Auf einer Liste der „Top 10 Antisemiten“ 2015 steht München neben IS und Iran – wegen eines Vortrags im Gasteig.

München – Das Simon-Wiesenthal-Zentrum veröffentlicht jedes Jahr eine Liste mit den zehn schlimmsten antisemitischen Entgleisungen des Jahres. Darauf landen Menschen, Institutionen oder Regierungen, die Hass gegen Israel und Juden schüren. Mahmud Abbas stand schon darauf, Politiker der palästinensischen Fatah-Bewegung; der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schon zweimal.

In diesem Jahr verurteilt das Zentrum unter anderem den Islamischen Staat, der gezielt Juden hinrichtet. Außerdem die Länder Iran, Kuwait, Polen. Zum zweiten Mal nach 2012 den Journalisten Jakob Augstein. Und als „unrühmliche Erwähnung“: München. Grund dafür ist eine Veranstaltung im vergangenen November: ein Vortrag über das Projekt BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“ – Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen) im Großen Saal der Gasteig-Bibliothek (AZ berichtete).

 

München in einem Atemzug mit dem IS: „Das ist nicht verhältnismäßig“, sagt Stadtrat Marian Offman

 

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, kritisierte den Vortrag scharf, weil das BDS unter anderem mit Boykott-Aktionen politischen Druck erzeugen will, um die israelische Besatzung zu beenden. CSU-Stadtrat Richard Quaas forderte eine Absage.

Der Vortrag fand statt – Oberbürgermeister Dieter Reiter versicherte Knobloch danach aber, solche Veranstaltungen würden nicht mehr von der Stadt gefördert.

Das reicht dem Wiesenthal-Zentrum nicht: „Ein extremistisches Anti-Frieden und Anti-Israel Boykott-Event stattfinden zu lassen am Tag der Reichskristallnacht ist ein Skandal“, sagt Vize-Dekan Rabbi Abraham Cooper. (Der Vortrag fand allerdings am 7. November statt, nicht am 9. wie die Pogromnacht 1938.)

CSU-Stadtrat Marian Offman, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München, verurteilt die Organisation BDS ebenfalls als antisemitisch. „Dass der Vortrag gefördert wurde, ist inakzeptabel“, sagt er. „Deshalb kann man München aber nicht auf eine Liste setzen mit Iran und IS, das halte ich für unangemessen. Das ist nicht verhältnismäßig.“ Auch wenn es lange gedauert habe: Es gebe kaum eine Stadt, die sich „so sehr ihrer Vergangenheit gestellt hat wie München“.