Geburtstagsgespräch Hansi Kraus: Der Lümmel wird 60

Herzlichen Glückwunsch! Hansi Kraus, der ewige Lausbub, wird 60. Foto: dapd

Hansi Kraus, der ewige Lausbub, wird 60. Fast hätte er das nicht mehr erlebt. Er war dem Tod ganz nah. Hier erzählt er, wie er das erlebt hat.

Als 12-jähriger Lausbub Ludwig Thoma und als frecher Lümmel von der ersten Bank begeisterte er einst ein Millionenpublikum. Hansi Kraus (59) war der gefeierte Kinderstar der 60er Jahre. Über zehn Jahre lang spielte er in 35 Kinofilmen an der Seite von Stars wie Theo Lingen, Peter Alexander und Harald Juhnke. Am 26. Juni feiert Hansi Kraus seinen 60. Geburtstag. Ein Geburtstag, den er fast nicht erlebt hätte. Denn vor drei Monaten wäre der Kinderstar fast gestorben.

AZ: Was ist passiert, Herr Kraus?

HANSI KRAUS: Ich wachte eines Morgens mit den Symptomen einer Magen-Darmgrippe auf und hatte eine ungewöhnliche Schwellung im Schritt. Ich schilderte meinem Heilpraktiker am Telefon die Symptome, und der schickte mich sofort ins Krankenhaus. Dort diagnostizierte man nach einigen Untersuchungen eine Fournier-Gangrän: Eine seltene und gefährliche Infektion, ausgelöst durch Streptokokken, die durch irgendeine kleine Wunde in den Körper gelangen. Die Sterblichkeitsrate liegt bei 67 Prozent, weil die Vergiftung meistens zu spät erkannt wird und dann nicht mehr durch Antibiotika ausgebremst werden kann.

Wie war's bei Ihnen?

Kaum hatte man mir die Zugänge gelegt, bin ich in einen septischen Schock gefallen. Zwei Stunden später im Krankenhaus – und ich wäre tot gewesen. Ich habe Gott sei Dank nicht viel mitbekommen und bin erst nach dreitägigem Koma auf der Intensivstation wieder zu mir gekommen. Da standen meine Frau und meine beiden Töchter mit verweinten Augen an meinem Bett und erzählten mir, dass sie drei Tage um mein Leben gebangt hätten.

Ihre erste Reaktion?

Ich fragte den Oberarzt nach einem Bier (lacht). Das hat er mir jedoch verwehrt. Ich war so schwach, dass ich nicht mal Wasser trinken konnte.

Haben Sie den Ernst der Lage nicht erkannt?

Den habe ich Gott sei Dank verpennt. Aber ich erinnere mich an einen Traum, mit blauen Wolken, in dem ich vor zwei dunklen Tunneln stand und den Wächter davor fragte, wo denn der Tunnel mit dem hellen Licht sei. Der hat nicht geantwortet und ich habe mich geweigert, weiterzugehen. Im Nachhinein, glaube ich, war das die Schlüsselszene, in der ich mich fürs Weiterleben entschieden habe.

Eine Nahtoderfahrung?

Ja, davon bin ich überzeugt. Übrigens schon die zweite in meinem Leben. Im Alter von neun Jahren wurde ich mal vom Bus überfahren und erinnere mich noch ganz genau, wie das ganze Leben als Film an mir vorüber zog. Witzigerweise träumte ich als Kind in Schwarzweiß, und dieses Mal träumte ich in Farbe.

Wie hat sich Ihr Leben durch die Erfahrung verändert?

Gar nicht. Ich hatte eine weitgehend unbekannte Krankheit, die mich ohne Schuld getroffen hat und deren Verlauf ich aufgrund meines Komas kaum mitbekommen habe. Daher habe ich weder das Gefühl, ein zweites Leben geschenkt bekommen zu haben, noch dass ich jetzt alles anders machen muss. Ich bin der Gleiche wie vorher.

Keine Einschränkungen?

Ich trinke weniger Alkohol, weil ich auf mein Immunsystem achte. Vor dem Unfall habe ich täglich Bier getrunken, was schlecht fürs Immunsystem war und somit die Verbreitung des Infekts begünstigt hat. Die einzige kleine Lektion, die ich mitgenommen habe.

