nicht mehr damit gerechnet, dass Poldi wieder auftaucht“, sagt Eveline Kosenbach, die nun ein weiteres Kapitel aus der Lebensgeschichte des Herumtreibers kennt: 1996 hat Poldis Besitzerin noch eine weitere Katze, die beiden Stubentiger verstehen sich nicht besonders gut. Poldi ist ein knappes Jahr alt, als er beschließt, das Feld zu räumen.

„Die Frau hat alles versucht: gesucht, Zettel aufgehängt, ihn vermisst gemeldet. Aber Poldi blieb spurlos verschwunden.“ Bis jetzt. Morgen holt seine Besitzerin den Kater im Tierheim ab. Sie hat sich extra frei genommen, um ihrem Poldi die Eingewöhnung in seinem neuen alten Zuhause zu erleichtern. Ganz einfach wird das wohl nicht. „Ich hatte einen Fall, da war die Katze drei Jahre lang verschwunden. Die konnte sich noch an ihre alte Umgebung erinnern und hat sich schnell wieder eingelebt“, sagt Eveline Kosenbach. „Aber 16 Jahre sind schon eine sehr, sehr lange Zeit.“

 

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