Im Residenztheater Moliéres "Tartuffe": Der Fremde im eigenen Haus

Der Ehemann beobachtet im Schrank die Verführung: Sophie von Kessel (Elmire), Philip Dechamps (Tartuffe) und Oliver Nägele (Orgon). Foto: M. Horn

Schüler des Gymnasiums Schäftlarn über Mateja Koležniks Inszenierung von Moliéres "Tartuffe" im Residenztheater.

Eine wilde Feier. Laute Clubmusik. Das Treppenhaus ist voller Schampusflaschen und Sektgläser. Jemand holt Koks aus dem Schrank. Scheinbar nicht zum ersten Mal bewegen sich die Feiernden durch die Gänge der Villa und tauschen Zungenküsse. Die ganze Familie feiert, tanzt und trinkt. Nur einer fehlt, der Hausherr: Orgon.

Oliver Nägele spielt ihn in Mateja Koležniks Inszenierung von Moliéres "Tartuffe" am Residenztheater als herzschwachen, oft gespenstisch ruhigen Familiendespoten, der mehr als einmal zur rettenden Tablette greift. Der müde Dicke lebt wie ein Fremder unter lauter schlanken, schönen Menschen. Er hat sich Tartuffe als Ersatz-Sohn ins Haus geholt und will ihm die Hand der bereits anderweitig verlobten Tochter (Nora Buzalka) und seinen gesamten Besitz übertragen.

Die Ehefrau des Hausherrn versteckt Orgon im Schrank: Er soll sich selbst ein Bild von Tartuffes Lüsternheit machen. In der Titelrolle ist Philip Dechamps kein typischer Betrüger, sondern ein Außenseiter. Tartuffe wirkt in Koležniks Inszenierung fehl am Platz, als ob er nicht hierher gehört und eigentlich auch nicht hier sein möchte. Die Personen, die ihm begegnen, scheinen ihn nicht zu mögen, ihn zu meiden. Sie gehen sich gegenseitig aus dem Weg. Er erscheint wie ein schüchterner und verwirrter Junge. Erst nachdem ihn Orgon zum Erben einsetzt, lacht er triumphierend laut und zugleich fassungslos auf.

Sophie von Kessels Elmire ist mehr betrunken als nüchtern, Charlotte Schwab spielt die vorlaute, aber vor allem faule Zofe. Christian Erdt macht aus dem Damis einen ziemlich aufmüpfigen Sohn, während seine Schwester Mariane sogar lacht, wenn sie enterbt wird und mit Selbstmord droht. Das Thema der Komödie, die dysfunktionale Familie, ist zeitlos. Sigrid Behrens hat Moliéres Verse gut in moderne Prosa übertragen, die Regisseurin verdichtete sie auf 80 angenehme und pausenlose Minuten. Die Bühne, entworfen von Raimund Orfeo Voigt, glänzt in ihrer Einfachheit. Sie besteht lediglich aus einem in Holz gehaltenem Treppenhaus mit drei Wandschränken. Durch die vier Treppen, wobei jeweils zwei nach oben und zwei nach unten führen, wird die Größe des Hauses veranschaulicht.

Am Ende verjagt Tartuffe die Familie Orgon aus ihrem eigenen Haus. Jeder rettet, was ihm wichtig ist: den Champagner, Koffer von Louis Vuitton und ein riesiges Madonnengemälde. Die Zofe plündert das Tafelsilber. Mateja Kolenik dreht die Komödie ins Düstere, obwohl am Ende der Bote des Königs als Deus-ex-machina erscheint. Und man fragt so sich zum Schluss: "War das jetzt eine Komödie?". Die Antwort bleibt aus.

Wieder am 1., 20. und 31. Dezember im Residenztheater, Karten gibt es unter www.residenztheater.de

Schüler der Oberstufe des Gymnasiums Schäftlarn mit ihrer Lehrerin Ingeborg Lutz. Foto: Robert Braunmüller


Junge Kritiker: Fit für die Medienzukunft

Die obenstehende Besprechung von "Tartuffe" entstand bei einem Projektseminar für Schüler der gymnasialen Oberstufe. Eine Gruppe erarbeitete mit dem BR-Theaterkritiker Christoph Leibold einen Hörfunkbeitrag zu dem Stück, die andere mit AZ-Redakteur Robert Braunmüller einen Text für diese Zeitung. Dieses P-Seminar ist Teil der Bildungsprojekte des BR. Der Sender setzt sich zum Ziel, in Projekten und Seminaren Schüler wie Erwachsene für die Anforderungen des medialen Zeitalters fit zu machen.

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