Klassik am Odeonsplatz Manfred Honeck über den Dirigenten-Beruf

Der Dirigent Manfred Honeck. Foto: Felix Broede

Der Österreicher Manfred Honeck dirigiert den ersten Abend von „Klassik am Odeonsplatz"

An diesem Wochenende öffnet wieder der größte Konzertsaal der Stadt: Bei „Klassik am Odeonsplatz“ spielt am Samstag das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Manfred Honeck. Der Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra war früher Bratschist der Wiener Philharmoniker.

AZ: Herr Honeck, wie schafft man den Sprung vom Orchester auf das Dirigentenpult?
MANFRED HONECK: Es ist schon mal nicht ganz einfach, über schwierige Probespiele Mitglied der Wiener Philharmoniker zu werden. Im Orchester bekommt man die ganzen Geheimnisse des Ensemblespiels mit. Meine Augen waren aber immer beim Dirigenten. Wenn man vorne steht, ist das doch etwas anderes. Man ist derjenige, der gibt.

Und das hat Sie gereizt?
Als Orchestermusiker bleibt man abhängig von den Tempi und der Klangvorstellung des Dirigenten. Mich hat diese aktive Rolle immer gereizt. Aber es hat lange gedauert, weil ich mir für jedes Stück viel Zeit nehme. Ich will die Entscheidungen des Komponisten nachvollziehen und die Interpretationsgeschichte eines Stücks kennenlernen.

Der Punkt ist doch, ob man das Wissen in einer Probe den Musikern vermitteln kann.
Man denkt lange über ein Werk nach, manchmal Jahre. Dann muss ein Stück innerhalb von zwei Tagen stehen. Das ist eine Frage der Psychologie und des Handwerks.

Zuviel reden sollte man nicht.
Trotzdem brauchte es Erklärungen, um verständlich zu machen, was der Komponist eigentlich wollte. Man muss dabei authentisch bleiben. Musiker merken sofort, wenn der Dirigent ein Schauspieler ist und aufgesetzt wirkt. Ich entschuldige mich auch sofort, wenn ich einen Fehler mache. Man kann die Musiker im Orchester heute nicht mehr anschreien, wie es Fritz Reiner oder Arturo Toscanini gemacht haben.

Sie sind Chef eines amerikanischen Orchesters. Wie unterscheidet sich der Musikbetrieb hier und dort?
Amerikanische Orchester sind bestens organisiert, auch was die Probenzeit angeht. Fundraising spielt eine große Rolle. Wir sind völlig auf private Geldgeber angewiesen, denn der Staat hat sich aus der Kulturförderung zurückgezogen und wird sie unter Trump weiter kürzen.

Gibt es die reichen Mäzene noch?
Schon. Aber es ist die Frage, ob die jüngere Generation diese Tradition fortsetzt. Das Pittsburgh Symphony Orchestra wird von der Heinz Fundation unterstützt – deshalb sind die Teppiche und Stühle rot wie Ketchup. Der kürzlich verstorbene Henry Hilman wollte Pittsburgh auch international bekannt machen – nicht nur durch Stahlwerke, Football und Baseball. Er hat Geld dafür gegeben, damit das Orchester als Botschafter der Stadt auftritt. Seine Stiftung trägt dazu bei, dass wir dieses Jahr im Sommer in Salzburg und bei anderen Festivals auftreten können.

Sie dirigieren am Odeonsplatz auch eine Suite aus „Rusalka“. Warum haben Sie diese Oper von Antonín Dvorák arrangiert?
Ich liebe diese Musik, seit ich „Rusalka“ in der Wiener Staatsoper unter Vaclav Neumann im Orchester gespielt habe. Meine Suite beginnt mit der Hochzeitsmusik und folgt dann unter anderem den Wandlungen des Motivs der Titelfigur von einer Glücksmelodie in eine Todesmusik.

Was passiert mit den Singstimmen?
Vieles wird ohnehin durch Instrumente im Orchester verdoppelt. Das „Lied an den Mond“ ist bei mir ein Violinsolo. Und die Musik der Hexe klingt ohnehin wie ein slawischer Tanz von Dvorák.

Am Ende gibt es die „Jazz-Suite“ von Dmitri Schostakowitsch mit dem Walzer, der aus der Musik zu Stanley Kubricks Film „Eyes Wide Shut“ bekannt wurde.
Mit Jazz hat die Musik nicht viel zu tun. Der korrekte Titel lautet auch „Suite für Varieté-Orchester“. Ich habe mir erlaubt, die Reihenfolge ein wenig umzustellen.

Haben Sie schon oft unter freiem Himmel dirigiert?
Unter anderem Beethovens Neunte in Genua. Ich habe mir Videos bei „Klassik am Odeonsplatz“ angesehen. Das hat mich stark beeindruckt. Die Tontechnik ist entscheidend, aber da bin ich zuversichtlich.

Bringt man mit solchen Konzerten ein neues Publikum in Klassik-Konzerte?
Schwer zu sagen. In Pittsburgh haben Popgruppen mit dem Orchester gespielt. Es sind viele junge Leute gekommen. Aber viele sind anschließend nicht in die normalen Konzerte gegangen. Die Klassik hat ihr eigenes Stammpublikum. Aber man hofft.    .
 


Am zweiten Abend Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker

Auf das Konzert am Samstag um 20 Uhr mit dem BR-Symphonieorchester folgt am Sonntag zur gleichen Zeit der Auftritt der Münchner Philharmoniker. Die chinesische Pianistin Yuja Wang spielt das erste Brahms-Konzert, danach dirigiert Valery Gergiev die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky in der Orchesterfassung von Maurice Ravel.

Am Samstag ist der Himmel bedeckt, für den Sonntag wird ein lauer Abend versprochen. Regenkleidung sollte man immer mitnehmen. Schirme mit Spitzen sind nicht erlaubt. Geld zurück gibt’s nur, wenn weniger als die Hälfte des Programms gespielt wurde und der Solist nicht aufgetreten ist.

Beide Konzerte sind ausverkauft, eventuelle Restkarten gibt es am Zugang an der Brienner Straße. BR Klassik überträgt das Konzert am Samstag live im Hörfunk, im BR-Fernsehen, auf 3sat und per Video-Livestream.
Das Konzert der Philharmoniker am Sonntag wird per Video-Livestream auf BR Klassik ins Internet übertragen.

 

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