Bei Gyros und Retsina macht sich der Flaneur Gedanken über das Streben und den Streber

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Vor ein paar Monaten noch setzte man mit dem Besuch eines griechischen Lokals ein Zeichen: Ich habe nichts gegen euer Land! Ich finanziere nicht nur mit meinen Steuern ohne Murren eure Rettung, ich unterstütze euch darüber hinaus, mit dem Schlucken von Retsina und dem Verzehr von Schafskäse.

Zum Griechen gehen war schon fast eine kleine Demonstration gegen Markus Söder, der gern von seiner Bubihaftigkeit ablenken und darauf hinweisen will, dass er bayerischer Finanzminister ist. Weil er als solcher in Europa nicht viel zu sagen hat, poltert er gern grimmig gegen die Griechen.

Die aus Griechenland kommenden Wirte sprechen übrigens nicht selten noch viel grausamer von ihrer Heimat und ätzen schlimmer als Söder über Faulenzerei und Parasitentum. Das ist neben haufenweise kriminellem Unsinn (Privatisierung des Wassers!) eine der wenigen wirklichen Errungenschaften des vereinten Europas: dass mit Ausnahme von ein paar strammen Nationalisten die Europäer halbwegs kultiviert und souverän genug geworden sind, um sich nicht mehr wie die Affen auf die Patriotenbrust zu klopfen, sondern sich über ihr eigenes Land und ihr Volk lustig zu machen.

Im Augenblick ist Berlin mit seinem Pleiteflughafen das neue Athen. Und die Bayern wollen nicht über den Länderfinanzausgleich für diese Lachnummer zahlen müssen. Bis zur nächsten Milliardenspritze ist Griechenland als Thema an den Rand geraten, und man kann wieder ganz unpolitisch Gyros essen gehen.

Neulich Abend war ich mit ein paar Freunden beim Griechen. Wirt und Ober unterhielten sich mit uns. Sie hatten ein Sprachproblem. Der Wirt hatte zu dem neuen, mit ihm verwandten Ober gesagt: „Du musst ein Streber sein!" Der hatte von seiner besser deutsch sprechenden Freundin gehört, dass ein Streber ein Scheusal ist. Wir wurden um Aufklärung gebeten.

Meine smartphonebesitzenden Freunde zogen wie die Revolverhelden reflexartig ihre Geräte aus den Taschen und wollten sofort zu googeln beginnen. „Auf den Tisch mit den Dingern und Hände weg“, rief ich scharf. Die Sache würde sich doch auch ohne die Waffengewalt der Suchmaschine regeln lassen. Dauerte noch eine Runde Retsina und Ouzo.

Es ist nicht leicht, Menschen, die einfache Deutschkenntnisse haben, den Bedeutungswandel zu erklären. Nach Anerkennung und Erfolg zu streben ist ja zunächst einmal positiv und wird in Goethes „Faust“ sogar als erlösend beschrieben.

Erst im späteren 19. Jahrhundert wurde daraus der heute als penetrant empfundene karrieregeile, opportunistisch herumschwänzelnde, subaltern buckelnde, sich mit Wissen vollstopfende und damit prahlende, mal ehrlich und mal unehrlich belanglose Doktorarbeiten zusammenschreibende, andere hochnäsig kritisierende Strebertyp. Wie sollten wir den Unterschied zwischen einem netten integrationswilligen Ausländer und einem nervigen Integrationsstreber erklären?