Oliver Frljic inszeniert "Mauser" im Marstall Franz Pätzold und die Revolution

Franz Pätzold in Heiner Müllers "Mauser" Foto: Fersterer

Der in Bosnien geborene Regisseur Oliver Frljić inszeniert  „Mauser“ von Heiner Müller mit Franz Pätzold in der Hauptrolle

Seinen Ruf als Enfant terrible des europäischen Theaters hat Oliver Frljić in den letzten Jahren hartnäckig verteidigt, nicht nur mit seiner ungemein intensiven Inszenierung von „Balkan macht frei“ in München, sondern auch durch Stücke wie dem „Requiem auf Europa“ in Dresden oder „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ in Wien, die ihm auch eine Menge Ärger einbrachten. Nun kehrt er mit „Mauser“ ans Residenztheater zurück. Premiere ist am 27. April.

AZ: Herr Frljić, Ihr Stück „Balkan macht frei“ ist seit zwei Jahren auf dem Spielplan des Residenztheaters ...

OLIVER FRLJIC: …..das hätte wirklich niemand gedacht.

Und es ist eine unglaubliche Show von Franz Pätzold.

Ich kann mir das Stück auch gar nicht von jemand anderem gespielt vorstellen. Unser zweites Zusammentreffen nun bei „Mauser“ ist wirklich eine Bereicherung für mich. Ich habe eine Menge von ihm gelernt. Es war auch mein ausdrücklicher Wunsch, wieder mit ihm arbeiten zu dürfen.

Es gab in „Balkan macht frei“ häufig Versuche des Publikums, Franz Pätzold aus der Waterboarding-Szene zu befreien. War das eine von Ihnen gewünschte Provokation?

Ich denke, ich habe verschiedene Optionen angeboten. Es war die Entscheidung des Publikums, darauf zu reagieren – oder auch nicht. Aber diese spezielle Szene war eine, bei der wie testen wollten, inwieweit das Publikum zwischen Fiktion und Realität unterscheidet. Das erinnert mich an den Versuch der Brüder Lumière, die 1895 den Kurzfilm „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ zeigten. Der Zug fuhr direkt auf das Publikum zu, das angeblich in Panik das Café verließ.

Wie kamen Sie jetzt auf Heiner Müllers „Mauser“?

Chefdramaturg Sebastian Huber und ich haben lange diskutiert. „Mauser“ kam uns wie eine Weiterführung der Arbeit vor, die wir mit „Balkan macht frei“ begonnen hatten.

Es geht in dem Stück auch um die Frage, ob Gewalt als politisches Mittel möglich ist.

Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ein sozialer Wandel durch die existierenden Institutionen auf friedliche Art möglich ist. Ich habe darauf keine Antwort, Heiner Müller hatte sie auch nicht. Aber unsere Aufgabe ist es auch nicht, Fragen zu beantworten, sondern, die richtigen Fragen zu stellen.

Wenn wir hier beim Interview aus dem Café „Zur schönen Aussicht“ auf den Max-Joseph-Platz blicken, kann ich keine besonders revolutionäre Stimmung erkennen.

Das stimmt natürlich. Die Grundidee des Stücks ist, die Schauspieler in die dialektische Methode des Denkens zu führen. Das Stück wird nicht nur für das Publikum aufgeführt, sondern auch für die Teilnehmer. Wir benutzen das Stück, um uns selbst über die Dialektik der Gewalt klar zu werden. Es ist unsere Aufgabe, die neue soziale Realität im Theater zu reflektieren. Heiner Müllers Stück wirkt auf den ersten Blick wie aus dem Museum, aber wenn man nur ein bisschen an der Oberfläche kratzt und den historischen Kontext abstrahiert, entdeckt man eine Menge von dem, was auch heute wichtig ist.

Es bleibt aber ein Paradox: Sie inszenieren hier mit Steuergeldern ein Stück, für das die Menschen dann noch Eintritt zahlen, um sich über die Revolution Gedanken zu machen.
 

Mit diesem Dilemma wache ich jeden Morgen auf. Bin ich in der Lage den Kontext zu ändern, oder wird er mich ändern? Das Residenztheater bedient schon eine gewisse soziale Klasse, die sich einen Theaterabend leisten kann und natürlich nicht an einem fundamentalen Wandel der Gesellschaft interessiert ist, weil sie auf die eine oder andere Art privilegiert ist. Brecht hatte sich für seine „Dreigroschenoper“ auch ein anderes Publikum erträumt. Aber wenn ich Undergroundtheater mache, erreiche ich die Arbeiterklasse auch nicht. Die schaut lieber Soap-Operas oder Reality TV.

In seinen Bemerkungen schreibt Heiner Müller, dass es auf gar keinen Fall eine Trennung von Schauspieler und Chor, oder Chor und Publikum geben solle.