Was haben Sie die vergangenen 60 Jahre gelehrt?

Dass das Leben gut zu mir war. Wenn es mich jetzt zerbröselt hätte, dann könnte ich sagen, dass ich ein wunderbares Leben hatte. Ohne größere Katastrophen und gesegnet mit einer wunderbaren Familie.

Wie feiern Sie am Dienstag Ihren 60. Geburtstag?

Ein Tag wie jeder andere, den ich nicht feiern werde. Der Heimatkanal, bei dem meine Filme laufen, gibt mir zu Ehren ein großes Fest am 19. Juli. Das reicht mir.

Ihr gefühltes Alter?

Auf jeden Fall jünger als 60. Habe gerade zusammen mit meiner Enkelin einen meiner alten Filme angeschaut, in dem ich 20 war – und es fühlte sich an wie gestern. Ich bin immer noch sehr kindisch und komme sehr gut mit Kindern aus.

Wie viel Lausbub steckt denn noch in Ihnen?

Ich bin immer noch ein bisschen Lausbub. Wenn ein guter Streich hergeht, dann bin ich immer dabei. Ich habe die Rolle damals schon zu Recht bekommen, denn ich war wirklich ein Lausbub. Einige meiner echten Streiche – wie zum Beispiel das Juckpulver auf dem Klopapier der Pauker – haben sogar den Weg ins Drehbuch gefunden.

Wo kann man denn Ihre neueren Streiche bewundern?

Derzeit in der Iberl-Bühne, wo ich in „O'zapft is“ auf der Bühne stehe. Die großen Film- und Fernsehangebote bleiben derzeit leider aus. Anscheinend stecke ich in der Blödel-Schublade fest, und man traut mir nichts anderes zu. Dabei würde ich so gerne mal einen Kriminalkommissar spielen.

Kommen Sie finanziell über die Runden?

Ich habe eine schöne Eigentumswohnung im Lehel und meine Frau arbeitet auch – wir kommen gut über die Runden. Ich kann von meinem Beruf leben.

Keine größeren Ambitionen?

Ich bin leider nicht sehr ehrgeizig, sondern eher ziemlich faul. Das wurde mir schon früher in vielen Schulzeugnissen attestiert: „Intelligent, aber faul.“ Meine Frau bemängelt das auch ständig und tritt mir ab und zu mal in den Hintern.

Ruhm und Ehre beflügeln Sie auch nicht?

Nein, das habe ich schon alles hinter mir. Und als Jugendlicher ist mir das zeitweise schon ganz schön zu Kopf gestiegen. Ich war bekannt wie ein bunter Hund und wurde überall angesprochen, betätschelt und begrabscht. Das war teilweise ganz schön lästig, aber meine Freunde haben aufgepasst, dass mir das nicht zu Kopf steigt.

Wie viel Gage gab es denn damals?

Für meinen ersten Lausbuben-Film bekam ich schlappe 3000 Mark für 30 Drehtage. So wenig kriege ich heute für einen Drehtag. Die haben mich damals über den Tisch gezogen, mit dem Argument, dass man ja nicht wisse, ob der Film denn überhaupt funktioniert. Der hat dann so eingeschlagen, dass vier weitere Filme produziert wurden. Beim zweiten Film bekam ich dann schon 8000 Mark und meine Höchstgage für einen Lümmel-Film lag später bei 35000 Mark.

Was haben Sie sich von der ersten Gage gekauft?

Nichts. Meine Eltern haben sich einen Farbfernseher gekauft. Mit 18 habe ich dann von dem Ersparten mein erstes Auto finanziert. Was mir bis heute davon geblieben ist, ist meine Eigentumswohnung. Die konnte ich mit dem gesparten Geld anzahlen und finanzieren.

Und dann war Schluss?

Ja, die große Karriere war mit Anfang 20 vorbei. Ich habe dann Design studiert und eine Ausbildung als Erzieher gemacht. Da ich so gut mit Kindern kann, habe ich lange überlegt, bis ich mich dann doch endgültig für den Beruf des Schauspielers entschieden habe. Ich bin zufrieden mit meiner Wahl und würde rückblickend in meinem Leben nichts anders machen. Trotz aller Durststrecken liebe ich meinen Beruf.

 

 

 

Auch interessant

2 Kommentare