Klassische Berufe in München - Teil 1 Nicht reich, aber glücklich: Zu Besuch bei einer Goldschmiedin

Anna Eichlinger arbeitet seit 31 Jahren als Goldschmiedin. Der Beruf ist anstrengend, dennoch hat sie Spaß an der Arbeit. Die Abendzeitung hat die 52-Jährige mit der Kamera besucht und ihre Geschichte und Arbeit festgehalten. 

München - Anna Eichlinger ist umgeben von Gold, Silber und Edelsteinen: Ein Teil liegt auf dem Tisch, ein Teil hängt an den Wänden und ein anderer Teil liegt in Vitrinen. Eichlinger besitzt zwar den Schmuck, doch nichts davon gehört ihr wirklich: "Das ist alles totes Kapital", sagt die 52-Jährige. 

Eichlinger ist Goldschmiedin. Die große blonde Frau führt eine Werkstatt im Münchner Westend. Die Räumlichkeiten eines ehemaligen Lebensmittelgeschäfts teilt sie sich mit einem Fotografen und einer Autorin, das spart Miete. Denn trotz ihres Berufs ist Eichlinger nicht reich: "Man könnte sich am Anfang den Schmuck oft nicht leisten, den man verkauft", sagt sie. "Ich würde sagen, dass viele Goldschmiede in bescheidenen Verhältnissen leben."

Goldschmiede ist ein klassisches Handwerk, der Beruf ist in Bayern aber keine Seltenheit. Laut der Handwerkskammer für Oberbayern und München gab es im Jahr 2016 282 Betriebe in der Landeshauptstadt. In diesen lernen 33 Auszubildende das Handwerk. Die Betriebszahl gilt als langfristig steigend. 

Auf Anraten des Vaters

Eichlingers Ausbildungszeit liegt etwas länger zurück: Seit 31 Jahren arbeitet sie als Goldschmiedin. Zur  Ausbildung riet ihr Vater: Er hatte selbst Goldschmied werden wollen, das war für ihn nach dem Krieg aber nicht möglich. "Ich wollte eigentlich Schauspielerin werden, bekam aber dann einen Ausbidungsplatz an einer Fachschule für Glas und Schmuck", sagt Eichlinger. "Da dachte ich mir: Dann probierst du es mal. Letztendlich war es eine sehr gute Entscheidung." 

Nach der Ausbildung arbeitete Eichlinger für ein Jahr bei einem Goldschmied in München und machte danach ihren Master of Arts in New York. Zurück in Deutschland gründete sie mit einer Freundin eine Werkstatt in Augsburg und studierte danach an einer Kunstakademie - auch auf Anraten ihres Vaters. Dort lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen, einen Architekten. "Damals kam es zum Akademiebaby", sagt die 52-Jährige. Um Familie und Arbeit in Einklang zu bringen, arbeitete Eichlinger bis zum Auszug ihrer jüngsten Tochter in Teilzeit und verdiente darum weniger.

Kein klassisches Geschäft

Als Eichlingers Mutter ihren Ehering verlor, halbierte die 52-Jährige den Ring ihres Vaters und schmiedete daraus zwei Schmuckstücke für die Eltern. Für gewöhnlich arbeitet Eichlinger an einem Paar Eheringe ein bis drei Tage, je nach Aufwand. Ihre Kundschaft dafür findet meist von selbst zu der 52-Jährigen: Denn Eichlinger führt kein klassisches Geschäft mit Verkaufstheke, sondern präsentiert alles in ihrer Werkstatt. Kunden kennen sie durch ihr Schaufenster, ihre Webseite oder durch Veranstaltungen wie Open Westend. Reguläre Öffnungszeiten gibt es nicht, Termine finden nach Vereinbarungen statt. 

Angehenden Goldschmieden rät die 52-Jährige, sich anfangs auf das Handwerk zu konzentrieren und künstlerisch viel anzuschauen. "In der Selbstständigkeit muss man mit Elan reingehen und darf sich nicht irritieren lassen", sagt Eichlinger. "Dann wird's"

Mehr über das Leben als Goldschmiedin erfahren Sie in unserem AZ-Video oben. 

JETZT LESEN

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null