Fußball als Völkerverständigung Deutscher Trainer in Afrika: "Ich bin jetzt gelassener"

Hurra, alle sind da: Martin Grelics bei der Taktikbesprechung mit der Mannschaft des Erstligisten Toto Africa Mwanza SC. Foto: Martin Grelics

Fußball-Trainer aus Deutschland holen afrikanische Clubs gern – so auch den Münchner Martin Grelics.

Im Sommer 2015 kündigt Martin Grelics seinen Lehrerjob und den Trainerposten beim TSV Peiting und bricht auf nach Ostafrika, um den tansanischen Erstligisten Toto Africa Mwanza SC zu trainieren. Nach 13 Wochen endet das Abenteuer, über das er ein Buch geschrieben hat ("Toto Oye!").

AZ: Herr Grelics, wo steht denn Ihre alte Mannschaft aus Tansania gerade in der Tabelle?
MARTIN GRELICS: Wenn mich nicht alles täuscht: auf einem Abstiegsplatz. Auf dem 13.?

Fast: auf dem 14.
Ich gucke schon immer mal, wie es ihnen sportlich geht, habe immer noch die Fußball-App aus Tansania auf dem Handy. Letztens hab ich mir sogar ein ganzes Spiel angeschaut über einen Streamingsender. Es sind ja noch fünf, sechs Spieler in der Mannschaft, die damals bei mir gespielt haben, mit denen ich noch in Kontakt bin. Das ist eine schöne Sache, die geblieben ist.

"Ich habe mich online beworben. Acht Wochen später war ich da"

Die Anzeige für den Job haben Sie im Internet gesehen.
Stimmt. Die Hilfsorganisation FELS Project hat zum ersten Mal ein Projekt für Erwachsene gemacht, ein deutsches Trainerteam zu haben war ein Pilotprojekt. Dafür haben sie online einen Trainer mit A-Lizenz gesucht. Ich habe mich beworben, nach zwei Wochen war alles fix, nach knapp acht Wochen war ich dann in Tansania.

Was packt man für einen Job als Fußballtrainer in Afrika?
Einen Koffer voll gebrauchter Fußballschuhe für die Spieler, weil die meisten sich keine eigenen leisten können. Ansonsten braucht man nicht viel, es ist zum Glück ein warmes Land. Schwieriger war, die Wohnung schnell unterzuvermieten und das Auto zu verkaufen.

Wie war der erste Tag?
Ein bisschen verrückt. Ich hatte meinen Reisepass verloren und darum meinen Flug in München verpasst. Also kam ich einen Tag verspätet an. Der Vereinsvorstand holte mich vom Flughafen ab, wir fuhren direkt zum Trainingsplatz. Und da standen dann 40 Afrikaner. Aus denen haben wir 25 für den Spielerkader ausgesucht.

Der Weiße kommt, um mal Ordnung reinzubringen – hat sich das komisch angefühlt?
Darüber habe ich, ehrlich gesagt, wenig nachgedacht. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt, es war alles sehr entspannt. Wenn man nicht ankommt und sagt: "Hey, ich bin's, jetzt läuft alles so, wie ich mir das vorstelle", sondern sich auf die Lebensweise einlässt, auf die Kultur und die Fußballkultur, und dann seine Erfahrungen und Ideen einbringt, geht das schon. Dass ich aus dem Weltmeisterland komme, war natürlich ein Vorteil.

Was war Ihr schönster Moment?
Das erste Punktspiel Zuhause. Wir hatten eine durchwachsene Vorbereitung und fünf Minuten vor dem Anpfiff hieß es plötzlich, dass unser bester Stürmer nicht spielberechtigt ist. Er musste auf der Bank bleiben, ein anderer spielte. Irgendwann hieß es: Er darf doch. Ich habe ihn eingewechselt und in der 93. Minute macht er das 1:0. Die Freude bei allen lässt sich gar nicht beschreiben, überhaupt die Dankbarkeit der Spieler.

Die längste Fahrt zu einem Spiel hat 30 Stunden gedauert. Wie ist die Stimmung im Bus nach 20 Stunden?
Das weiß ich gar nicht, mein deutscher Co-Trainer Lukas und ich sind geflogen und dann noch drei Stunden mit dem Bus gefahren. Das ist aber typische tansanische Mentalität: Der Verein hat erst eine Nacht vorher den Bus gebucht, das war sündhaft teuer, auch teurer als ein Flug. Die Jungs sind das halt gewohnt. Einmal beim Spiel bei Costal Union hat der Heimverein irgendwelche Chemikalien in die Zuluft der Kabine gemischt. Wir haben das früh gemerkt und haben dann im Bus die Besprechung gemacht. Man wird da relativ gelassen.

