Wie unser Kolumnist einmal dem FDP-Politiker Rainer Brüderle begegnete

Anzeige

Die Gefahr, Rainer Brüderle zu begegnen, ist im Gegensatz zu Berlin in München zum Glück gleich null. Der FDP-Politiker ist nicht jedermanns Geschmack. Schon gar nicht gefällt er jeder Frau. Eine junge Journalistin hat er vor einem Jahr angemacht - vielleicht verwirrt von ihrem Namen (Laura Himmelreich – welcher Mann wird da nicht weich, hat Brüderle nach dem zweiten Viertel Wein vielleicht gereimt). Der ohnehin schon schleimige Brüderle wurde klebrig, so ist es jetzt im „Stern“ zu lesen, und es tobt die Diskussion, ob sein Gesabbel sexistisch war oder nur zum Kotzen.

Meine Begegnung mit diesem Menschen ist noch länger her und nicht erotischer Natur. 1996 hatte ich einen Roman im Internet veröffentlicht, galt prompt als Pionier und wurde eingeladen, auf einer Medien-Tagung einen Vortrag zu halten. 3000 Mark. Frohlocken. Die Sache hat nur einen Haken, sagte die Stimme am Telefon: Die Veranstaltung wird von der FDP organisiert und finanziert. „Ich kenne Ihre Texte und weiß, dass Sie uns nicht mögen.“ Entwaffnend. Es war keine Wahlveranstaltung, die FDP war nur Sponsor. Ich sagte zu, auch weil ich es menschenfreundlich fand, dass die jemandem, dem man das Alkoholproblem am Telefon anhört, eine Tagung organisieren lassen.

Nach dem Vortrag in Mainz kam mit süßsäuerlichem Grinsen ein Mensch auf mich zu, der mir vage bekannt vorkam. Schön, schön, sagte der Typ und hielt mir die Hand hin, ohne sich vorzustellen. Eine FDP-Schranze. Man sollte in die Hand beißen, die einen füttert, dachte ich, tat es aber nicht. Zu eklig. Wer sind Sie? fragte ich genervt.

Brüderle war damals „Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau“ und Stellvertreter des rheinland-pfälzischen SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck. Er war mir im Fernsehen hin und wieder wegen seines vorlauten Gemeckers aufgefallen. Sein schiefes Feixen wurde noch schiefer. Es war ihm anzusehen, dass er nicht wusste ob ich einen Witz machen oder ihn provozieren wollte. Er drehte ab, ohne dass wir uns begrüßten. Ich denke heute noch gern an sein verwirrtes Gesicht.

Der letzte Roman von Martin Walser beginnt schwungvoll mit der Schilderung eines Essens beim Bundespräsidenten. Bedeutende Kulturträger sind geladen. Der Icherzähler ist Schriftsteller von der Bekanntheit Walsers. Beim Eingang werden die Gäste mit Namensschildchen versorgt, die man gern in der Tasche verschwinden lässt. Zu albern und kongresshaft . „Meins steckte ich mir sofort an“, heißt es bei Walser, „weil ich nicht den Eindruck erwecken wollte, man müsse mich hier kennen.“

Diese sympathisch verdrehte Angst, für überheblich gehalten zu werden ist einem schauerlich polterndem Machtgespenst wie Brüderle natürlich völlig fremd. Dem bescheiden wirkenden Philipp Rösler wäre solche Höflichkeit eher zuzutrauen.