Geburtstagsausstellung Der große Expressionist Emil Nolde und die Grüffelos

, aktualisiert am 21.08.2017 - 16:50 Uhr
"Tier und Weib". Das Aquarell ist zwischen 1931 und 1935 entstanden. Foto: Nolde Stiftung Seebüll

Farbmagier Emil Nolde schuf Bilder dramatischer Landschaften und üppiger Blumengärten. Zum 150. Geburtstag zeigt das Buchheim Museum nun seine groteske Seite.

Starnberg - Angeschickert lächelt das Matterhorn mit seiner roten Schnapsnase, der Ortler träumt von vergangenen Zeiten, und zwischen Jungfrau, Mönch und Eiger bahnt sich eine launige Dreiecksbeziehung an. Man muss diesen eher urigen Humor nicht teilen, aber mit solchen Bergpostkarten hat der bis dato erfolglose Emil Nolde in den späten 1890er Jahren echte Verkaufshits gelandet.
Jetzt hängen die Vorlagen fein gerahmt im Buchheim Museum am Starnberger See und bilden den Auftakt zur sicherlich ungewöhnlichsten Geburtstagsschau des großen Expressionisten, der vor 150 Jahren als Hans Emil Hansen im nordfriesischen Nolde zur Welt kam. Ungewöhnlich deshalb, weil die aus Wiesbaden übernommene Ausstellung ohne feuerroten Mohn und dottergelbe Sonnenblumen auskommt, ohne Bibelszenen oder paradiesische Südseestrände – und doch den typischen Nolde vor Augen führt.

Da sind die betörenden Farben, die ihn schon zu Hause auf dem Bauernhof begeistern, wo wenig vor der Fantasie des Buben sicher ist: Er bemalt Holzkarren und Türen und nimmt dafür den Saft von Beeren und Roten Rüben her. In diese Zeit fällt auch eine Beobachtung im Kuhstall, wo Emil im Kalk, der sich von den Wänden löst, "Gesichter und wilde Figuren" sieht, wie er in seiner Autobiografie schreiben wird.

In den Bergpostkarten findet diese Gabe – die Wahrnehmungspsychologen sprechen von Pareidolie – ihre künstlerisch versierte Umsetzung. Nolde, der damals in Sankt Gallen als Zeichenlehrer arbeitet und fast alle Viertausender der Schweiz bestiegen hat, scheint sicher zu sein, dass er damit ankommt. Anders sind die 1897 auf Pump gedruckten hohen Auflagen kaum zu erklären. Und tatsächlich verkauft er gleich in den ersten zehn Tagen 100 000 Karten.

Damit kann er seinen Job an den Nagel hängen und sich der freien Malerei widmen

Das gestaltet sich zwar zäh, Franz von Stuck lehnt ihn an der Münchner Akademie ab, aber das finanzielle Polster ermöglicht den Besuch von Malschulen in Dachau und Paris. Und Nolde, wie er sich 1902 nach der Heirat mit der dänischen Schauspielerin Ada Vilstrup nennt, ist ausdauernd und neugierig. Seine Frau eröffnet ihm das Berliner Großstadt- und Nachtleben, das gibt seiner um die Natur kreisenden Kunst völlig neue Aspekte, zudem schließt er sich 1907 den Brücke-Künstlern um Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel an.

Allerdings hält es Nolde gerade mal ein Jahr aus. Er ist ein freier Geist, der sich nicht einordnen mag, oft radikaler als die anderen. Und er taucht tiefer in den Farbtopf als die meisten Expressionisten, die in ihm den Magier des Kolorits bewundern. Kraftvoll gleitet der Pinsel über die Leinwand, exzessiv, eigensinnig, leidenschaftlich. Und während seine Kollegen die unfassbare Katastrophe des Ersten Weltkriegs in Menschheits-Passionen und Desillusionen verarbeiten – Otto Dix etwa im brutalen Realismus, Max Beckmann in unergründlichen, düsteren Mythen – stürzt sich Nolde in groteske Gegenwelten.

"Tolle Weib" (1919) Foto: Nolde Stiftung Seebüll

In der Abgeschiedenheit der Küste Westschleswigs und auf der nordfriesischen Hallig Hooge malt er ab 1918 Aquarelle, die mit zum Aufregendsten in Bernried gehören: Monströse Tierwesen, die Kinderbuch-Ungeheuer wie den Grüffelo vorweg nehmen, bauen sich vor winzigen menschlichen Angsthasen auf, Teufel, böse Geister und Spukgestalten taumeln durch die Nacht. Und manche Idee wird später auf großformatige Gemälde übertragen. In ihrer Kühnheit frappiert bis heute das sich am Boden räkelnde "Tolle Weib" (1919) mit seiner roten Mähne. Einem gierigen Publikum streckt es den blanken Hintern entgegen und wird dazu noch von einem dunklen Troll geritten.

Es sind diese bizarren Bilder, durch die der Maler aufschreckt. Ein Berliner Kunstkritiker will in seinen gnomhaften Menschendarstellungen Kennzeichen des "Rassenverfalls" ausmachen, und bald gerät er dann auch ins Visier der Nazis. Nolde selbst sieht sich mit seiner "naturverbundenen Phantastik" in einer langen Reihe deutscher Kunst. Er muss sich keineswegs verbiegen, als er 1934 in die NSDAP eintritt, doch sein Bekenntnis kann nicht verhindern, dass er 1937, mittlerweile 70-jährig, mit seinen Werken in der Femeschau "Entartete Kunst" vorgeführt wird und 1941 Berufsverbot erhält. Der überzeugte Anhänger Adolf Hitlers versteht die Welt nicht mehr und zieht sich wieder einmal zurück ans Meer.
In Seebüll, seit den 20er Jahren seine Heimat, entstehen unverfängliche Blumengemälde, aber auch die kleinen "ungemalten Bilder", von denen eine Auswahl nun im Buchheim Museum zu sehen ist. Darunter ein "Froschgrünes Paar", ein gesichtsloser gelber Hund, den sich Francis Bacon ausgedacht haben könnte, Baummenschen und Kobolde, die mit ihrem flammenden Haar an den Pumuckl oder Kalle Wirsch erinnern.

Überhaupt ziehen sich das Bizarre, das Fantastische, Schrille und Schräge durch das gesamte Œuvre Noldes – das wird einem in der Ausstellung erst so richtig bewusst – und bilden eine vollkommene Gegenposition zu den pathetisch aufgepumpten Körpern nazistischer Kunstideale. Man fragt sich wirklich, wie dieser "Farbstürmer" aus dem Norden das alles mit seiner braunen Gesinnung zusammen gebracht hat.


"Nolde. Die Grotesken", bis 15. Oktober, Buchheim Museum, Bernried, Di – So und Fei von 10 – 18 Uhr (Katalog, 29,80 Euro)

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