Gedenk-Projekt für NS-Opfer Plädoyer für die "Stolpersteine" in München

Die "Stolpersteine" sind in München seit Jahren umstritten. Foto: dpa

Es gibt rund 6000 Stolpersteine in Bayern. In München existieren nur einige wenige auf privatem Grund. Doch die Befürworter der kleinen Gedenksteine in den Gehwegen, die an NS-Opfer erinnern, werden immer mehr.

München - Knapp 6000 Stolpersteine gibt es Bayern. In München sind bisher nur vereinzelt Steine auf Privatgrund verlegt worden. Vor nunmehr zehn Jahren hatte sich die Stadt gegen die Verlegung der Gedenksteine ausgesprochen. Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache: Anfang Dezember will die Stadt neu verhandeln, im Frühjahr soll eine Entscheidung fallen. Was spricht für und was gegen Stolpersteine? Das war die Frage auf der Podiumsdiskussion der Landtags-SPD im Senatssaal des Maximilianeums, der viele Münchner gefolgt waren.

Es diskutierten der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern der Sinti und Roma, Erich Schneeberger, die Fernsehmoderatorin und Autorin sowie Mitglied der Initiative „Stolpersteine München“, Amelie Fried, die Sprecherin der Stadtschülerinnenvertretung München, Hannah Imhof und der Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Tom Kucera. Die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Isabell Zacharias moderierte.

Die Schülerin Imhof befürwortet die Stolpersteine, weil sie Mitgefühl wecken und die individuellen Schicksale der Opfer für junge Leute greifbar machen. „Die Steine sind im Boden wie eine Wurzel. Genauso wie die Wurzel der Gesellschaft die Geschichte ist“, sagte die Elftklässlerin. Die Steine seien dringend notwendig, weil Zeitzeugen aussterben und das Gewissen gestärkt werden müsse, damit sich der Naziterror nicht wiederhole: „Die Steine bringen viele Jugendliche dazu, sich überhaupt mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.“

Als Mitglied der Initiative „Stolpersteine“ kämpft Amelie Fried aktiv gegen das Verbot und bezeichnet den Vorwurf, die Steine seien ein „Gedenken im Dreck“ als „polemisch“. Es sei eben nicht richtig, dass auf den Namen der Geschädigten herum getrampelt werde. Im Gegenteil. Durch „das Stolpern“ über die Steine, seien die Menschen gezwungen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und sie angemessen wahrzunehmen: „Kaum einer tritt achtlos auf die Steine. Und um sie lesen zu können, muss man sich verbeugen“, sagte Amelie Fried. Damit verneigen sich die Passanten automatisch vor den Opfern des Nationalsozialismus.

"Stolpersteine sind kontraproduktiv."

Abi Pitum, Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden, vertritt die einzige Gegenstimme aus dem Publikum an diesem Abend. Es sei kein Bedarf für die Steine, da es schon genug Gedenkorte in München gebe: „Zu viel ist zu viel.“ Die KZ-Gedenkstätte in Dachau, der Platz der Opfer des Nationalsozialismus und das geplante NS-Dokumentationszentrum – alles Orte, die helfen, Erinnerungskultur zu pflegen. Außerdem gebe es in München inzwischen wieder ein engagiertes jüdisches Leben, wo an bestimmten Tagen den Opfern bereits ausreichend gedacht werde. „Stolpersteine sind da kontraproduktiv“, so Pitum.

Zu viele Gedenkorte in München? Darüber wurde aufgeregt diskutiert. Als ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ habe sich die Stadt beim Thema Aufarbeitung oftmals nicht mit „Ruhm bekleckert“, hielt Fried dagegen.

Das jahrelange Hickhack um das Dokumentationszentrum und die immer noch fehlenden Erinnerungsorte für viele Opfergruppen seien nur wenige Beispiele von vielen. Auch hier könnten die Stolpersteine Abhilfe schaffen, weil hier alle Verfolgten berücksichtigt würden. Neben Juden auch politisch Verfolgte, Christen, Euthanasie-Opfer, Homosexuelle sowie Sinti und Roma.

In anderen Städten sind "Stolpersteine" längst Realität

Die Diskussion verdeutlicht auch, dass die Stolperstein-Frage innerhalb der jüdischen Gemeinde in München immer noch stark umstritten ist. Tom Kucera, Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom spricht gar von einem „Boxkampf“. Die kleine Gemeinde befürwortet die Steine, weil sie „die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden und somit einen notwendigen Beitrag gegen das Vergessen leisten“, so Kucera. Pitum hingegen meint, die „einmütige“ Meinung der Münchner Juden – also gegen die Steine – zu vertreten, was zu heftigem Widerspruch unter den Glaubensgenossen führt.

Auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, stehe nach wie vor zu ihrem Stolperstein-Veto, lässt Pitum wissen. Knobloch selbst war nicht zur Diskussion gekommen. Die Pflastersteine aus Messing sind in vielen Städten längst Realität. Sie erinnern an die Opfer vor deren früheren Wohnhäusern. Auf Wunsch der Angehörigen können sie im Gehweg eingelassen werden. Das Stück kostet 120 Euro und ist ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, der dafür das Bundesverdienstkreuz erhielt. Wenn es – wie an diesem Abend – bei dem Zuspruch bleibt, wird auch München bald seine Stolpersteine bekommen.

JETZT LESEN

24 Kommentare