Forderung des Lehrerverbands Gibt's in Bayern bald keine Noten mehr?

Simone Fleischmann vom BLLV will nicht durch schlechte Noten demotivieren – und fordert "Lernentwicklungsgespräche". Foto: dpa

Das fordert Bayerns Lehrerverband. Die Pädagogen sollten mit Kindern stattdessen Gespräche führen. Die Kritik am Vorschlag.

München - Die einen würden das Zwischenzeugnis am liebsten zerreißen und in den Papierkorb schmeißen, die anderen hingegen damit stolz zu Oma und Opa fahren und sich ein bisserl das Taschengeld aufbessern.

Fakt ist – ob's passt oder nicht: Rund eine Million Schülerinnen und Schüler in Bayern erhalten heute einen Zwischenstand über die bisherigen Noten im Schuljahr.

Nun aber prescht der Bayerische Lehrerverband (BLLV) vor und fordert, man solle die Vergabe von Schulnoten überdenken. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann setzt sich stattdessen für eine "differenziertere und individuellere Leistungsbewertung" ein. Fleischmanns Appell: die starre Fixierung auf Noten überwinden.

"Wir müssen uns die Frage stellen, ob es in Ordnung ist, einem Grundschulkind, das in einem Diktat über 20 Fehler gemacht hat und nun nach viel Übung nur noch zehn Fehler macht, trotzdem eine schlechte Note zu geben. Motivierend ist das nicht", sagt Fleischmann.

Noten abschaffen? Lesen Sie hier ein Pro und Contra zum Thema

Sie hält Lernentwicklungsgespräche für eine moderne Option, den Schülern eine Rückmeldung zu geben. "In diesen Gesprächen kann der Lehrer dem Kind Kritisches viel besser vermitteln als mit einem Zeugnis ", sagt die BLLV-Präsidentin.

"Noten dienen als Gesprächsgrundlage", sagt Minister Spaenle

Etwas anders sieht es Bayerns Bildungsminister Ludwig Spaenle (CSU). "Schulnoten sind eine sinnvolle Möglichkeit, den Lernfortschritt zu beschreiben und so auch eine Grundlage für Gespräche mit Eltern und Schülern mit den Lehrkräften legen", teilt Spaenle auf AZ-Anfrage mit.

"Bereits heute gibt es Möglichkeiten, eine differenzierte Rückmeldung zur Leistung von Schülern zu geben", meint der Minister. Spaenle verweist auf Informationen zum Notenbild sowie Lernentwicklungsgespräche, die je nach Schulart das Zwischenzeugnis ersetzen können.

An den Gymnasien und Realschulen in den Jahrgangsstufen 5 bis 8 kann es zwei schriftliche Hinweise über das Notenbild geben. Voraussetzung: Die Lehrerkonferenz und der Elternbeirat einigen sich vor Beginn des Schuljahres darauf.

Ähnliches gilt für das dokumentierte Lernentwicklungsgespräch an den Grundschulen in den Klassen 1 bis 3. Zwei Drittel der Grundschulen im Freistaat hatten sich 2015/16 laut Spaenle für diese Variante entschieden. BLLV-Präsidentin Fleischmann plädiert dafür, diese Lernentwicklungsgespräche auch auf andere Jahrgänge oder auch Schularten auszudehnen.

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"Dürfen die Kinder nicht nur in Watte packen", sagt Experte Josef Kraus

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), hält nichts von Fleischmanns Vorstoß. "Hier wird so getan, als könnten Zeugnisnoten Überraschungen sein", sagt Kraus der AZ. Wenn Eltern an der schulischen Entwicklung ihrer Kinder Anteil nähmen, dann könne keine Note eine Überraschung sein.

"Zudem haben wir längst einen Mix aus verbaler, differenzierter Rückmeldung und Note. Auf jeder Prüfungsarbeit stehen Anmerkungen", sagt Kraus der AZ. "Und auf jede mündliche Leistung gibt es einen verbalen Kommentar der Lehrkraft. Das bringt mehr als irgendein schöner Lernentwicklungsbericht."

Der Bildungskritiker fordert, "die Kinder nicht nur in Watte" zu packen. Eine schwache Note sei keine Katastrophe, aber eine eindeutige Rückmeldung, dass ein Schüler sein Lernen überdenken müsse, meint Kraus, der lange ein Gymnasium geleitet hatte.

Schüler haben laut Kraus zudem viel weniger Probleme mit Noten als so manche überehrgeizige Eltern. Der DL-Präsident sieht auch ein organisatorisches Problem: "Wie soll ein Lehrer, der in einer weiterführenden Schule drei Deutschklassen plus fünf Geschichtsklassen und soweit über 200 Schüler unterrichtet, über 200 Lernentwicklungsgespräche führen?"


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