Gärtnerplatztheater "Die lustige Witwe", inszeniert von Josef E. Köpplinger

So wird im Gärtnerplatztheater bei der „Lustigen Witwe“ champagnisiert: Sigrid Hauser (li.) als Njegus mit Daniel Prohaska als Danilo. Foto: Marie-Laure Briane

Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ in der Neuinszenierung von Josef E. Köpplinger im frisch eröffneten Gärtnerplatztheater

Zuerst einmal nimmt ein kahlrasierter Herr im langen Militärmantel Platz. Dann verkündet der konservierte Intendant des Gärtnerplatztheaters sein Sprüchlein vom Handy- und Aufnahmeverbot. Das Publikum wird wieder unruhig. Ein Grammophon knistert „Lippen schweigen“. Im durchsichtigen Spiegel wird der reiche Herr Glawari zu Grabe getragen, während den schwarzen Mann nach der Witwe gelüstet.

Doch ihre Zeit ist noch nicht abgelaufen. Der Tod bleibt uns den ganzen Abend erhalten: Adam Cooper ist der ernste Spielmacher und Kontrapunkt in Josef E. Köpplingers munterer Inszenierung der „Lustigen Witwe“. Aber die neue Figur schlägt nur Luftwurzeln, weil die Musik von Franz Lehár einem hemmungslosen Hedonismus huldigt, aus dem nur sehr schwer der Untergang des Abendlandes herauszuhören ist – nicht mal ein Weltuntergang in Anekdoten.

Lehárs Operette ist ein Beziehungsdrama. Das holen Köpplingers Witwe und sein Danilo auch angemessen heraus: zwei Menschen, die aufgrund vergangener Verletzungen drei Akte brauchen, um sich ihrer Liebe erneut zu versichern. Daniel Prohaska macht aus dem Danilo einen uncharmanten Charmeur. Er singt mit absichtsvoll rauer Stimme. Camille Schnoor erscheint in einer von Männern gezogenen Kutsche – frei nach dem berühmten Foto von Lou Andreas-Salomé mit Friedrich Nietzsche und Paul Rée. Ihre Lustige Witwe lässt die aufgestiegene Schönheit aus dem Volk ahnen. Aber ihrem geraden Sopran fehlt ein Surplus an Erotik und das Parfum der Virtuosität.

Lauter Bühnen-Urgesteine

Die opernhafte, wenig textverständliche Melodienseligkeit überlassen die beiden dem zweiten Paar Valencienne (Jasmina Sakr) und Rosillon (Lucian Krasznec). Sie werden aber von Sigrid Hauser als Njegus an die Wand gespielt. Die Frage nach Manderl oder Weiberl stellt sich da nicht mehr: Da steht eine runde, auch kracherte Persönlichkeit auf der Bühne. Sie bekommt im dritten Akt auch verdientermaßen ein nachkomponiertes Couplet aus der Londoner Version der „Witwe“ von 1907 als Zugabe.

Prohaska, die Hauser, Dagmar Hellberg (Praskowia) und Hans Gröning (Zeta) sind echte Typen, von denen das neue Gärtnerplatztheater noch ein paar mehr im Ensemble hat. Sie können Dialoge sprechen und machen aus Chargen komische Menschen. Man kennt sie, mag sie und sehnt sich nach jeder neuen Szene mit ihnen. Solche Künstler und seltenen Bühnen-Urgesteine pusten mehr als jede angestrengte Bearbeitung den Staub von der Operette.

Köpplinger hat die „Witwe“ recht ungeschickt in der Mitte des zweiten Akts zersägt: Der Weibermarsch ist höchstens eine musikalische, aber keine dramaturgische Schlussnummer. Sonst geht er mit dem Material respektvoll um: Die guten alten Witze von Victor León und Leo Stein sind wohl erhalten und immer noch besser sind als aktuelle Scherze.

Viel Pscherer, wenig Köpplinger

Leider schauen die Show-Treppe im ersten Akt und das Maxim’s im dritten aus, als seien sie aus der Ära Kurt Pscherer übrig geblieben (Bühne: Rainer Sinell). Der Pariser Cabaret-Mythos mit Strapsen und hochgeworfenen Röcken mag ohnehin das sein, was an der „Lustigen Witwe“ am ehesten ranzig geworden ist. Da helfen auch ein paar tanzende Männer en travestie weder der Erotik noch dem Humor auf.

Musikalisch ist alles frisch wie das Wiener Hochquellenwasser: Das schlank besetzte Orchester tönt seidig-süß aus dem Graben. Es bleibt echter Zucker und kein Saccharin, weil der neue Chefdirigent Anthony Bramall mit Eleganz straff vorwärtsdrängt. Das waffelförmige Akustikpaneel sorgt dafür, dass das alles klar und deutlich in den Saal gelangt.

Am Ende der Weltkrieg

Köpplinger erreicht in dieser „Lustigen Witwe“ kaum die psychologische Tiefe seiner „Zirkusprinzessin“ und mancher Musical-Inszenierung. Gegen Ende pscherert es immer mehr. Dann schreit Njegus „Der Thronfolger ist ermordet“ mitten ins Happy End. Die Männer verschwinden im Pulverdampf des Ersten Weltkriegs. Und der Todesengel tanzt zu Grammophonmusik mit der Witwe.

Da hat der Regisseur in letzter Sekunde die Kurve zum Anfang gekratzt. Großer Applaus, und die Götterdämmerung ist vergessen. Nur die Frage bleibt, ob die „Witwe“ Ironie und Groteske nicht eher zieren würde als nachgeborene Besserwisserei.

Gärtnerplatztheater, 21., 22., 24. und 25. Oktober sowie im November. Karten unter Telefon 089 2185 1960

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