Mitten im Bahnhofsviertel hat sich ein „Arbeiterstrich“ entwickelt. Jetzt laufen die Anwohner Sturm.

Ludwigsvorstadt - Tief im Bahnhofsviertel, an der Kreuzung Landwehr- und Goethestraße stehen sie. Junge und alte Männer, rauchend, wartend. Manche in Arbeitskleidung, manche in Jeans und Trainingsjacke. Am Mittwochmorgen gegen 7 Uhr haben sich an die 30 auf die vier Ecken der Kreuzung verteilt. Die Männer warten, dass jemand mit dem Auto vorfährt und sie aufliest, für ein paar Stunden oder einen Tag Arbeit, auf dem Bau oder um irgendwo irgendetwas zu be- oder entladen. Schon seit Jahren ist hier der sogenannte „Arbeiterstrich“.

Ein hässliches Wort, das die Situation aber leider gut trifft. „Für 12 Stunden harte Arbeit bekommen die vielleicht 70 Euro“, erzählt Erkin Atal (67), der hier arbeitet und sich oft mit den Männern unterhält und ihnen auch mal einen Kaffee ausgibt. „Und das meistens schwarz, ist ja billiger für die Arbeitgeber.“ Oft würden die Männer auch um ihren Lohn geprellt. „Die wollen arbeiten“, sagt er. „Die haben nichts, schlafen auf der Straße, im Park oder im Auto.“ Als gegen acht Uhr die Polizei anrückt und die Papiere der Männer kontrolliert, ruft er: „Die armen Menschen!“

Aber warum ist das so, mitten im reichen München? Bei Zoll, Polizei und Sozialreferat ist das Problem bekannt.

Als EU-Bürger dürfen die Männer sich hier aufhalten und frei bewegen. „Wir kontrollieren dort regelmäßig und erteilen wenn nötig auch Platzverweise“, sagt Polizei-Sprecher Gottfried Schlicht. Dabei arbeite man auch eng mit dem Zoll zusammen. „Auf der Straße herumstehen ist aber keine Straftat“, sagt Zoll-Sprecher, Thomas Meister.

„Die Stadt ist nicht unterbringungsverpflichtet“, erklärt Frank Boos vom Sozialreferat. Weil man davon ausgeht, dass die Männer in ihrer Heimat nicht obdachlos sind, haben sie keinen Anspruch auf eine Obdachlosenunterkunft. Die Stadt bietet Hilfe, meist in Form einer Fahrkarte in die Heimat. An der Situation ändert das freilich nicht viel.

„Viele gehören zur türkischen Minderheit in Bulgarien“, erklärt Christian Beck von der „Initiative für Zivilcourage“, die sich seit Jahren um die Tagelöhner kümmert. Beck war selbst im Ort Pasardschik, aus dem viele der Münchner Tagelöhner stammen. „Sie finden in der Heimat keine Arbeit, werden massiv diskriminiert. Um ihre Familien zu versorgen, setzen sie sich ins Auto und kommen her“, erklärt er. „Hier finden sie Arbeit, auch wenn der Zugang zum Arbeitsmarkt stark beschränkt ist.“

Die Anwohner und Geschäftsleute aus der Gegend haben lange mit diesem speziellen Arbeitsmarkt vor ihrer Tür gelebt. Doch es gibt immer mehr Probleme. Die Kreuzung und die Geschäfte vor Ort würden von der stetig wachsenden Zahl der Arbeiter regelrecht belagert. Immer öfter bleibt deshalb die Kundschaft aus.

„Wir sind hier im Hauptbahnhofviertel - das war immer wild und bunt und soll es auch bleiben. Aber wir haben auch ein Recht auf ein normales Wohn- und Arbeitsumfeld", sagt Michael Grill von der Theatergemeinde, die direkt an der Kreuzung ansässig ist.  "Wenn man die Männer bittet, ein paar Meter weiter zu gehen, reagieren sie mittlerweile gar nicht mehr oder werden sogar aggressiv.“

Die Anrainer haben deswegen eine Petition verfasst. Sie fordern, dass die Situation endlich als Problem anerkannt wird und eine soziale Lösung gefunden wird. „Die tun niemandem etwas, das sind ganz arme Hunde“, sagt Walter Maier, Senior-Chef vom Hotel Mirabell an der Kreuzung. „Aber es geht so einfach nicht mehr.“

Jetzt ist ein Runder Tisch geplant mit Anwohnern, Polizei, Zoll und der Stadt. Es soll endlich eine Lösung gefunden werden, die allen hilft. Den Arbeitern und den Anliegern im Hauptbahnhofviertel.