Interview mit Brigitte Witzer Von der Fleißbiene zur Königin: So machen Frauen Karriere

Wer fleißig ist, kann alles erreichen, denken vor allem Frauen. Und versperren sich damit laut Brigitte Witzer den Weg nach ganz oben. Warum das so ist, erklärt die Autorin im Interview.

In ihrem Buch "Die Fleißlüge: Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand" (Ariston, 288 Seiten, 16,99 Euro) deckt Prof. Dr. Brigitte Witzer auf, warum Frauen in ihren traditionellen Rollen als "Prinzessin" und "Superbiene" scheitern. Im Interview mit spot on news erklärt Witzer, die als Executive Coach mit Schwerpunkten in Veränderungsmanagement und Umgang mit Macht arbeitet, was Frauen bremst, wie sie von der "Prinzessin" zur "Königin" werden und warum Fleiß schaden kann.

 

In Ihrem Buch "Die Fleißlüge" schreiben Sie, dass für Frauen im mittleren Management oft Schluss ist mit der Karriere. Was bremst sie auf dem Weg nach ganz oben?

 

Brigitte Witzer: Das Wesentliche ist, dass Frauen mit den Techniken von Haus und Hof versuchen, in der Wirtschaft erfolgreich zu sein. Zum Spiel Haushalt, Familie, Ehe gehören schon immer Fleiß und Schönheit, um erfolgreich zu sein. Das Spiel Wirtschaft war bisher eine reine Männersache, dort geht es um Netzwerke, Kontakte und eine gute Ausbildung. Diese Regeln haben die Frauen, die jetzt dort mitspielen, oft noch nicht begriffen.

 

Warum schadet Fleiß?

 

Witzer: Aus meiner Sicht war Fleiß für Frauen immer hilfreich, um den Haushalt zu führen und diese uralte Geschlechtertrennung auszuhalten. Talent und Potenzial können mit Fleiß aber nicht ausgelebt werden. Fleiß hält uns davon ab, zu erkennen, was wir wirklich können.

 

Und Männer hören besser auf ihre Gefühle?

 

Witzer: Nein. Aber sie verdrängen sie auch nicht. Sie wissen, dass mit einem Gewicht von 150 Kilo Sport ein eher schwieriges Thema ist. Frauen dagegen nehmen sich jemanden wie Heidi Klum zum Vorbild, weil sie das für die Spielregeln halten - ohne diese zu hinterfragen. Bei Heidi Klum ist das sicher auch ihr Talent, bei vielen anderen eben nicht. Männer sind zudem sehr stark auf Prestige und Wettbewerb ausgerichtet. Das reicht für das Spiel Wirtschaft, auch wenn unter ihnen ebenfalls viele ihre Talente nicht wirklich kennen. Mein Anliegen ist, dass Männer und Frauen lernen, ihre Potenziale besser zu entdecken.

 

Muss sich an der Erziehung speziell von Mädchen, die sich gerne früh auf die Prinzessinnenrolle festlegen, etwas ändern?

 

Witzer: Das läuft über die Vorbildfunktion. Wenn es die Mütter verstanden haben, lernen es auch die Töchter. Ich will die Mütter ermutigen, etwas anderes vorzuleben.

 

In Charlotte Roches neuem Buch "Mädchen für alles" hat die Protagonistin ein Kind bekommen, um dem Druck in ihrem Job zu entkommen. Ist das typisch weiblich?

 

Witzer: Charlotte Roche ist für mich in der Prinzessinnenrolle charmant stecken geblieben - attraktiv, frech, mit einem exhibitionistischen Touch - und macht damit viel Geld. Da hat sie etwas verstanden. Die Protagonistin in ihrem neuen Buch ist nicht wirklich bei sich, sie lenkt sich ab mit Alkohol und Fernsehen. Die Überlebensstrategie ist also Sucht - das ist genau das Thema der fehlgeleiteten Suche. Talent bekommen wir nicht nach der Geburt auf dem Tablett serviert, danach muss man suchen.

 

Für Frauen in Deutschland ist die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Kinder ein großes Thema...

 

Witzer: Ja, und hier machen Frauen sich auch gegenseitig das Leben schwer. Hat eine Frau keine Kinder, ist das ein Minuspunkt, wenn sie Kinder hat, ist sie erst einmal gesellschaftlich irrelevant und unsichtbar. Kommt sie zurück in den Job, soll das dann bitte wie bei Ursula von der Leyen aussehen. Da zählt dann die Quantität. Das ist perfide.

 

Warum bekämpfen sich Frauen gegenseitig?

 

Witzer: Wenn man Prinzessin ist, muss man singulär bleiben. Diese Vereinzelung führt dazu, dass alle anderen Frauen aus dem Umfeld verschwinden sollen, zumindest die, die wir im Wettbewerb mit uns erleben. Diese Zickenkriege gibt es aber auch unter Königinnen.

 

Nützt gutes Aussehen und sexy Kleidung Frauen im Beruf?

 

Witzer: Als attraktive Frau kommt man sicher eher auf den Radar, weil Männer gerne erst mal schauen. Gleichzeitig kann das aber auch zu einer Abwertung führen, da unterstellt wird, dass das fachliche Knowhow fehlt. Bei jungen Frauen ist gutes Aussehen aber zunächst ein Vorteil, dadurch werden sie schneller eingestellt. Studien haben nachgewiesen, dass bei gleicher Qualifikation die hübschere Frau ausgewählt wird. Bei Frauen in höheren Posten ist es manchmal ebenfalls nicht verkehrt, Dekolleté zu zeigen. Wenn Frauen die Spielregeln begriffen haben, ist das durchaus in Ordnung.

 

In Hollywood gehen gerade viele weibliche Stars damit an die Öffentlichkeit, dass sie für die gleiche Arbeit viel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Ist das der richtige Weg?

 

Witzer: Das ist der richtige Weg. Auch wenn ich aus meiner Erfahrung sagen würde, dass viele Frauen sich gar nicht trauen, etwas zu fordern. Sie haben nicht gelernt, Konflikte und Widerspruch gut auszuhalten. Wenn man einerseits betören, becircen und manipulieren will, ist es andererseits schwer zu sagen, dass zwei Millionen zu wenig sind und man wie Brad Pitt sechs Millionen verdienen möchte. Frauen müssen verhandeln, das haben viele nicht im Repertoire. Männer nehmen das dagegen eher sportlich.

Brigitte Witzer will mit ihrem Buch "Die Fleißlüge" Frauen weiterhelfen Foto:Privat

 

 

Haben Sie ein paar Tipps, wie Frauen am besten von der Prinzessinnen- und Superbienenrolle wegkommen und zur Königin werden?

 

Witzer: Die wichtigsten Faktoren sind Beziehung, Dialog und Reflektion: In Beziehung gehen mit Leuten, die ernsthaft mit Frauen reden. Das muss nicht unbedingt ein Coach sein, das kann jeder sein, auch Freunde oder ein Pfarrer, der zuhört. Hauptsache, man ist nicht immer verletzt, wenn eine Wahrheit zurückkommt, die man nicht aushalten kann. Ich erlebe oft, dass Frauen zu zart sind, wenn wirklich Gegenwind kommt. Auch Reflektieren ist wichtig, um zu erkennen, wie man auftritt, wo man Prinzessin ist, ob man das wirklich will oder ob eine andere Rolle nicht besser passt. Über diese blinden Flecken sollten sich Frauen Gedanken machen. Der Dialog ist zudem bedeutend, um nicht in der Sackgasse zu landen. Frauen sollten zusammen überlegen, wie sie ihre Ziele erreichen können.

 

 

 

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