Heiner Müller meinte, ein Stück zu inszenieren, bedeute, das Publikum dazu zu zwingen, einen Sinnzusammenhang herzustellen. Wenn das Theater eine demokratische Institution sein will, dann darf es dem Publikum nicht dessen Arbeit abnehmen. Meistens will das Publikum, dass ihm die Bedeutung eines Stückes geliefert wird, es will eine andere Form des Entertainment konsumieren, aber ich will dem Publikum, ganz im Sinne von Heiner Müller, die Arbeit nicht wegnehmen. Ich werde Angebote machen. Wichtig ist mir in „Mauser“ vor allem die körperliche Performance, jeder Satz muss aus einer physischen Anstrengung heraus gesprochen werden.

Das macht Franz Pätzold in „Balkan macht frei“ ja auch schon.

Genau, besonders in seinem zentralen Monolog an das Publikum. Da geht er weit über das hinaus, was das Publikum von einer Schauspielerrolle erwartet. Ich habe mir letztens die 30. Aufführung angeschaut. Es war für mich überraschender als beim ersten Mal. Die Energie, die Franz ausstrahlt, macht es dem Publikum unmöglich, sich bequem auf die Sitze zurückzuziehen und die voyeuristische Rolle einzunehmen. Es geschieht etwas außerhalb der Worte und weit über den Text hinaus.

Warum haben Sie Ihre Intendanz im Theater in Rijeka aus Protest aufgegeben?

Ich kann nicht mehr in Kroatien leben, ich wurde mit Todesdrohungen überzogen, meine Wohnung und die meiner Freundin wurden aufgebrochen, um uns einzuschüchtern. Ich bin nicht mehr Leiter des Rijeka Theaters, aber immer noch im Team für das Programm als Kulturhauptstadt 2020, um noch weiter in diesem kulturellen Kontext dabei zu sein.

Wie konnte es zu so einer aufgeheizten, politischen Stimmung kommen?

Ich denke, für einige süd- und osteuropäische Länder war die Demokratie nur ein Instrument, um verschiedene Formen der Diskriminierung zu legitimieren. Demokratie klingt großartig, aber wie sieht es denn in der Realität aus? In Polen beispielsweise gibt es zwei Verfahren gegen mich. Nach der Aufführung des Gastspiels von „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wurde mir ein Angriff auf nationale Symbole unterstellt und wegen des Stücks „Der Fluch“ wirft man mir Blasphemie vor und einen Aufruf zur Ermordung von Jaroslaw Kaczynski.

Sie könnten es sich ja auch mal ein wenig einfacher machen und Shakespeares „Sommernachtstraum“ inszenieren.

Nein, das will ich nicht. Das muss jeder Regisseur für sich entscheiden. Aber ich sehe es als meine Pflicht an, darüber zu sprechen, was gerade in einer Gesellschaft geschieht. Ich könnte mich sicher hinter großen Metaphern verschanzen, aber meine Haltung ist eine andere: Ein Problem zu benennen, könnte der erste Schritt zu einer Lösung sein. Die Intendanten kennen meine Haltung. Ich kann momentan auch nicht in Kroatien inszenieren, weil es sich kein Intendant mehr traut, mich einzuladen. Ich habe aber die luxuriöse Situation, in anderen Ländern arbeiten zu können, was für mich ein großer Lernprozess ist: Ich muss ja auch die anderen Theatertraditionen verstehen.

Die westlichen Theater erwarten aber etwas Bestimmtes von der Marke Oliver Frljić.

Sie meinen einen Skandal? Ich möchte wirklich nicht die Geisel solcher Erwartungen sein. Manche buchen mich vielleicht in der Hoffnung darauf, aber ich habe nie versucht, einen Skandal hervorzurufen, auch wenn es manchmal geschehen ist. Ich wünschte mir auch ein reiferes Theaterpublikum in Polen und Kroatien, das mit mir über meine Arbeit diskutiert – auf friedliche Art. Stattdessen hat mich der polnische Kulturminister angegriffen und die katholische Kirche hat Proteste organisiert. Selbst meine Schauspieler erhielten Todesdrohungen. 

Man kann es auch als Anerkennung sehen. Die nehmen ihre Arbeit und die Bedeutung für die Gesellschaft sehr ernst. Es wäre sehr schwer, in München Menschen auf die Straße zu bringen, die sich gegen ein Theaterstück aussprechen.

Das finde ich auch sehr gut. Vor allem zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens. Natürlich ist es schade, wenn man mit einem Stück die Öffentlichkeit außerhalb des Theaters nicht mehr erreicht, der Letzte, der das hier in Deutschland geschafft hat, war wohl Christoph Schlingensief mit seinen breiter angelegten sozialen Performances. Ich taste mich hier noch blind wie Ödipus durch mein Leben, weil ich nicht alle gesellschaftlichen Zusammenhänge verstehe. Aber ich arbeite hier gerne



Premiere 27.4. (ausverkauft), 28.4. und  22., 27. und 29. Mai Karten unter 089 2185 1940

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