Die amerikanische Jazz-Sängerin über ihre Erkundungen in den südlichen Zonen von Fado, Tango und Samba

Fast eineinhalb Jahre reiste Melody Gardot durch Portugal, Nordafrika, Brasilien und Argentinien. Im Interview erklärt die Sängerin, wie ihr drittes Album „The Absence” entstanden ist. Sie tritt heute um 19.30 Uhr beim Tollwood-Festival auf.

AZ: Melody Gardot, was war der Ausgangspunkt Ihres neuen Albums?

MELODY GARDOT: Eine lange Reise. Ich wollte etwas über die Musikstile lernen, die mich schon seit Jahren interessieren: Fado, Tango und Samba. Wenn ich Gelegenheit dazu habe, bin ich sehr wissbegierig. Nun wollte ich einmal richtig eintauchen, weil man etwas nur dann richtig versteht, wenn man ein Teil davon geworden ist. Wenn man eine Musik bloß von einer CD her kennt, ist es, als würde man vom Ufer zuschauen.

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Was haben Sie gelernt?

Dass es Fado, Tango und Samba gar nicht gibt – sondern jeweils eine ganze Vielzahl davon. Wo ich eine Kurzgeschichte erwartet habe, bin ich auf eine Enzyklopädie gestoßen. Ganz zu schweigen von all den Verästelungen, von denen wir in den USA wenig wissen: von Chorino etwa oder von den Spielarten des Flamenco.

Gibt es Gefühle, die man Musikgenres und ihren Entstehungsorten zuordnen kann?

Ich denke schon. ich wollte ursprünglich das Gefühl der portugiesischen Saudade ergründen - dieses Gefühl einer existenziellen Sehnsucht, für das es im Englischen keine richtige Entsprechung gibt. Ich glaube, in Portugal ist es mir gelungen, Saudade zu empfinden. Umgekehrt habe ich in Brasilien - dem Klischee entsprechend – schiere Freude und Lebenslust erlebt.

Kennt man Sie in Brasilien?

Vor allem nicht dort, wo ich unterwegs war: In kleinen Dörfern auf dem Land. Wenn ich meine Gitarre hervorgeholt habe, kam sofort irgendein kleiner Junge zu mir und hat Bob Marley gesungen. Er konnte er kein Englisch, aber er kannte jedes Wort von „Three Little Birds”: „Don’t worry about a thing, ’cause every little thing gonna be all right.”

Warum heißt Ihr Album nicht „Saudade”?

Saudade hätten viele nicht verstanden. Außerdem erzählt es nicht die ganze Geschichte des Albums: Meinen Abschied vom normalen Leben, von der Bühne, von den Ländern, in denen ich herumgereist bin. Jetzt sehne ich mich danach, nach Portugal, nach Brasilien, nach Argentinien zurückzukehren. Das ist meine Saudade, die mit dem Wechselspiel von An- und Abwesenheit zu tun hat. Deswegen „The Absence”.

Über Twitter konnte man Ihrer Reise folgen. Wenn ich richtig gelesen habe, waren Sie auch in Nordafrika.

Einmal habe ich in New York einen afrikanischen Taxifahrer getroffen. Er wollte von mir wissen, ob ich Musikerin sei. Als ich bejahte, fragte er mich, warum Leute wie Justin Timberlake immer nur davon singen, wie sie Mädchen abschleppen. Afrikaner hingegen, sagte er, sängen über Menschen, Länder, Kulturen. Solche Lieder überdauerten Jahrhunderte, wo ein Song über ein Liebesabenteuer höchstens fünf Minuten interessant bleibe.

Haben Sie diese Tiefe von Musik selbst erleben können?

Ich glaube schon. Im Fado etwa ist es fast ein Sakrileg, an der überlieferten Musik herumzubasteln. Es geht nicht darum, sie zu verändern, sondern sie zu erhalten. Ähnlich ist es im Tango. Natürlich gibt es auch manche, die mit der Musik experimentieren. Aber viel häufiger geht es darum, das überlieferte Feeling dieser Musik zu bewahren.

Im Unterschied zu Ihren ersten Alben ist die Gitarre prägender als das Klavier. Liegt das an den Latin-Einflüssen?

Wenn die Gitarre nun mehr Gewicht hat, liegt das an Heitor Pereira. Er war lange Gitarrist von Simply Red. Als ich ihn hörte, wusste ich sofort, dass ich dieses Album ohne ihn nicht würde machen können. Wenn er mich begleitet, kann ich mich ganz aufs Singen konzentrieren – wie eine Schauspielerin beim Film-Set, die sich ganz auf die Regie verlässt.

„The Absence" (Decca). Karten für das Konzert heute in der Gehrlicher Musik-Arena zu 43 Euro.

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