Hausbesuch bei Rallye-Legende Röhrl: "Meine Motivation war Perfektion"

Walter Röhrl in seiner Stube im heimischen St. Englmar: "Perfekt, um dem Trubel zu entfliehen. Foto: sis

Ein Hausbesuch der AZ bei der Rallye-Legende in St. Englmar. Walter Röhrl spricht über seinen Glauben, den Tod des Bruders und das Paradies auf Erden.

Schneeflocken wirbeln an diesem Adventssamstag über St. Englmar. Der Wintersport- und Luftkurort im Bayerischen Wald liegt in eine dichte Wolkendecke gehüllt. Eine dicke Schneeschicht hat sich über die Wiesen und Wälder gelegt, die Skilifte der Umgebung bereiten sich auf die Saison vor. Vor einem Haus in Hanglage räumt ein schlaksiger, großer Mann mit FC-Bayern-Trainingsjacke Schnee.

Rallye-Legende Walter Röhrl weist dem Besucher einen Parkplatz vor seinem Haus zu. "Ziehen Sie sich Hausschuhe an, das ist bequemer", sagt er - und flucht nebenher. "Ich glaube, ich hab mir vorher den Zeh gebrochen, ich hab mich saublöd am Tisch angerennt."

Dann, wieder ganz die Ruhe selbst, bittet er leicht humpelnd in seine holzvertäfelte Stube. Seit 17 Jahren wohnt der zweimalige Rallye-Weltmeister (1980, 1982) und viermalige Sieger der legendären Rallye Monte Carlo in dem 1.700-Einwohner-Ort im Landkreis Straubing-Bogen in Niederbayern. "Hier herzuziehen war die beste Entscheidung", sagt der gebürtige Regensburger, "ich fühle mich sauwohl."

"Im Bayerischen Wald kann man viel Energie und Kraft schöpfen"

Kein Wunder, denn als "Bewegungssüchtiger", wie Röhrl sich selbst bezeichnet, findet er in St. Englmar ideale Bedingungen. Im Sommer ist er mit dem Rad unterwegs, im Winter geht's in den Bergen der Umgebung auf Skitouren. Viermal die Woche, direkt von seinem Haus aus. "Ich bin dann ganz allein in der Natur unterwegs, das ist perfekt, um dem Trubel zu entfliehen. Im Bayerischen Wald kann man viel Energie und Kraft schöpfen."

Die braucht er auch, denn der 70-Jährige ist nach wie vor gefragt und viel in der Welt unterwegs . Als Repräsentant für Porsche - den Job als Testfahrer hat er in diesem Jahr aufgegeben -, aber auch als Fahrsicherheitstrainer. "Im November war ich ganze drei Tage daheim", erzählt Röhrl. Bis kurz vor Weihnachten war er in Monte Carlo, Journalisten durften dort mit ihm über die französischen Seealpen fahren. "Wenn ich dann nach Hause komme, sage ich oft zu meiner Frau: ,Du weißt schon, dass wir hier im Paradies wohnen'", sagt Röhrl.

Die Türglocke unterbricht seine Ausführungen, zwei Autogrammjäger stehen draußen. Der 1,96-Meter-Hüne bittet sie ins Wohnzimmer, entschuldigt sich: "Ich bin gleich wieder da."

Zehn Minuten und einen Ratsch später erscheint er wieder in der winterlich dekorierten Stube. "Wenn ich zu Hause bin, kommen fast jeden Tag Fans vorbei und bitten um ein Autogramm oder Foto", erzählt er: "Normalerweise bekommen sie auch noch einen Kaffee, aber ich will Sie ja nicht so lange warten lassen."

Also weiter im Gespräch über die Vorzüge des Bayerischen Waldes. Seine Oldtimer fährt Röhrl auf den kurvigen Strecken bei schönem Wetter regelmäßig aus. "Das genieße ich sehr." Damit ist Röhrl beim Thema Autofahren angelangt, seiner Leidenschaft, die ihn seit 50 Jahren prägt. Eigentlich war er passionierter Skifahrer und sogar staatlich geprüfter Skilehrer - so lernte er bereits als Jugendlicher seinen jetzigen Wohnort kennen -, doch einem Bekannten fiel sein Talent fürs Autofahren auf, er organisierte ihm Fahrzeuge und Teams.

Eine steile Karriere, die ihn zu 14 Siegen bei Rallye-WM-Läufen führte, begann. Anfangs nicht ohne familiären Widerstand. "Es war jedes Mal eine Szene mit meiner Mutter, als würde ich nicht mehr wiederkommen", erinnert er sich. In dem Jahr, als er den Führerschein erwarb, starb sein elf Jahre älterer Bruder Michael im Alter von 28 Jahren bei einem Verkehrsunfall. "Seitdem war die Mutter eine gebrochene Frau."