"Der Vergleich mit 1860 München ist zu hart"

Wie lebt es sich von 300 Euro Monatsgehalt in Tansania?
Als Europäer schwierig, ich habe meinen Standard nicht völlig runtergeschraubt. Ich konnte die Miete davon bezahlen – für ein Zimmer in einer Unterkunft der Hilfsorganisation, das ich mit Lukas geteilt habe. Das dritte Monatsgehalt habe ich gar nicht mehr bekommen, im Grunde habe ich draufgezahlt für das Erlebnis. Das war mir aber vorher klar, es ging nicht ums Geld.

Im Verein selbst schon.
Ja, das ging sehr früh los. Wir waren in der vierten Woche schon im Trainerstreik, weil die Mannschaft weg war. Der Vorstand hatte sie zu irgendwelchen Freundschaftsspielen geschickt, um Geld zu generieren.

Wer hatte das Sagen bei Toto?
Hauptsächlich waren es zwei der Vorstandsmitglieder. Das waren herzensgute Menschen, die in ihrer Art alles probiert haben. Aber die hatten keine Ausbildung in dem Bereich. Einer war offiziell wohl Arzt.

Hat Sie das manchmal an einen Münchner Zweitligisten erinnert?
Oh, jetzt muss ich vorsichtig sein! Das ist natürlich nicht vergleichbar. Bei den Löwen läuft es ja nicht völlig unstrukturiert, da liegt es eher an Personalentscheidungen. Ich habe bei Sechzig im Jugendbereich gearbeitet, der ist sehr gut strukturiert. Im oberen Bereich gibt es eher Unruhe, aber der Vergleich ist zu hart.

Was war Ihr schlimmster Moment?
Einen kann ich kaum benennen, es gab viele frustrierende. Ich konnte oft nicht trainieren weil die Organisation so schlecht war – das hat mich am meisten enttäuscht. Ich wusste schon, dass die Bedingungen nicht die besten sind. Aber dass es so schlimm wird, hatte ich nicht erwartet.

Was haben Sie vom Land gesehen?
Einmal habe ich mir zwei Tage Auszeit genommen und war in der Serengeti, das war sehr cool. Aber selbst am Ende, als wir fast nicht mehr trainiert haben, war es sehr stressig, ich hatte durchgehend Meetings. Ich bin um 8 aus dem Haus und wenn es kein Training gab, gab es ein Meeting zum Thema "Warum gibt es kein Training?"

Der Weiße, der Ordnung reinbringt: "Dass ich aus dem Weltmeisterland komme, war natürlich ein Vorteil."
Der Weiße, der Ordnung reinbringt: "Dass ich aus dem Weltmeisterland komme, war natürlich ein Vorteil." Foto: Martin Grelics

Fühlt sich München nach der Erfahrung jetzt kleiner oder größer an als vorher?
Erst hat es sich kleiner angefühlt. Der Kulturschock war beim Zurückkommen größer als bei meiner Ankunft in Afrika. Allein, zum ersten Mal wieder in der S-Bahn zu sitzen. Alles war wieder so geplant und strukturiert. So ein Mittelding zwischen München und Tansania wäre schön!

Was machen Sie jetzt?
Ich arbeite in Teilzeit als Sportlehrer an einer Münchner Schule. Nach meiner Rückkehr habe ich relativ bald eine Fußballschule gegründet, die Alpenkick Fußballschule. Ich will aber wieder als Trainer einer Mannschaft im Leistungsbereich arbeiten, vielleicht in einem Nachwuchsleistungszentrum oder auch wieder im Ausland. Aber nur, wenn sich was Ordentliches ergibt. Chaos habe ich ja jetzt gehabt.

Was hat das Ganze also gebracht, abgesehen vom Buch?
Ich bin in manchen Situationen ein Stück gelassener. Und sportlich gesehen: Das nimmt mir keiner mehr, dass ich mal einen Erstligisten trainiert habe. Da arbeitet man unter Bedingungen, die man selbst im gut strukturierten Amateurfußball in Deutschland nicht hat – wenn die Spieler da sind. Und ich habe gelernt: Nicht immer entscheidet der Wohlstand in finanzieller Art, ob Menschen glücklich sind oder nicht. Dort waren die Menschen im Durchschnitt glücklicher und haben mehr gelacht.

Der aktuelle Toto-Trainer ist ein 23-jähriger Niedersachse. Was wünschen Sie dem?
Dass die Saison mit sportlichem Erfolg zu Ende geht.

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