Der Ex-Bayern-Präsident besucht die JVA-Kirche, ist auf der Krankenstation untergebracht, schaut sich WM-Spiele an und wird von den anderen Insassen abgeschirmt. Ein Mithäftling erzählt.

München/Landsberg - Das Stadion der JVA ist die Kirche. Zwölf Sitzreihen sind wie eine Fußballtribüne aufgebaut. Halbrund und hinten höher als vorne.

So sehen die Wärter die Häftlinge. Und die wiederum haben einen guten Blick auf Maria, Jesus und Pater Patrick Leopold.

Am Sonntag, kurz vor 10 Uhr, öffnet sich der Hintereingang. Aber nicht der Pater tritt ein, sondern ein Mann in grüner Hose und blauem Kittel – der Anstaltskleidung, die hier alle tragen müssen.

Was ihn von den anderen Häftlingen unterscheidet, sind die Schuhe: Er hat nicht das schwarze Einheitsmodell aus Leder an, sondern Sneakers von Adidas, dem Bayern-Sponsor. Bis 2020 läuft der Vertrag. Insider beziffern seinen Wert auf 180 bis 200 Millionen Euro.

Herein kommt der, der ihn ausgehandelt hat: Uli Hoeneß, seit 16 Tagen Gefangener in der JVA Landsberg.

Mörder, Diebe und Steuerhinterzieher beten das Vaterunser

„Grüß Gott“, sagt er freundlich, nickt den rund 40 Häftlingen zu und setzt sich auf eine der harten Holzbänke. Die vorderen haben eine Heizung, die im Sommer natürlich nicht läuft. Die Kirche ist eher ein Ort zum Abkühlen.

Um 10 Uhr beginnt die Messe. Dann beten sie gemeinsam das Vaterunser: Mörder, Totschläger, Diebe, Scheckfälscher, Heiratsschwindler und Steuerhinterzieher.

Es wird gesungen. Hoeneß macht mit. Voller Inbrunst und mit rotem Kopf. Sein unverwechselbares Timbre ist bis in die hinterste Sitzreihe hörbar.

Das berichtet der Abendzeitung jemand, der ganz dicht dran ist, in der Kirche neben Hoeneß saß: Sein 40-jähriger Mithäftling Andreas K. (Name geändert), inzwischen Freigänger, der wegen mehrerer Eigentumsdelikte einsitzt.

Vom derzeit prominentesten Gefangenen hat er bislang nicht viel gesehen. Wie die meisten anderen Insassen.

Ein eigener Fernseher in der Zelle

Nach der Messe verschwindet der ehemalige Bayern-Präsident wieder durch den Hinterausgang der Kirche. Die Beichtstühle, es gibt zwei, lässt er links liegen.

Hoeneß geht direkt auf die Krankenstation. Dort ist er derzeit untergebracht. Die fälligen Atteste stellte Bayern-Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt aus. Diagnose: unbekannt. Auch der Gefängnisarzt von Landsberg hat ihn am ersten Tag untersucht.

Die Krankenstation hat Vorteile. Hoeneß’ Zelle ist größer als die der anderen Häftlinge, entspricht einer Vier-Mann-Zelle. Sie hat warmes Wasser – normalerweise kommt nur Kaltes aus dem Hahn. Und einen Fernseher, der rund um die Uhr laufen darf. England gegen Italien um Mitternacht? Kein Problem.

Für jemanden wie Hoeneß, dessen Leben der Fußball ist, derzeit ein besonders wertvolles Gut. Ihm die WM-Spiele vorzuenthalten, würde wohl an Folter grenzen. Hier kann er sich alle Spiele anschauen. In ordentlicher Bildqualität und in Zimmerlautstärke.

Alle Apparate haben Kabelanschluss. Pay-TV ist nicht empfangbar. Bundesligaspiele auf Sky wird es auch für Hoeneß nicht geben.

Im Speisesaal fehlt jemand

Die Gefangenen der JVA essen in einem großen Raum, den „Saal“ zu nennen trotz der Landschaftsgemälde an den Wänden schönfärberisch wirkt. Zwischen 11 und 12 Uhr. In Schichten. 288 Plätze gibt es, die JVA hat bis zu 565 Insassen.

Auf den Blechtellern landen Schinkennudeln, Putenwürste, Kartoffeln. „Kost“ heißt das hier und nichts anderes ist es auch.

Hoeneß ist Gesprächsthema in den Zwölferreihen vor den abgenutzten Plastiktischen – sofern man von Gesprächen sprechen kann. An der Wand hängt ein Zettel mit der Aufschrift: „Hey Kollega, du Ruhe, nix bla bla.“ Daran halten sich die Essenden weitgehend.

Über Abwesende soll man ohnehin nicht sprechen. Hoeneß ist einer. Im Speisesaal wurde er bislang nicht gesehen. Er isst auf der Krankenstation. „Wahrscheinlich etwas von Käfer“, lästert Andreas K.

