Heute bei ProSieben "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück": Im Vorhof zur Hölle

Militärputsch in Chile: Soldaten hetzen Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) durch die Straßen. Foto: ProSieben/Majestic/Ricardo Vaz Palma

Ein wuchtig wichtiger Film: Das Drama "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" von Florian Gallenberger. Die AZ-Kritik.

Florian Gallenberger ist der Mann für die gewichtigen Themen im deutschen Kino. In "Colonia Dignidad" gräbt der Regisseur ein noch immer nicht gänzlich aufgeklärtes Drama aus der Vergangenheit aus: Die unfassbaren Taten, die hinter den elektrischen Zäunen der deutschen Sekte Colonia Dignidad im Süden Chiles verübt wurden.

Colonia Dignidad: Darum geht es in dem Film

Mit dem Militärputsch von General Pinochet 1973 in Chile beginnt eine mörderische Säuberungswelle. Die Anhänger des gestürzten Präsidenten Allende werden verfolgt, auch der deutsche Fotograf Daniel (Daniel Brühl) und seine Freundin, die gerade erst eingereiste Stewardess Lena (Emma Watson), werden verhaftet.

Doch während Lena bald wieder freigelassen wird, foltern die Militärs Daniel mit Schlägen und Elektroschocks in den unterirdischen Katakomben der Colonia Dignidad. Halbtod wird er schließlich der Gemeinde überlassen. Daniels Überlebenstaktik besteht darin, so zu tun, als hätten ihm die Schocks den Verstand geraubt.

Als vermeintlicher Idiot genießt er relative Freiheiten im strengen Arbeitsalltag der von Paul Schäfer geführten Zwangsgemeinschaft. Lena entwickelt nach Recherchen in Santiago einen eigenwilligen Plan, um Daniel zu retten: Sie begibt sich als gottsuchende Unschuld freiwillig in die Kolonie, einen Vorort der Hölle. Gravitationspunkt in diesem Film ist Mikael Nyqvist, der den Sadisten, Kinderschänder und Sektenführer Schäfer mit einer Intensität verkörpert, die einem das Blut gefrieren lässt.

Wie dieser Mann allerdings jemals freiwillig eine Gemeinde um sich versammeln konnte, bleibt im Dunkeln. Die tägliche Fronarbeit, die Willkür der Bestrafung in diesem "Agrar-Musterbetrieb", den deutsche Politiker wie Franz Josef Strauß gerne besuchten, inszeniert Gallenberg, als habe er bei Lars von Trier gelernt.

Colonida Dignidad: Drehbuch mit ein paar Schwächen

Das Drehbuch allerdings (Torsten Wenzel, Gallenberger) offenbart die Schwächen des Films: In dem Versuch, die politische Aufklärungsarbeit mit Action- und Liebesdrama zu ergänzen, bleibt die Figurenzeichnung etwas auf der Strecke. Nie wird die Liebe zwischen Lena und Daniel so spürbar, dass man ihre Selbstaufopferung versteht.

Auch die Gemeindemitglieder bleiben hölzern. Und das lange Actionfinale wird dramaturgisch abgebremst, weil es auch noch die letzten historischen Schweinereien abarbeiten muss.

Der große Verdienst dieses Films ist daher ein anderer: Florian Gallenberger hat noch einmal den Finger auf eine alte Wunde der Geschichte gelegt, und vielleicht kann dies auch dazu beitragen, die sehr unrühmliche Rolle der deutschen Botschaft doch noch einmal aufzuklären.

An Wucht jedenfalls mangelt es dem Film nicht: Gallenbergs Drama lässt den Zuschauer fassungslos und erschlagen im Fernsehsessel zurück.


Pro Sieben, heute, 20:15 Uhr

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