Was der Flaneur im Café erlebt, wenn er eine Stunde wartet und Zeitung liest. Die AZ-Kolumne von Josph von Westphalen.

Anzeige

 

Ich war mit einem angenehmen Menschen in einem Café verabredet und freute mich auf die Begegnung. Er kam von auswärts und hatte den Zug verpasst. Es war ihm peinlich. Mich rührte die Ehrlichkeit. Er hätte die Unpünktlichkeit leicht der Bahn anlasten können. Ich selbst bin pünktlich, aber mag es, wenn andere nicht rechtzeitig kommen, sofern sie einen benachrichtigen. Dann hat man Gelegenheit, großzügig zu verzeihen. Eine Stunde würde er sich verspäten.

Auch auf diese Stunde freute ich mich. Das allerdings brauchte er nicht zu wissen. Eine Stunde warten im Café ist nicht Zeitverlust, sondern Gewinn. Nie kann ich besser Zeitung lesen, als in so einer geschenkten Stunde. Zu Hause ist die Lektüre beeinträchtigt. Da liegen noch Überreste von Zeitungen der Vortage und erinnern mich an angelesene und ungelesene Artikel, die ich noch lesen oder fertig lesen wollte. Im Café gibt es nur frische Zeitungen vom Tag. Das Gestern existiert nicht mehr. Man kann sich unbelastet dem neuen Tag widmen.

Zu Hause bin ich beim Zeitunglesen ein Opfer meines Interesses, ein gehetzter Sklave. In der Mitte eines Berichts über eine Tiepolo-Ausstellung fällt mir ein bestimmtes Fresko des Barockmalers ein, schon suche ich eine Stunde den Bildband, in dem ich es vermute. Oder ich find’ ihn gleich und blättere eine Stunde begeistert darin herum. So kommt man natürlich nicht weiter.

Wenn ich lese, dass der Dirigent Mariss Jansons Geburtstag hat, führt das unweigerlich zum Suchen und Hören von CDs, wenn ich über die Politik der Franzosen lese, lande ichmöglicherweise in irgendeiner Arte-Mediathek bei einer Rede de Gaulles 1962, in der er ein paar tausend Ruhrgebiet- Arbeiter charmant als „meine Herren“ begrüßt.

Im Café gibt es diese Ablenkungen nicht. Da sind nur die anderen Gäste, die man über den Rand der Zeitung observieren kann, aber das geschieht nebenbei und hält nicht weiter auf. Nach einer halben Stunde hatte ich die Zeitung durch. Einfach nur dasitzen und schauen – die Größe und Gelassenheit habe ich nicht. Auf dem Tisch nebenan eine andere Zeitung. Ich fragte. Der Mann sagte nicht, was man so sagt: Klar, können Sie haben. Er nickte auch nicht stumm. Er sagte seltsam lächelnd: „Ich lese keine Zeitung.“

Es war ein Statement. An mich und meine hitzige Lektüre gerichtet. Der Typ interessierte mich. Kein Dummkopf. Ein Forscher. Doppeldoktor. Humangenetik. Aber kein Einsiedler. Es gibt eine Freundin und Kinder zu Hause. Und ein Klavier. Aber keine Zeitung, keinen Fernseher, kein Radio. Die Wahl in Niedersachsen? Er sagte nicht: interessiert mich nicht! Er wusste einfach gar nichts davon. Und ich weiß noch immer nicht, ob ich das beschränkt oder weise finden soll.