Fotoprojekt "Help-Portrait" Fotografen porträtieren Frauen in Not

Evaline Adipo mit ihrem Sohn Leon, kurz vor dem Fotoshooting. Foto: Carmen Palma

„Help-Portraits“ zeigen sozial schwache Frauen. Die Fotos geben ihnen ihr Selbstbewusstsein wieder zurück.

München Der Blick ist fest in die Kamera gerichtet, die Hand fährt keck durch die rotgefärbten Haare, dazu ein verschmitztes Lächeln: Jeanne Geredo hält stolz ihr Porträtfoto in der Hand. Ein bisschen erstaunt wirkt sie immer noch, dass diese fröhliche Frau auf dem Foto wirklich sie selbst ist: „Ich habe sonst Angst zu lachen“, sagt die 41-jährige Ecuadorianerin, „aber sie hat es geschafft.“

„Sie“, das ist die Fotografin Carmen Palma. Die Aufnahmen sind Teil einer weltweiten Fotoaktion „Help Portrait“. Fotografen machen kostenlos Bilder von denjenigen, die sonst unsichtbar sind: alte, kranke oder sozial schwache Menschen. Oder in diesem Fall von Jeanne Geredo und siebzehn anderen Frauen, die im Frauenobdach Karla 51 nahe des Hauptbahnhofs einen Unterschlupf gefunden haben.

„Die Fotografie ist Nebensache, ich mag die zwischenmenschliche Beziehung“, sagt Carmen Palma. Ihr ist wichtig, dass die Frauen bei der Fotosession einen schönen Tag haben und aus ihrem schwierigen Alltag ausbrechen können: „Das Bild ist nur der Überträger.“

Visagistinnen und eine Profifotografin kümmern sich um die Frauen

Um das zu schaffen, werden keine Mühen gescheut: Am Tag des Shootings wurden die Frauen von zwei Visagistinnen geschminkt und frisiert. Dann durften sie sich vor der Kamera in Pose werfen. Jede so, wie sie sich am wohlsten fühlt.

Anfangs sei sie noch ein bisschen unsicher gewesen, erzählt Delia August (21): „Ich mache eigentlich nie Fotos von mir“. Für das Fotoshooting hat sie aber extra ihr Dirndl in die Reinigung gebracht. Der Aufwand hat sich gelohnt. Die Fotos sehen super aus – und ein bisschen ungewohnt: „Mein erster Gedanke, als ich die Bilder gesehen habe war: Wer ist das?“, sagt August und lacht.

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Auch die anderen Frauen sind begeistert. „Es war komplett gut“, sagt Evaline Adipo. Seit Mitte September wohnt die 23-Jährige mit ihrem fünf Monate alten Sohn Leon in der Karla 51. Nach einem Streit mit Leons Vater hatte sie ihre Wohnung verloren und im Obdach Schutz gefunden. Die letzten Monate waren nicht immer einfach, bei der Fotosession war das aber alles vergessen. „Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, als ich die Fotos gesehen habe“, erzählt Adipo.

Cynthia Koroma ging das ähnlich: „Ich dachte erst, das ist zu viel Makeup.“ Aber dann hat sie die Fotos gesehen und war begeistert. „Ich liebe sie!“, sagt die 32-Jährige, eine kleine Frau, die auf den ersten Blick nicht auffällt. Auf den Fotos sieht sie mit ihren großen goldenen Creolen, den schwarzen Augen und roten Lippen hingegen aus wie eine Prinzessin.

Bei vielen Frauen spielt Scham eine große Rolle

Ihr Lieblingsfoto zeigt sie mit einer roten, mit kleinen Strasssteinchen besetzen Uhr. Für Koroma hat sie eine besondere Bedeutung: Ihre Tochter hat sie ihr geschenkt. Das Foto soll deshalb auch ihre Tochter bekommen.

Die Frauen bekommen durch die Aktion jedoch nicht nur ein Foto. Sie bekommen Wertschätzung und neues Selbstwertgefühl. „Bei den Frauen, die zu uns kommen, spielt Scham eine große Rolle“, sagt Isabel Schmidhuber, die Leiterin des Frauenobdachs.

Es sind Frauen, die unter verschiedensten Umständen ihr Zuhause verloren haben, teilweise auf der Straße gelebt haben und schließlich in einem der 40 Zimmer in der Karla 51 gestrandet sind. Sie schämten sich, in eine solche Situation gekommen zu sein, sagt Schmidhuber: „und damit geht oft ein Gefühl der Wertlosigkeit einher.“

Aus Schüchternheit wird schnell Freude

Für viele Frauen war es deshalb anfangs nicht leicht, sich fotografieren zu lassen. Aber aus Scheu wurde schnell Freude und die Erkenntnis, schön zu sein. Jede auf ihre eigene Art.

Für die Fotografin Palma ist die Aktion eine tolle Erfahrung. „Ich fotografiere die Geschichte der Menschen und das hier ist auch eine Geschichte.“ Genau diese Geschichten will sie in Zukunft öfter erzählen. Derzeit ist „Help-Portrait“ auf einen Tag im Jahr beschränkt. An einem weltweit einheitlichen Termin schießen beteiligte Fotografen in mehr als 67 Ländern die Fotos.

Help-Portraits gibt es bald öfter

Das ist zu selten, finden Palma und die fünf anderen Münchner Teams aus Fotografen und Visagisten, die sich bei „Help-Portrait“ engagieren.

Künftig wollen sie sich dort ausklinken und als „Münchens Fotohelden“ öfter ähnliche Projekte angehen. Intressenten gibt es viele, etwa die Aidshilfe oder das schwule Kulturzentrum Sub.

Palma wird also im nächsten Jahr noch mehr Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, mit Porträts, die helfen.

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