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Klassik Mutlos auf halber Strecke

Robert Braunmüller, vom 31.01.2012 16:30 Uhr
Der 1978 in Riga geborene Andris Nelsons ist ein heißer Kandidat für den Chefposten bei den Münchner Philharmonikern.  Foto: A. Burrows
Der 1978 in Riga geborene Andris Nelsons ist ein heißer Kandidat für den Chefposten bei den Münchner Philharmonikern. Foto: A. Burrows

Stadtteilkultur absurd: Die Münchner Philharmoniker geben ein Gratiskonzert im Prinzregententheater und verschweigen es

Auch in dieser Zeitung wurde mehr als einmal gefordert, die Münchner Philharmoniker möchten ihren Werbespruch vom „Orchester der Stadt” endlich mit mehr Leben erfüllen. Einmal im Jahr wäre es weise, von den Höhen des Gasteig herabzusteigen und auf jene Leute zuzugehen, die mit ihren Steuergeldern die bürgerliche Hochkultur mitfinanzieren, sich aber leider nicht in die Philharmonie hineintrauen.

Am Sonntag startet eine neue Reihe: „Die Münchner Philharmoniker vor Ort”. Aber von einem Orchester, das sein altes Jugendprogramm mit riesigem Werbeaufwand als Novität verkauft und Beethoven gemütlichen älteren Herren anvertraut, um die eigene Gemütlichkeit nicht zu stören, sollte man nicht zuviel Risikofreude erwarten.

Und so trauen sich die Philharmoniker nicht etwa nach Neuperlach, sondern nur bis Bogenhausen: Am Sonntag um 11 Uhr dirigiert der lettische Feuerkopf Andris Nelsons Joseph Haydns Symphonie Nr. 90, Richard Wagners Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde” mit Lioba Braun als Solistin sowie die Tondichtung „Ein Heldenleben” von Richard Strauss im Prinzregententheater.

Es ist nun nicht so, dass die Türen des Hauses aufgemacht werden und jeder hinein darf, bis der Saal voll ist. Für so viel Mut langt es nicht. Die Karten sind zwar gratis, wurden aber längst an die philharmonischen Abonnenten verteilt. Damit ihnen niemand die Plätze neidet und von dem Konzert erfährt, wird es auf der Homepage des Orchesters wie auf jener des Theaters schamhaft verschwiegen. Weil Nelsons erst im Dezember zugesagt habe, sei es technisch nicht anders möglich gewesen, die Karten angemessen unter die Leute zu bringen und für ein volles Haus zu sorgen.

Spätestens an diesem Punkt langt man sich an den Kopf. Es gibt das Internet, Leute! Tatsächlich geht es den Philharmonikern auch gar nicht um die Stadtteilkultur. Sie suchen einen neuen Chef für die Zeit nach den drei Jahren unter Lorin Maazel. Da ist Andris Nelsons ein heißer Kandidat, den die Philharmoniker kennenlernen wollen. Auch beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gilt der Schüler von Mariss Jansons als denkbarer Nachfolger für seinen Lehrmeister, weshalb sich dort die Begeisterung für den Ausflug des Dirigenten in Grenzen hält.

An Nelsons-Auftritten ist übrigens in München kein Mangel: Er dirigiert heuer ein Sonderkonzert sowie den Auftritt bei „Klassik am Odeonsplatz” der Mannen des BR und gastiert auch noch mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra im Gasteig. Und apropos „vor Ort”: München ist keine Stadt stillgelegter Zechen. Aber dort, wo solche in der Gegend herumstehen und die Sprache der Bergleute angemessen wäre, haben die Orchester erheblich mehr Fantasie bei der Öffnung des Konzertbetriebs und der Erfindung neuer Formate als jener Weltklasseklangkörper, der die Nase zu hoch trägt, um für alle Leute einmal im Jahr in einem Stadtteilkulturzentrum gratis zu spielen.

