Deutschlands letzte Diva Filmstar und Entertainerin: Margot Hielscher (†97) ist tot

Margot Hielscher verstarb am 20. August 2017 in München Foto: privat

Filmstar, Entertainerin, Chansonnière und Grande Dame mit Humor: Margot Hielscher stirbt mit 97 Jahren in ihrem Bungalow im Herzogpark.

Sie ist 25 Jahre, der Krieg im blutigsten Endkampf, als sie doch noch "eingezogen“ wird, um an der Heimatfront aufzutreten. In Pilsen wird Margot Hielscher in ein Lazarett gerufen: "Ein junger Soldat hatte sich das gewünscht“, erinnerte sie sich vor einigen Jahren gegenüber der AZ: "Er war schwerst verletzt und wollte, dass ich ihm ,Frauen sind keine Engel' vorsinge. Ich habe das gemacht, mich so angestrengt, dass meine Stimme nicht bricht. Aber er ist vor mir gestorben. Seitdem ist meine Erkennungsmelodie mit dem Bild des sterbenden Jungen verbunden, und es hat Jahre gebraucht, bis ich es wieder frei singen konnte.“ Komponiert hatte den Song Theo Mackeben für den gleichnamigen Film von Willi Forst. "Es war ein Skandal-Erfolg, nicht zuletzt, weil ich unter dem türkisfarbenen durchsichtigen Tüllkleid nur einen äußerst schmalen Büstenhalter trug“.

Damals war die Filmkarriere des "Mädchens aus Berlin“, wie sie sich selber oft nannte, bereits fünf Jahre alt. Denn in der Ufa-Kantine in Berlin-Tempelhof hatte der Autor und Regieassistent von Carl Fröhlich, die hübsche Kostümbildnerin Hielscher zu Probeaufnahmen zu "Das Herz der Königin“ aufgefordert. Und schon spielte sie eine Hofdame an der Seite von Zarah Leander. 1942 fragte Helmut Käutner sie, ob sie Kostüme für Marianne Hoppe machen würde, aber sie bekam dazu auch gleich die zweite Hauptrolle in "Auf Wiedersehen Franziska“. Es war der Abschied von Berlin. Das Münchner Kapitel begann. Denn Goebbels wollte die Hielscher wegen ihrer Ähnlichkeit mit ihrem Idol Katharine Hepburn und mit ihren dunklen Haaren nicht gerne vor der Kamera haben: "Ich war ihm nicht arisch genug“, erzählte Margot Hielscher noch auf ihrem 90. Geburtstag, den sie vor sieben Jahren im lässigen Café gleich hinter der Glyptothek im Freundeskreis gefeiert hat. Und sie erzählte, wie Anfang der 40er nachts oft ein gewisser "Herr Müller“ angerufen hatte. Trotz verstellter Stimme erkannte ihr Vater diesen rheinischen, metallischen Tonfall. Es war Propagandaminister Goebbels. "Marianne Hoppe hat mich endgültig vor diesem Scheusal gerettet. Als Goebbels, alias Müller, wieder bei Dreharbeiten zu "Auf Wiedersehen Franziska“ am Set anrief, sagte Marianne Hoppe zu mir: ,Margot, lass mich rangehen!' Und Goebbels hat nie wieder angerufen!“ Was die Hoppe zum Prpagandaminister gesagt hat, hat Margot Hielscher nie erfahren.

1941, nach "Das Herz der Königin“ hatte es in Berlin Halensee bei den Hielschers an der Tür geklingelt. Heinz Rühmann stand mit roten Rosen da: "Hätten Sie etwas dagegen“, fragt er den verdutzten Vater, "wenn ich Ihnen Ihre Tochter wegnehme?“ Aber ihr Vater habe gesagt: "Wolln'se nicht wenigstens mal die Margot selber fragen?“ Sie wollte nicht. Aber Heinz Rühmann blieb ein Freund der Familie und traf sich mit Margots Vater oft samstags zum Modelleisenbahnspielen.

