Der Münchner Tenor Jonas Kaufmann über Richard Wagner und seine neue CD mit Opernszenen des Komponisten

Im Dezember triumphierte er als Lohengrin an der Mailänder Scala, jetzt singt er Parsifal an der Metropolitan Opera in New York: Jonas Kaufmann hat sich zum 200. Geburtstag Richard Wagners (1813-1883) dem Meister verschrieben. Auf einer neuen CD, kurz und knapp „Wagner“ betitelt, singt der Startenor eine halbes Dutzend Arien – von „Lohengrin“ bis „Meistersinger“. Dabei sieht sich Kaufmann nicht als ausschließlicher Wagner-Tenor

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AZ: Herr Kaufmann, werden Sie in den USA eigentlich in die Schublade „The German Tenor“ gesteckt?

Nein, denn ich bin ja anfangs nicht als Vertreter des deutschen Fachs, sondern für die italienische und französische Oper nach New York gekommen. Meine erste Wagner-Partie habe ich vor zwei Jahren an der "Met" gesungen – den Siegmund in der "Walküre". Viele meinen: Einmal Wagner, immer Wagner. Da hat man dann den Stempel. Deswegen bestehe ich auf eine Mischung. Es wäre grausam, ein ganzes Jahr dieselben Partien zu singen.“

Es dürfte Fans geben, die sich nichts anderes wünschen, als dass ein Sänger nur Wagner singt ... 

Aber Wagner hat sich ja gerade von der Gesangstechnik der Italiener inspirieren lassen. Wo nehme ich denn die Übung her, wenn nicht von Verdi und Puccini? Bei den Italienern bekomme ich die Schönheit und Weichheit in der Stimme, die ich dann bei Wagner brauche.

Fürchten Sie sich vor den Wiederholungen?

Das Repertoire ist so mannigfaltig und auf meiner Warteliste stehen wunderschöne Opern. In den nächsten zehn Jahren wird es abwechslungsreich. Danach bin ich vielleicht froh, dass ich keine neue Partie mehr lernen muss.

Wann haben Sie Wagner zum ersten Mal gehört?

An das genaue Jahr erinnere ich mich nicht. Mein Vater und mein Großvater hatten eine große Sammlung von Tonbändern, bestimmte Aufnahmen liefen bei uns rauf und runter und Wagner hatte dabei einen großen Anteil. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen.

Manche Menschen können mit Wagner nichts anfangen.

Bei Wagner gibt es nur Liebe oder Hass, dazwischen passt kaum etwas. Vielen fällt der Einstieg schwer. Als leichte Kost nebenbei ist er nicht zu haben. Man muss die Geduld haben, um die komplexe Gestaltung der Musik und ihre Logik zu erkennen. Aber dann macht es unheimlich Spaß. Man wird süchtig, wenn man die versteckten musikalischen Motive erkennt.

Eine gewisse Überzeugungsarbeit ist also nötig.

Ein guter Bekannter meinte, Wagner sei simpel und effekthascherisch. Daraufhin habe ich ihm meine neue CD vorgespielt, und da hat er mir gestanden, dass durch meine langen Phrasierungen, also ohne durch häufiges Zwischenatmen die Linie zu durchbrechen, die Musik Wagners für ihn erst Sinn macht. Da wird ein Sog erzeugt, der einen nicht mehr loslässt.

Vor „Tristan und Isolde“ haben Sie Respekt...

Der zweite Akt ist wunderschön, das ist im Bereich des Möglichen. Beim dritten Akt fragt sich jeder Sänger, ob das eine Stimme überhaupt aushält. Deswegen spare ich mir den "Tristan" auf, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich weiß, dass ich das auch stimmlich sicher meistern kann.

Sie haben auf der CD auch die Lieder aufgenommen, die Wagner im Schweizer Exil für seine Geliebte Mathilde Wesendonck schrieb – an sich für Frauenstimme komponiert.

Ja, das steht bei Wagner so da. Aber ich finde diese Texte überhaupt nicht frauenlastig. Wagner hat sich damit identifiziert, wie eine Pflanze in fremder Erde zu leiden. Deswegen finde ich es konsequent, Wagners Gefühle mit einer Männerstimme auszudrücken. Und ich gönne es den Frauen nicht, dass nur sie das Recht auf dieses wunderbare Werk haben.

Sie fühlen sich also ein wenig wie Wagner in der Fremde?

Ich bin nicht in der gleichen Leidensphase wie Wagner damals. Aber die Gefühle kann man nachvollziehen, wenn man wie ich lange nicht zu Hause ist und nur aus dem Koffer leben muss.

„Wagner“, Jonas Kaufmann, Orchester der Deutschen Oper Berlin/Donald Runnicles (Decca)