Kommentare (3)
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FEB
06
13:15 Uhr, geschrieben von Robert Braunmüller
zu Bruckner
Lieber Bruckner, das Konzert wurde vom Orchester als Auftakt zur Reihe "Philharmoniker vor Ort" bezeichnet. Auch auf ausdrückliche Nachfrage hin wurde dies noch einmal bestätigt.
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FEB
06
08:46 Uhr, geschrieben von Bruckner
Falsch verstanden
Ich glaube, hier hat Herr Braunmüller etwas falsch verstanden. Bei dem Konzert handelte es sich um ein "Dankeschön-Konzert" für die Abonennten; da ist es doch klar, dass die Karten auch an diese verteilt - in diesem Falle verlost - wurden. Herr Braunmüller, es passiert Ihnen leider häufiger, dass Sie Dinge kritisieren, die völlig in Ordnung sind. Zum Beispiel fand ich es persönlich auch sehr gut, dass vor Kurzem so viele verschiedene Aufführungen der vierten Symphonie von Bruckner in München zu hören waren. Diese Vergleichsmöglichkeit ist es doch gerade, was den Rang einer Musikstadt unter anderem ausmacht! In denselben Wochen erklangen ja auch die dritte, fünfte und siebte Symphonie! Hingegen sind Sie, was das Symphonieorchester des BR anbelangt, leider manchmal etwas zu unkritisch. Aber das ist eben momentan gerade en vogue. - Das einzige, was ich an dem Philharmoniker-Konzert nicht verstehe, ist, warum man es bei der großen Nachfrage nicht in der Philharmonie gespielt hat. Die - im übrigen nicht so schlechte - Akustik dort hätte einem Werk wie Strauss' "Heldenleben" auch besser zu Gesicht gestanden als das dafür zu kleine Prinzregententheater.
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FEB
02
20:15 Uhr, geschrieben von Vorteilhaft
Unangebrachte Kritik
Ich denke das Rating dieses Artikels spricht Bände. Nur weil es wirklich etwas unglücklich war in Bogenhausen mit den "Konzerten vor Ort" zu beginnen ( Wobei Ich die Erklärung der Philharmoniker sehr gut zu diesem Thema verstehe, denn wenn das Konzert wirklich so kurz erst angekündigt wurde, dann ist ein Umzug nach Neuperlach oder wo sonst noch hin (Ja wo sonst noch hin?) in der kurzen Zeit nicht zu realisieren gewesen), heißt es noch lange nicht, dass alle anderen alternativen Konzertformen das Ziel verfehlt haben. Dafür das die Münchener Philharmoniker erst sehr spät auf den rollenden Zug des Anwerbens konzertferner Bevölkerungsschichten aufgesprungen ist, hat sich bei ihnen inzwischen fast unglaubliches getan. Die Jugend und Kinderkonzerte sind wirklich gut gelungen, und nun soll mit den "Philharmonikern vor Ort" noch ein weiterer Baustein gesetzt werden. Nach diesem ersten Konzert sollen die Konzerte dieser Reihe auch in wirkliche "Konzertbesuchsnirwanas" führen, doch ein solcher Schritt erfordert mit Sicherheit deutlich mehr Planung als ein kurzfristiger Umzug in das Prinzregententheater. Es ist immer leicht zu spotten, gerade wenn ein Orchester sich nicht als Publikumsliebling profiliert. Und gerade der BR verwundert mich, dass er hier erwähnt wird. Ich als Schüler möchte hier einmal sagen, dass der BR doch wirklich keinen Grund hat weit aus dem Fenster zu lehnen. Nur weil es den Namen "Orchester der Stadt" nicht im Namen trägt heißt es nicht, dass er keine richtigen Kinder- und Jugendkonzerte zu veranstalten hat. Denn reine Vorbereitung und dann ein normales (Spitzen)Konzert sind nicht wirklich das, was ich mir unter Jugendkonzert vorstelle. (Das letze Konzert, wo ich von der Schule Schülerkarten hatte, war Mahler 8. Da sind viele vorher gegangen. Das Modell mit Moderation, wie bei den Phil: Malte Arkona scheint mir deutlich publikumsnäher) Die Internetseite Des BR zu dem Thema: http://www.br.de/radio/br-klassik/symphonieorchester/education/index.html Und zur Erinnerung: http://www.spielfeld-klassik.de/ ---> das macht eine wirklich bessere Figur hinsichtlich Internetpräsenz etc. Ich als Laie frage mich Außenstehender frage mich auch, warum der BR rummault wenn die Philis eine guten Dirigenten engagieren. Kann den doch wurscht sein oder trägt vlt auch der BR die Nase so hoch, dass er leider keine Dirigenten empfängt, die die Philis schon dirigiert haben?? Ich bin Schüler und freue mich auf eine Antwort. Viele Grüße
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