"Nach dem Tod meines Bruders war ich immer vorsichtig"

Röhrls Miene ist ernst, aber ruhig. Zwischendurch beißt er von den Nussbeugerl ab, die seine Frau Monika serviert hat . Er nippt hin und wieder an einer Tasse Tee. Wie ihn der Tod des Bruders in seinem Leben beeinflusst habe? "Ich war immer vorsichtig auf den Strecken", sagt er, "nach dem Tod meines Bruders wollte ich es meiner Mutter nicht antun, diese Erfahrung noch einmal machen zu müssen. Ich wollte gewinnen, aber nicht um jeden Preis. Aber klar, ein paar Mal hab' ich auch einen Schutzengel gebraucht."

Zum Beispiel bei der Rallye San Remo. Ein Bach hatte sich aufgestaut, Röhrl flog von der Strecke, 100 Meter einen Abhang hinunter. "Da habe ich auf den großen Schlag gewartet und gedacht: ,Dann ist dein Leben vorbei.' Doch, oh Wunder: Röhrl und sein Beifahrer, der Münchner Christian Geistdörfer, blieben unverletzt. "Ich war nie wegen eines Unfalls im Krankenhaus, nie im Sanka", sagt Röhrl: "Und dann brech' ich mir daheim den Zeh, ich Depp."

Manchmal, in solchen Grenzsituationen, hat Röhrl der Glaube Halt gegeben. Er stammt aus einem streng katholischen Elternhaus, arbeitete als junger Mann für das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg. "Ich habe oft gebetet", sagt er, "aber nicht, dass ich gewinne, sondern dass ich Realist bleibe und mir nichts passiert." Ein gewisses Gottvertrauen habe er sich angeeignet, "aber nicht in dem Sinne, dass ich einfach drauf losgehe und sage, Gott wird's schon richten. Die Verantwortung für mein Handeln liegt schon bei mir selbst."

Immer wieder schmiegt sich Kater Maxl, der uns in die Stube nachgeschlichen ist und das Gespräch neugierig vom Fensterbrett aus beobachtet, an sein Herrchen heran. "Gell, damit du ja nichts verpasst", sagt Röhrl, wuschelt dem Tier über den Kopf und streicht ihm übers Fell. "Der Maxl ist unser Heiligtum", sagt er. Seine erste Katze Lisa ist vor einem Jahr gestorben. "Sie war unser erstes Haustier", sagt er, "ich habe eine solche Leidenschaft für die Viecher entwickelt, das Tier hat mich völlig verändert."

Röhrl und seine Frau haben keine Kinder, er wollte das nicht, so lange er im Motorsport aktiv war. "Dann wäre ich nicht mehr so schnell gewesen." Aber: "Erst durch die Katze wurde mir bewusst, was es für Eltern heißen muss, ein Kind zu haben."

Röhrl und das ewige Streben nach Perfektion

Was ihn über all die Jahre angetrieben habe? "Meine Motivation war nie Geschwindigkeit, sondern Perfektion", erklärt er. "Klar, wenn im Rennsport etwas perfekt ist, dann ist es auch schnell, aber Geschwindigkeit ist nichts, was mich magisch anzieht. Sie macht mir eher Angst, als dass sie mich euphorisch macht." Ergebnisse und Ruhm waren für ihn zweitrangig. "Ich war selbst nach Siegen oft nicht zufrieden, weil ich wusste, dass die Fahrt nicht perfekt war", erinnert er sich.

Manchmal, gerade jetzt um Weihnachten, wünscht er sich Entschleunigung, "dass man viel mehr schauen müsste, zur Ruhe zu kommen, weil die Welt zu hektisch geworden ist." Lebensqualität, das bedeutet eigentlich für ihn, "den Zeitdruck nicht mehr zu haben, dass man dauernd irgendwo hin muss." Doch er kann nicht aus seiner Haut. "Mein Problem ist: Bei allem, was mit meiner körperlichen Fitness zu tun hat, messe ich die Zeit. Das ist eigentlich idiotisch, weil ich mit 70 natürlich nicht genauso schnell sein kann wie mit 40."

Und auf der Rennstrecke? Wenn etwa Journalisten eine Runde mit ihm drehen dürfen? "Da gebe ich noch richtig Gas. Ich merke nicht, dass ich langsamer bin als vor 30 Jahren und habe den gleichen Spaß wie vor 50 Jahren", sagt er. "Ich genieße es, mich mit jungen Fahrern zu messen und auszuloten, wie fit ich noch bin."

So richtig Ruhe, die findet er wohl nur daheim, im beschaulichen St. Englmar. Als Walter Röhrl den Besucher verabschiedet, tanzen draußen noch immer die Schneeflocken vorbei. 

Lesen Sie hier: Renn-Legende Walter Röhrl hatte Angst vor Super-Porsche GT

Jetzt neu: Die AZ-App mit Push-Benachrichtigung!

Verpassen Sie nie mehr, wenn in München, Bayern oder Welt etwas passiert. Die App für Android und iOS mit automatischer Benachrichtigung für Ihr Smartphone oder Tablet gibt es hier kostenlos zum Download:

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. null