Gemeinschaftsunterkunft für 240 Afrikaner Flüchtlinge in Lochhausen: „Die haben wir im Griff“

Die SPD-Stadträte Christian Müller (2. v. r.) und Verena Dietl (r.) besuchen die neue Flüchtlingsunterkunft an der Langwieder Straße. Hier kümmern sich Hausleiterin Inge Knobloch (l.) und Petra Bauer um 240 junge Männer. Im Hintergrund zwei der vier Trakte der Containeranlage. Foto: Petra Schramek

Nach dem CSU-Streit um freiwillige Ausgaben für Flüchtlinge besucht SPD-Stadtrat Christian Müller die neue Unterkunft in Lochhausen – und findet: „Da ist kein Euro verschwendet“.

Lochhausen - Das „Gasthaus Deutsche Eiche“ liegt auf dem Weg. Ein Bäcker. Eine noch immer weihnachtsbeleuchtete Tanne nahe der Kirche St. Michael. Eine Handvoll kleiner Einfamilienhäuser.

Vom S-Bahnhof des Münchner 5000-Einwohner-Dorfs Lochhausen bis zu dem neuen Holzflachbau am nördlichen Ortsrand an der Langwieder Hauptstraße sind es kaum 500 Meter. Und als dort am 28. Dezember 240 junge Afrikaner eingezogen sind, war die Stimmung im Ort gereizt.

Die Stadt habe Flüchtlingsfamilien mit Kindern für diese städtische Gemeinschaftsunterkunft angekündigt, klagten die Anwohner. Jetzt sind es doch nur lauter junge, schwarze Männer. Wie solle man sich da noch sicher fühlen?

Umso befremdlicher klingt deshalb für die Lochhauser der jüngste Streit innerhalb der Münchner CSU: Letzte Woche hatte erst der CSU-Landtagsabgeordnete Otmar Bernhard nach mehr Security gerufen. Wenig später forderte der Ex-CSU-Stadtrats-Fraktionschef Hans Podiuk genau das Gegenteil: nämlich am Sicherheitspersonal zu sparen – und am Asylbetreuungspersonal, das sich die Stadt München zusätzlich leistet zu dem vom Freistaat vorgeschriebenen Stellen. Diese freiwilligen 28,5 Millionen Euro nur für Asylbewerber pro Jahr seien den Münchnern nämlich „nicht vermittelbar“.

Am Freitag nun hat sich Podiuks SPD-Kollege im Stadtrat, Christian Müller, vor Ort ein Bild gemacht – und was der Sozialexperte hört vom Personal, bestärkt ihn in seiner Auffassung: „Je mehr Personal wir uns freiwillig leisten, umso weniger Probleme gibt es vor Ort. Und umso schneller verstehen die Flüchtlinge, wie sie sich anpassen müssen.“ Da ist, sagt er, „kein Euro umsonst ausgegeben“.

Es ist ruhig an diesem Nachmittag. Die meisten der jungen Männer sind noch beim Einkaufen, oder in der Stadt unterwegs, wo sie Papierkram zu erledigen haben. Im Gang hinterm Eingang stehen drei junge Somali und debattieren über die Papiere in ihren Händen. Es fällt das Wort „Lebenslauf“.

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Ein Nigerianer trägt einen Wäschekorb an ihnen vorbei. Ein Grüppchen junger Schwarzer wartet vor dem Büro von Petra Bauer, die hier die Asylsozialberatung leitet – unterstützt von einem Sozialpädagogen und drei Assistenten. Die vier Gemeinschaftsküchen, in denen je vier Herde für je 70 Leute stehen, werden sich erst am Abend füllen, wenn die Bewohner Reis mit Hühnchen kochen werden, oder Lammgerichte mit Kartoffeln.

Die jungen Männer, die sich jeweils zu zweit ein 14-Quadratmeter-Doppelzimmer teilen, kommen zum Großteil aus Nigeria, Sierra Leone und Somalia. Aus Syrien sind nur neun Menschen hier. Das liege daran, dass die Regierung von Oberbayern der Stadt München schon seit Wochen keine Syrer mehr zuteile, erklärt Stadtrat Müller. Die würden, weil sie mehr „Bleibeperspektive“ haben als etwa Westafrikaner, aktuell nach Schweinfurt geschickt, wo bislang noch nicht so viele Flüchtlinge leben.

