Joseph von Westphalen Die Hand beißen
Joseph von Westphalen, 27.01.2013 10:00 Uhr
Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".Foto: dpa
Wie unser Kolumnist einmal dem FDP-Politiker Rainer Brüderle begegnete
Die Gefahr, Rainer Brüderle zu begegnen, ist im Gegensatz zu Berlin in München zum Glück gleich null. Der FDP-Politiker ist nicht jedermanns Geschmack. Schon gar nicht gefällt er jeder Frau. Eine junge Journalistin hat er vor einem Jahr angemacht - vielleicht verwirrt von ihrem Namen (Laura Himmelreich – welcher Mann wird da nicht weich, hat Brüderle nach dem zweiten Viertel Wein vielleicht gereimt). Der ohnehin schon schleimige Brüderle wurde klebrig, so ist es jetzt im „Stern“ zu lesen, und es tobt die Diskussion, ob sein Gesabbel sexistisch war oder nur zum Kotzen.
Meine Begegnung mit diesem Menschen ist noch länger her und nicht erotischer Natur. 1996 hatte ich einen Roman im Internet veröffentlicht, galt prompt als Pionier und wurde eingeladen, auf einer Medien-Tagung einen Vortrag zu halten. 3000 Mark. Frohlocken. Die Sache hat nur einen Haken, sagte die Stimme am Telefon: Die Veranstaltung wird von der FDP organisiert und finanziert. „Ich kenne Ihre Texte und weiß, dass Sie uns nicht mögen.“ Entwaffnend. Es war keine Wahlveranstaltung, die FDP war nur Sponsor. Ich sagte zu, auch weil ich es menschenfreundlich fand, dass die jemandem, dem man das Alkoholproblem am Telefon anhört, eine Tagung organisieren lassen.
Nach dem Vortrag in Mainz kam mit süßsäuerlichem Grinsen ein Mensch auf mich zu, der mir vage bekannt vorkam. Schön, schön, sagte der Typ und hielt mir die Hand hin, ohne sich vorzustellen. Eine FDP-Schranze. Man sollte in die Hand beißen, die einen füttert, dachte ich, tat es aber nicht. Zu eklig. Wer sind Sie? fragte ich genervt.
Brüderle war damals „Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau“ und Stellvertreter des rheinland-pfälzischen SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck. Er war mir im Fernsehen hin und wieder wegen seines vorlauten Gemeckers aufgefallen. Sein schiefes Feixen wurde noch schiefer. Es war ihm anzusehen, dass er nicht wusste ob ich einen Witz machen oder ihn provozieren wollte. Er drehte ab, ohne dass wir uns begrüßten. Ich denke heute noch gern an sein verwirrtes Gesicht.
Der letzte Roman von Martin Walser beginnt schwungvoll mit der Schilderung eines Essens beim Bundespräsidenten. Bedeutende Kulturträger sind geladen. Der Icherzähler ist Schriftsteller von der Bekanntheit Walsers. Beim Eingang werden die Gäste mit Namensschildchen versorgt, die man gern in der Tasche verschwinden lässt. Zu albern und kongresshaft . „Meins steckte ich mir sofort an“, heißt es bei Walser, „weil ich nicht den Eindruck erwecken wollte, man müsse mich hier kennen.“
Diese sympathisch verdrehte Angst, für überheblich gehalten zu werden ist einem schauerlich polterndem Machtgespenst wie Brüderle natürlich völlig fremd. Dem bescheiden wirkenden Philipp Rösler wäre solche Höflichkeit eher zuzutrauen.

Antwort an 'sodann'
Mein Gott, Herr 'sodann' (falls Sie ein männliches Wesens und und keine hämische Dame), ich kann wirklich sehr gut verstehen, dass einem Texte und Typen auf die Nerven gehen, aber warum um Himmels Willen lesen Sie denn die Kolumnen, wenn Sie sich immer wieder ärgern? Sie bringen Ihre Gereiztheit sterotyp mit ähnlichen nicht gerade einfallsreichen Redewendungen zum Ausdruck und tun sich selbst keinen Gefallen mit den monotonen Kommentaren, die Sie da im Schutz der Anonymität immer wieder abgeben. Sie sind doch kein Schüler, der den Lehrer nicht mag und nicht anders kann, als ihn zwanghaft verdeckt aus den hinteren Reihen anzupöbeln – in der Hoffnung, das andere Ihrem Spott zustimmen. Die Kolumne ist nun mal in der Ich-Form geschrieben, das ist so ausgemacht, und dieses Ich geht Ihnen auf den Kecks, okay, dann quälen Sie sich doch bitte nicht mit der Lektüre. Diese Form der Kolumne verlangt nun mal, dass ich immer wieder von mir und meinen Beobachtungen und Begegnungen berichte, das wird sich auch durch Ihre Kommentare nicht ändern. Den meisten Lesern ist klar, dass ein Kolumnen-Ich ein literarisches, teilweise fiktives Ich ist - nicht unbedingt identisch ist mit dem wirklichen Ich (auch wenn im Fall dieser Kolumne meine Begegnung mit Brüderle exakt so verlief). Man stilisiert sich, man nimmt sich auf den Arm, man ist selbstironisch. Wenn Sie diese Zwischentöne nicht hören oder nicht hören wollen, ist das nicht meine Schuld. Die Chemie zwischen Ihnen als Leser und mir als Autor stimmt absolut nicht, und ich bin lang genug im Schreibgeschäft um zu wissen, dass mein Ton Sie leider immer nerven wird. Klar dass Sie immer den Eindruck haben werden, hier faselt ein eitler Sack vor sich hin und gibt mächtig an. Leider schreiben die Leser, die das anders sehen und sich über meinen Kolumnenton amüsieren, Leserbriefe und keine online-Kommentare. Andernfalls würden Sie sehen, dass Sie mit Ihrem Stänkern ziemlich allein sind. Aber Sie haben Vorläufer: Es gab Leser, die Jean Jacques Rousseau für ein dummes und eitles Schwein hielten (oder, um es in Ihren originellen Worten zu sagen, ihm höhnisch 'what a man!' zuriefen), weil er von sich schrieb. Das ist allerdings schon eine Weile her.
Flaneur
... und jetzt Internet-Pionier .... what a man!
Schlammschlachten
Die Medien sollten nun schnellstens überlegen, ob sie wirklich den persönlichen Schmutz-Wahlkamp führen wollen, der sich jetzt andeutet. Haust Du meinen Steinbrück, hau ich Deinen Brüderle, jeweils weit unter der Gürtellinie und abseits jeder Sachbezogenheit zum Thema. Und Herrn von Westphalen ins Stammbuch geschrieben: Niemand, der jemals mit Politikern, Journalisten oder Schriftstellern enger zu tun hatte, wird diese Menschen als wirklich angenehm oder sympathisch empfunden haben. Dies hängt damit zusammmen, dass nur die oder der in diesem Bereich erfolgreich sein können, die oder der egoistisch, selbstverliebt besserwisserisch sind.