Gesundheit und Fitness Barrierefreie Wanderwege: Naturerlebnisse für jedermann

Wandern auf dem Frankenweg: Schon Alexander von Humboldt hat hier seine Spuren hinterlassen. Foto: Frankenwald Tourismus

Zwischen Feld und Wald treffen sich Studenten und Senioren und fachsimpeln über Wanderwege. Jeder kann durch die Natur schweifen und auf barrierefreien Wegen genießen.

München - Mitten in den Semesterferien und mitten im Verfassen einer langen Hausarbeit über Hartmann von Aue reicht es mir mit dem Herumsitzen! Draußen höre ich Vögel zwitschern, begegne Menschen mit großen Rucksäcken am Bahnhof, weiß von anderen Studenten, die keine Hausarbeiten schreiben, die durch die Welt reisen. Meine Oma ist ebenfalls mal wieder auf Tour. An der Nordsee geht sie gerne dick eingepackt auf dem Deich spazieren. „Machen auch wir eine kreative Pause, eine Bildungsreise für Anfänger“, sagt eine Freundin.

Gesagt, geplant! Ich schlage vor, durch den Odenwald zu wandern. Aha, und warum? Natürlich wegen des Nibelungensteigs; für Germanistikstudenten also fast ein Muss. Unterkünfte finden wir im September problemlos. Wir entscheiden uns für zunächst 60 der 124 km von Zwingenberg an der Bergstraße bis Freudenberg am Main. Am Ebersberger Felsenmeer wird unsere Reise nach wenigen Tagen enden. Am ersten verregneten Tag begegnen wir keiner Menschenseele, dafür aber Rehen.

In einer Gaststätte machen wir zu „Kerwezeit“, Kirchweih, schnell Bekanntschaft mit den ansässigen Stammtischgruppen. Die Älteren unter ihnen sind angetan von unserer Wanderung, aber auch erstaunt, dass wir absichtlich Umwege gehen, als wir das nächste Etappenziel nennen. Nein, wir wollten nicht an der großen Straße entlang möglichst schnell zum nächsten Ort gelangen, sondern der Weg sei unser Ziel, erklären wir. Das rote N führe uns durch atmosphärischere Gefilden. Darauf einen Birnenschnaps, die Herren!

Am nächsten Tag klart der Himmel auf und taufrisch marschieren wir los, eingedeckt mit Einkäufen. Immer wieder wechseln sich dichte Wälder und weite Wiesen mit Obstbäumen, Senken und Berge ab. In der Herbstsonne rasten wir und begegnen einer Gruppe älterer Herrschaften, die uns, top ausgerüstet mit Wanderstöcken, eine Sitzgruppe wenige Hundert Meter entfernt empfiehlt. Wir schließen uns an und kommen schnell ins Gespräch. Seit Jahrzehnten nimmt sich die Gruppe Zeit, zusammen durch die Natur zu wandern. Wegen des durchgetakteten Lebens mit Beruf und Familie lange Zeit nur einmal im Jahr. Seit fünf Jahren etwa, aber mehrmals. „Man lernt Land und Leute ganz anders kennen. Abends fallen wir satt und müde von der frischen Luft und Bewegung ins Bett. Wie sich das anfühlt, hatte ich lange Zeit vergessen“, erzählt Heinz, der jahrelang als Selbstständiger ein kleines Geschäft geführt hat.

Wenn es mal weniger Höhenmeter und breitere Straßen sein sollen, weil einer der Gemeinschaft weniger schafft, muss der Wanderausflug nicht ausfallen. In wenigen Wochen wollen die Reisenden mit mehr Naturliebhabern unterwegs sein, die nicht mehr gut zu Fuß sind.

Im südlicheren Teil des Odenwalds zum Neckartal hin beispielsweise gebe es genügend abwechslungsreiche Alternativen, so genannte barrierefreie Wanderwege. Das ist auch für uns interessant. Ich hatte von der Aussicht auf sämtliche Burgen und kleine Fachwerkstädte bereits gelesen und im selben Atemzug geführte Touren und Gepäckservice aufgeschnappt.

Davon sind die Ruheständler begeistert. Noch aber tragen sie problemlos das Gepäck für eine Woche. Sie haben gelernt nur das Nötigste zu packen, erzählen sie nicht ganz ohne Stolz und auch das sei ein beruhigendes Gefühl, zu sehen, wie wenig man tatsächlich benötigt. Dem können wir nur zustimmen und tauschen Schokolade gegen Falafel. Unsere noch unbekannten, kleinen Frikadellen aus Kichererbsen kommen gut an – meine Studienfreundin ist begeistert von Traube-Macadamia.

Schließlich brechen wir auf, gute zwölf Kilometer liegen noch vor uns. Vor uns allen, wie sich herausstellt, und so können wir weiter fachsimpeln über Wanderschuhe, die früher doch oft Blasen verursacht hatten, und leichte Rucksäcke mit übersichtlicher Fächeraufteilung. Eine Karte packen wir nur interessehalber aus, die Wege sind sehr gut ausgeschildert. Manchmal entdecken wir Aushänge, die bündig über die Nibelungensage und den Mythos eines Ortes informieren.

Abends rufe ich meine reiselustige, 82-jährige Großmutter an und möchte sie auf den Geschmack für barrierefreie Wanderwege bringen. Doch, wen wundert das ernsthaft, sie weiß bereits Bescheid! Ihre Freundinnen aus dem Yogakurs haben viele solcherlei Ausflüge bestritten. Bei allen Touren seien gesundheitlich angeschlagene Pensionäre und Rollstuhlfahrer dabei gewesen, so dass sich keiner sorgen muss irgendwann auf Reisen durch die Natur verzichten zu müssen. Denn manche ihrer Bekannten können viele Gymnastikübungen nur noch im Sitzen oder in Abwandlung bestreiten und wollen doch gerne weiterhin teilnehmen an dem Sportprogramm – und nicht zuletzt mit Lunchpaket durch Wald und Feld spazieren oder spazieren gefahren werden.

Ach und mit Kinderwägen wäre das doch auch praktischer? Sie erzählt von geraden Wegen am Meer, einer frischen Brise um die Nase und verabschiedet sich auf bald. Vor dem Abendbrot lesen wir ein Stück des Nibelungenliedes und überlegen, wo wir morgen unsere Vorräte auffrischen. Mit eingecremten Füßen sammeln wir Kraft für die nächste Etappe und sind gespannt, wen wir in den nächsten Tagen noch treffen werden!

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