Das hat bereits Auswirkungen auf die Stimmung in der Unterkunft. „Die ersten Jungs hier aus Nigeria haben schon die Ablehnung ihrer Asylanträge bekommen“, sagt Petra Bauer. „Da ist die Enttäuschung jetzt riesengroß, denn das heißt auch: Sie dürfen nicht in die Schule gehen und keine Deutschkurse machen.“

Dabei seien die ersten Wochen mit ihnen so gut angelaufen. Vor allem dank des großen Personalstands, den die Stadt freiwillig bezuschusst: Zu den fünf Asylsozialarbeitern (drei mehr als im Bayern-Standard) kommen noch acht Mitarbeiter vom Einrichtungs-Träger Innere Mission – plus zwei Nacht-Securityleute, die die Stadt zusätzlich bezahlt.

„Unsere Leute sprechen Somali, Arabisch, Pashtu, Dari oder Farsi“, sagt die Sozialpädagogin. „So konnten wir den Ankömmlingen sehr schnell erklären, wie es läuft hier in München. Welche Regeln wir haben. Und was überhaupt nicht geht.“ Rauchen im Zimmer zum Beispiel. Unordnung hinterlassen. Übernachtungsgäste beherbergen. Respektlos sein. Oder andere stören.

Chaos am ersten Abend

Um das durchzusetzen, haben die Mitarbeiter schnell Kante gezeigt. „Am ersten Abend haben die Bewohner eines der vier Trakte die Küche in ziemlichem Chaos hinterlassen“, erzählt Petra Bauer. „Da haben unsere nigerianischen Sicherheitsleute, die täglich ab 23 Uhr kommen, die Buben einfach nachts um zwei aus den Betten gestaubt und gesagt: So, Küche aufräumen!“

Nur ein Mal habe sie die Polizei gerufen, sagt Hausleiterin Inge Knobloch: Als ein Bewohner betrunken randaliert habe. „Das war eine Erziehungsmaßnahme, damit allen klarwird, was nicht geht.“

Seither funktioniere das Zusammenleben spannungsfrei. Ältere Bewohner erzögen die Jüngeren. Viele melden sich zu freiwilligen Helferdiensten – und tragen als Zeichen dafür eine orange Weste. Der 24-jährige Diri aus Somalia etwa, der vor sechs Monaten mit einem Boot über Italien kam und sich zur Küchen-Truppe gemeldet hat. Oder Abu (24), der in der Unterkunft als Übersetzer hilft.

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„Die Jungs wollen fast alle beschäftigt sein und etwas lernen. Die vermissen ihre Familien und sagen deshalb ,Mama’ zu uns“, erzählt Petra Bauer. „Die haben wir gut im Griff.“

Noch etwas habe sich positiv entwickelt: Seit die anfangs argwöhnischen Nachbarn die schwarzen jungen Männer mit Besen, Putzeimern und Lebensmitteleinkäufen aus dem Supermarkt haben kommen sehen, sei bei vielen Anwohnern die Angst vor den Fremden verflogen. „Die haben dann gesagt: Mei, das sind ja ganz normale Menschen.“ Ein Blick auf die Lage, den auch der zuständige Aubinger Bezirksausschuss-Chef Sebastian Kriesel von der CSU auf AZ-Nachfrage bestätigt. „Ich bin seit dem ersten Tag regelmäßig dort vor Ort“, sagt er, „und mein Eindruck ist, dass es wirklich sehr gut und geordnet läuft.“

Wie also steht die CSU vor Ort zur Frage, ob die Stadt sich künftig Gelder für Asyl-Sicherheitspersonal besser sparen sollte? „Auf keinen Fall“, sagt Kriesel. „Ich bin sehr dankbar, dass die Stadt München sich hier die Extrakosten leistet. Ohne dieses Geld hätten wir hier nachts kein Wachpersonal, also keine 24-Stunden-Betreuung. Und das ist doch für beide gut – für den inneren Betrieb und für die Anwohner.“
Dass sich an den freiwilligen Leistungen in nächster Zeit etwas ändern wird, schließt SPD-Stadtrat Christian Müller ohnehin aus. „Wir haben den Anwohnern versprochen, dass wir für eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung sorgen. Und wir werden den Teufel tun, das jetzt zu ändern.“

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