"Il Mondo della Luna" Der geprellte Herr von Gutglauben

Herr von Gutglauben (Oliver Weidinger, rechts) wird Opfer einer umfangreichen Täuschung: Er glaubt, auf dem Mond zu sein, wo alle irdischen Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden. V.l. Polly Ott, Friederike Mauß, Thomas Lichtenecker, Henning Jendritza, Vanessa Fasoli. Foto: Sabina Tuscany

Die Kammeroper München entfernt sich in "Il Mondo della Luna" weit vom Original Joseph Haydns. Texte und Schauspieler brillieren - der Gesang überzeugt immerhin. 

München - Eine Publikumsbeschimpfung ist besonders originell, wenn Kardinal und Herzog im Publikum sitzen – und die Rede ist nicht von der Uraufführung am 5. August 1777 vor Fürst Esterházy in Eisenstadt. Das hätte sich Joseph Haydn nicht getraut. Regisseur Dominik Wilgenbus aber, der Goldonis Opernvorlage nicht einfach ins Deutsche übersetzt, sondern frech nachgedichtet und mit Reimen ergänzt hat, hält seine Zuschauer – darunter Reinhard Marx und Franz von Bayern – für "Allesfresser".

So lässt er es den Drahtzieher der "Welt auf dem Mond", den zweifelhaften Forscher Dr. Eccliticus, gleich im Prolog sagen. Und es bleibt nicht die einzige Provokation des Abends. Die Kammeroper München hat 13 Jahre nach ihrer Gründung "Il Mondo della Luna" im Programm, die Semiseria-Oper um den reichen Mann von Gutglauben, der seine Töchter unter Verschluss hält und sich nach einem Übertölpelungstrick des Doktors in einer Paradieswelt auf dem Mond glaubt.

Komische Oper wird zum Singspiel

Es ist eine Bearbeitung, die sich deutlich weiter vom Original entfernt als vorherige Projekte. Das beginnt damit, dass die vielen frechen, aber nicht gesungenen, sondern gesprochenen Texte die Komische Oper fast zu einem Singspiel machen. So kommen die Arien fast wie in einer Nummernrevue daher. Musikalisch hat Alexander Krampe die Partitur wieder auf zehn Musiker heruntergebrochen.

Als klangliches Füllmaterial hat er in der trockenen Akustik des Hubertussaals Akkordeon und Gitarre miteingesetzt, wobei er diese orchesterfremden Instrumente inhaltlich nicht begründen kann, da das Stück nirgends auf Volkstümlichkeit setzt. Alle Sänger überzeugen, doch bis auf den wendigen Counter Thomas Lichtenecker als schwedischer Graf ist keiner brillant.

Ökonomische Interessen gehen vor

Aber alle sind gute Schauspieler, etwa der geldgierige Dr. Eccliticus, dem der Tenor Stefan Hahn fast eine Christoph-Waltz-Diabolik gibt. Sein Opfer, der Bass-Bariton Oliver Weidinger, ist als alter Herr von Gutglauben ein sympathischer Peter-Simonischek-Typ. Ihm werden die Töchter abgeluchst, damit sie ihre Liebhaber heiraten können.

Aber hier bürstet der Regisseur stark gegen den Liebesstrich: der Partnerschafts-Anbahnung und dem vorgesehenen Happy End wird die Liebe konsequent ausgetrieben. Immer gehen ökonomische Interessen vor. Wenn sich am Ende der Doktor und Klärchen (Polly Ott) im Liebesduett vereinen, ist das als ungelenke Verkeilung inszeniert.

Der gutgläubige Vater - und Ludwig II. 

Helene (Friederike Mauß) wiederum bekommt ihren Grafen, aber er ist ein Sadist, was er in der Fantasiewelt des Mondes, die für Herrn von Gutglauben inszeniert wurde, schon einmal kräftig ausleben durfte. Hier wurden auf der Bühne wirklich Fesseln und Ketten angelegt und gepeitscht wurde auch – natürlich mit der gebotenen Leichtigkeit einer "Komischen Oper".

Das alles knirscht ein bisschen, auch wenn die Texte von Regisseur Wilgenbus wunderbar sind: geistreich und bildungsbürgerlich angereichert, dabei elegant. Und wenn am Ende der gutgläubige Vater nach dem Schluss-Tutto noch gegen die Dramaturgie eine Einzelarie bekommt, in der er einsam die Welt auf dem Mond als Sehnsuchtsort besingt, ist er als einsamer Phantast einem Herren nicht unähnlich, der hier ein paar Säle weiter gestern vor 172 Jahren geboren wurde: Ludwig II.

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