Er ließ die Leute tanzen ... obwohl er selbst gar nicht tanzen konnte: Zum Tode der Münchner Swing-Legende Hugo Strasser († 93)

München - Hugo Strasser galt vielen als der Letzte seiner Art. 2013 ist Paul Kuhn gestorben, 2015 dann James Last und Max Greger. Nun ist Strasser gegangen: Die Münchner Swing-Legende, gebürtiger Schwabinger, ist am Donnerstag im Alter von 93 Jahren verstorben.

Von 1966 bis 1996 hat er jedes Jahr die „Tanzplatte des Jahres“ produziert. Es ist kein Wunder, dass sein Tod Trauer und Bestürzung ausgelöst hat, etwa beim Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband. Dessen Präsidentin Cornelia Willius-Senzer sagt: „Er war eine Swinglegende und ein Mann, der mit seiner Musik, mit seinem Wirken, ungeheuer viel für das Tanzen in diesem Land bewirkt hat. Generationen von Tanzenden haben zu seiner verlässlichen Rhythmik und seinen tollen Melodien getanzt. Ich selbst habe meine Ausbildung zur Tanzlehrerin zu seinen Titeln gemacht.“

Vor einigen Jahren hat Hugo Strasser im Gespräch mit der AZ eine Rückschau gehalten auf sein Leben. Auf wilde Zeiten – und auf widrige. Wer sollte Hugo Strasser besser erklären als er selbst?

Seine Anfänge
1937 habe ich angefangen zu studieren. An der Akademie der Tonkunst. Ich hatte zwei Jahre Zeit. Dann war ich 18 und bekam einen Stellungsbefehl. Dann war’s aus.

Die Nazi-Zeit
Erst kurz bevor ich eingezogen worden bin, habe ich das erste Mal in München spielen können. Da gab es einen Bandleader, einen Tenorsaxofonisten, der Hans Rosenfelder hieß. Der hat mich ein bisschen in den Swing eingeführt.
Ab 1937 gab es in Deutschland einige sehr gute Bands, die schon geswingt haben. Und dann hat man eben auch Schlager gespielt. Ich erinnere mich gut: Zu „Whispering“, einer amerikanischen Nummer, gab es dann deutsche Texte: „Lass’ mich dein Badewasser schlürfen.“ Wir haben auch solche Stücke gespielt. Aber man durfte wegen der Reichsmusikkammer niemals ein Notenblatt herumliegen haben, wo vielleicht „Whispering“ draufstand.

Die Nachkriegszeit
Ich kam im September zurück. Da habe ich schon ein Engagement von Otto Gerd Fischer bekommen, einem damals bekannten Schlagersänger. Der hatte im Oberhaus in Passau eine Band gegründet.
Das war von den Amerikanern beschlagnahmt worden. Das war ein „Rest Center“. Da kamen alle 14 Tage Soldaten, die keinen Heimaturlaub hatten, sondern ihren Urlaub hier verbrachten.

 

"Eine verrückte Zeit, eine schöne Zeit"

 

Der Umgang mit den Amerikanern
Die GIs der ersten Stunde waren lauter Supertypen. Da kommt einer: „Hey, you play music by Richard Wagner?“ Ich wusste gar nicht, was der meint: „No, we can’t play this kind of music.“ Da sagt er: „Okay, I’ll buy you a beer. Then play ,Lilly Marleen’. Wir haben Sachen erlebt! Raufereien unter den Soldaten, wenn sie besoffen waren, und die Fräuleins waren da.  .  . Um Gottes willen!

Münchens Nachtclubszene
Mit dem Max Greger habe ich im Kellerclub gespielt, der war nur für Schwarze. Das war ja damals unvorstellbar, die Trennung zwischen Schwarz und Weiß – auch in der Armee. Es konnte kein Schwarzer in einen weißen Club gehen. Der Kellerclub war nur für Schwarze, da konnte einfach kein Weißer reingehen. Den hätten sie umgebracht. Diese Lockerheit, die gab’s erst später. 1948 kam die Währungsreform, und dann kam auch das deutsche Publikum. Dann haben wir auch die deutschen Schlager gespielt.

Der Sender AFN
Der war in der Kaulbachstraße. Im ersten Stock, wir haben auch dort gespielt. Wir hatten da einen Sergeanten. Das war ein irrer Typ. Bei dem ging immer alles um den Payday. In den Clubs wurde uns immer Bier ausgegeben. Allerdings: In den letzten Tagen, wenn sie kein Geld mehr hatten, sind sie zu uns gekommen. Und wir haben denen ein Bier spendiert. Es war eine verrückte Zeit, eine schöne Zeit.

Wie er Menschen zum Tanzen brachte
Wenn das Etablissement dafür geschaffen war, sind die Leute von selbst aufgestanden. Da musste man niemanden auffordern. Die Freude an diesem Gesellschaftsleben, das es ja in den letzten zwei Kriegsjahren überhaupt nicht mehr gab, hat sich regelrecht explosionsartig befreit.

Servus, Hugo Strasser: Swing-Legende aus Schwabing gestorben

 

Tanzen - kann ich wirklich nicht

 

Sein ganz besonderer Klarinettenton
Der Ton hängt mit der Anatomie zusammen. Das bekommt man geschenkt.

Die Aussage, er selbst könne gar nicht tanzen
Ich kann es wirklich nicht. Ich habe mal das Pech gehabt, dass ich bei irgendeinem Ball mit der Ballkönigin tanzen sollte. Ich hab’ dann zu dem Mädel gesagt: „Sein’s mir nicht bös’. Versuchen wir nur ein bisserl hin- und herzuschieben. Ich kann mich auch mit Ihnen nicht unterhalten, weil ich muss – eins, zwei, drei – mitzählen.“ Aber ich kann den Rhythmus halten, habe Hunderte Tanzturniere gespielt und immer den richtigen Ton getroffen. Ich lasse tanzen.

Am Montag lesen Sie: Seine letzten Auftritte