Der Flaneur hat eine Vision. Er hört Brüderle in einer Kirche Bach singen und wundert sich über den Text

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Vorige Woche habe ich an dieser Stelle ein paar marginale Schmähungen gegen Rainer Brüderle vorgebracht. Ich dachte, die Erregung über seine verunglückten Komplimente sei am Auslaufen und wollte im Schlusschor der Empörung noch ein kleinen Pfiff loswerden. Nun tobt die Sexismusdebatte noch immer, und es wurmt mich, dass ich mit der Meute heulte. Nicht die feine Art.

In Augsburg fühlte sich dieser Tage ein CSU-Politiker von einer lokalen Kolumne verunglimpft und verlangte von der Zeitung das Lüften der Autorenidentität. Jetzt hat mein geschätzter Kollege Franz Dobler den Mann am Hals. Hab’ ich ein Glück, dass Brüderle nicht die AZ zwang, meine Adresse rauszurücken. Nicht auszudenken: plötzlich steht er vor der Tür, womöglich nassgeregnet und demütig mit der Straßenbahn gekommen und sagt mit traurigem Hundeblick: Was haben Sie gegen mich? Bin ich wirklich so schlimm? Schon wird man menschlich und bietet ihm einen heißen Tee an.

Offenbar hat die verdrängte Angst vor diesem Auftritt bei mir zu einem kuriosen Traum geführt: Ich ging auf der schnöden Jagd nach einem preiswerten Pullover durch die Fußgängerzone, als aus der Michaelskirche so süße Klänge tönten, dass ich meine Religionsaversion vergaß und ich in die Kirche spähte.

Dort stand Brüderle, sah aus wie ein Prälat und sang die Bach-Kantate „Ich habe genug“ – und zwar mit einer hellen, halb knaben- und halb greisenhaften, holdseligen Stimme: „Welt, ich bleibe nicht mehr hier, / Hab ich doch kein Teil an dir...“ Er wirkte eher erlöst als verzweifelt. Es war klar, dass er nicht im Sinne des Kantatentextes vom ird’schen Dasein die Nase voll hatte und den Tod herbeisehnte.

Er hatte nur ganz einfach genug von der Politik, von Journalistinnen und grausamen Fehlinterpretationen. Er sehnt sich nach gemütlichen Weinstuben und Frauen, die seine Worte nicht als Entgleisungen empfinden, sondern fröhlich kichern. Ich war voller Hochachtung. Eine derart originelle Rücktrittserklärung hatte ich ihm nicht zugetraut.

Was die Bachkantate betrifft, so ist ihre Botschaft strenggenommen sehr viel menschenverachtender als Brüderles Anmache frauenverachtend ist. Was für eine schöne Melodie, was für schmeichelnde Begleitung. Der Text aber ist Hardcore, todessüchtig, lebensfeindlich. Der depressiven Sehnsucht nach dem Paradies könnte jeder islamistische Selbstmordattentäter zustimmen.

Sollte allmählich mal jemand behutsam umdichten. Muss ja nicht gleich eine politische Rücktrittskantate daraus werden. Aber vielleicht ein Lied der Gastgeber, die keine überflüssigen Geschenke mitgebracht haben wollen. Im letzten Sommer habe ich eine Einladung bekommen, auf der zart, aber deutlich zu lesen war: Das Haus voller Bücher, der Garten voller Blumen – also nix mitbringen bitte! Es wäre mir lieber, wenn es in der Ich-habe-genug-Kantate in diesem freundlich-weisen Sinn um die auch nicht unwichtigen Probleme des Überflusses ginge.