Das stimmt natürlich nicht. Die Kost auf der Krankenstation gilt zwar als etwas besser als die im Saal, ist aber ähnlich. Dafür wird sie ein wenig stilvoller serviert: auf weißen Porzellantellern.

Gesellschaft für den Neuling

Geweckt wird Hoeneß um 5.50 Uhr durch einen langen, tiefen Ton. Um 6.10 Uhr schließt ein Wärter seine Zelle auf. Ein kleiner Luxus: Während die Häftlinge ihre Betten machen müssen, erledigen das auf der Krankenstation die JVA-Mitarbeiter für Hoeneß.

Frühstück holt er sich um 6.20 Uhr ab. Kaffee, Brot, Margarine, Marmelade.

Allein ist Hoeneß nicht. Ein älterer Mithäftling, dem es gesundheitlich nicht gut geht, leistet ihm Gesellschaft. Das ist Absicht. In den ersten Wochen hinter Gittern kann die Einsamkeit unerträglich sein.

Zumal der Ex-Präsident nicht wie alle anderen im Knast arbeitet. Noch nicht. Als gelernter Metzger, der laut „Stiftung Warentest“ Deutschlands zweitbeste Bratwürste herstellt, könnte er in der anstaltseigenen Metzgerei tätig sein. Ab 7 Uhr morgens müsste Hoeneß dort seine Dienste leisten.

Separater Hofgang für Hoeneß

Nicht nur in Gefängnisfilmen gibt es den Hofgang: Auch in Landsberg halten sich hunderte Häftlinge für zwei Stunden im Freien auf. Spielen Tischtennis. Machen Klimmzüge. Zeigen ihre Muskeln. Bilden Gruppen und Grüppchen – lang oder ganz kurz.

Hoeneß ist auch hier nicht dabei. Andreas K. und andere haben beobachtet, wie er einen separaten Spaziergang absolviert – in einem nicht einsehbaren Bereich der Haftanstalt. Mit Bäumen und grüner Wiese. Abgeschirmt von den anderen Häftlingen.

Als Aufpasser an seiner Seite: ein hochrangiger JVA-Beamter mit Doktortitel, der sich angeregt mit Hoeneß unterhält. Ein Prozedere, das die Anstaltsleitung auf AZ-Anfrage weder bestätigt noch dementiert.

Extrawurst? Auf jeden Fall auch Vorsichtsmaßnahme. Vor seiner Haft bekam Hoeneß einen mehrseitigen Erpresserbrief, der androhte, dass sein Aufenthalt „kein Zuckerschlecken“ werde (AZ berichtete).

Der 50-jährige Täter ist zwar längst gefasst, doch die Beamten wollen nach wie vor verhindern, dass es zu einem Zwischenfall kommt. „Das wäre ein riesiger Imageschaden“, glaubt Andreas K.

Häftlinge wollen ein Foto schießen

Aus der JVA erfährt man, dass es auch noch um etwas anderes geht: Hoeneß will nicht, dass ein Foto, das ihn in Gefängniskluft zeigt, an die Öffentlichkeit gelangt.

Seine Sorge ist berechtigt: In Berliner Gefängnissen werden jedes Jahr über 1000 Mobiltelefone sichergestellt. Zahlen für Bayern gibt es nicht. Aber Urteile: Erst vor kurzem wurde in München ein Mann verknackt, der einen schwunghaften Handy-Handel in der JVA Stadelheim betrieben hatte (AZ berichtete).

Medien sollen Freigängern mehrere Tausend Euro für einen Hoeneß-Schnappschuss geboten haben. Das hat sich unter den Häftlingen herumgesprochen. Und das weiß auch die Anstaltsleitung, die in einigen Zellen gezielt nach Fotohandys suchen ließ, berichtet Andreas K.

Ein inoffizieller Fotowettbewerb ist entbrannt. Die JVA will, dass es keinen Sieger gibt.

Sogar eine mysteriöse Drohne mit Kamera ist kürzlich über dem Innenhof aufgetaucht. Wer sie geschickt und gesteuert hat: unbekannt.

Alles Gründe, die aus Sicht der JVA wohl für eine Separierung von Hoeneß sprechen.

Die Knastmannschaft will ihn

Trotzdem: In der Fußballmannschaft der JVA würde man sich über einen Besuch freuen. Hier gibt es viele Bayernfans, die die FCB-Ikone gerne persönlich kennenlernen würden, berichtet Andreas K. Auch manche Löwen-Anhänger hätten ein paar Fragen an den Roten.

Wer auf dem holprigen Rasen neben dem Freibad mitkicken will, muss einen Antrag stellen. Das hat Hoeneß bislang nicht getan. Als Trainer oder Teammanager dürfte er allerdings nicht antreten. Das erledigen spezielle Sportbeamte.

An der Fitness würde es nicht scheitern. Hoeneß, der zuletzt deutlich an Gewicht zugelegt hat, soll sichtbar abgenommen haben. Sein Ehering passt aber noch. Das Schmuckstück, das ihm seine Susi 1973 angesteckt hat, musste er – anders als die Armbanduhr – nicht abgeben. Er trägt es immer.