"Nicht alle wollten mir an die Wäsche"

Dass Margot Hielscher bereits im Herbst 1945 wieder bei Floor Shows in US-amerikanischen Casinos sang, verdankte sie ihrer weißen Weste, denn sie war nie NS-Parteimitglied gewesen. Selbst den "Bund Deutscher Mädel“ hatte der Vater, einst kaiserlicher Offizier und später Assistent und Freund eines der jüdischen Bankiers des Bankhauses Mendelssohn, verhindert. Fast wäre die Hielscher mit einem US-GI und Bandleader in die Staaten gegangen. Gene Hammers hatte "Margot's Revue“ arrangiert, die vom Heidelberger Stardust Club aus durch die Trizone tourte. Aber er wurde nach Texas zurückberufen. Sie schrieb ihre Erlebnisse als Drehbuch auf und der Filmkontroll-Offizier, Erich Pommer, genehmigte die Verfilmung "Hallo Fräulein“ und wie im richtigen Leben bleibt die Hauptfigur dem Deutschen treu. Nach elfjährigem Verlöbnis heiratet Margot Hielscher 1959 und die Abendzeitung titelt ironisch: "Margot Hielscher darf nun endlich ,Frau Meyer' heißen", denn ihr Mann wurde der Komponist Friedrich Meyer.

Dazu passte es, dass sie in den für uns Deutsche so heiklen 50er Jahren die Bundesrepublik mehrmals beim Grand Prix de Eurovision vertrat: In "Telefon, Telefon“ wird die Telekommunikationsmöglichkeiten für nächtliche Fernbeziehungen gepriesen und in "Für zwei Groschen Musik“ die Jukebox besungen. Margot Hielscher gelang auch mühelos der Sprung von der Leinwand ins Fernsehzeitalter: Am 12. Januar 1955 beginnt ihre Fernsehshow "Zu Gast bei Margot Hielscher“ und Romy Schneider, Max Schmeling und Gert Fröbe sind da, um den Stargast Maurice Chevalier zu feiern. Nach dem gemeinsamen Dreh von "Schlagerparade“ wird sie von der französischen Presse zu seiner Geliebten erklärt.

"Nicht alle wollten mir an die Wäsche, wie Hans Albers 1952 beim Dreh von ,Johnny rettet Labrador', als er auf dem Rücksitz seiner Horch-Limousine wollte, dass ich ,seinem Hänschen Guten Tag sage', wie er sich schlüpfrig ausdrückte“, hat Margot Hielscher gerne lachend erzählt. Und dann gab es das Gerücht, sie hätte "Frau Karajan“ werden können. Kennen gelernt hatten sie sich in Berlin bei einer Silvesterparty. Karajan kam gleich mit zwei Frauen, was für eine angespannte Stimmung sorgte. Gastgeber Helmut Käutner sagte: "Komm Margot, bitte sing doch was. Das lockert die Stimmung.“ Später soll Karajan dann gesagt haben: "Ich lerne jetzt fliegen. Das ist Gott sei Dank der letzte Sport, der Männern vorbehalten bleibt!“ Das war eine Provokation für die emanzipierte Hielscher und auch sie meldete sich im schweizerischen Ascona zu Flugstunden an. "Ich habe den Flugschein dann mit einem Schultag weniger als Herbert absolviert. Was ihn natürlich maßlos ärgerte“, freute sich die Hielscher: "Aber Herbert und ich blieben trotzdem gute Freunde. Und als Ehefrau nach Konzerten nassgeschwitzte Hemden zu wechseln, das sah ich einfach nicht als meine Lebensaufgabe.“

Als die Soft-Erotikwelle das Kino erreicht, dreht die Hielscher 1972 in Österreich Franz Antels "Frau Wirtins tolle Töchterlein“, spielt eine hochgeschlossene Oberin, die allerdings - laut Wiener Presse - "als Obernonne erotischer war als all die nackten Mägdelein um sie herum.“

In ihren charmanten Bann gerieten noch viele. Gary Cooper war zu Besuch in der Schwabinger Dachwohnung an der Königinstrasse 44, den sie bei einem Auftritt auf der Waldbühne Berlin 1951 anlässlich der Filmfestspiele kennen gelernt hatte. Oder Gene Kelly, der ein Freund wurde.

In den letzten Jahren hatte Margot Hielscher das Marlene-Dietrich-Syndrom

Nach dem Umzug in einen eigens für sie gebauten Edel-Bungalow im Herzogpark erlebten weitere Legenden Margot Hielscher als Gastgeberin: Erich Kästner, Gregor von Rezzori gingen ein und aus. Dem Duke Ellington hat sie "Satin Doll“ am Flügel in ihrem Wohnzimmer vorgesungen und sie führte Benny Goodman heimlich nach seinem Konzert in München ins Spatenhaus aus. Eine der längsten Freundschaften verband die Hielscher mit Leonard Bernstein. Der spielte spontan nach seinem klassischen Konzertauftritt bei einem Empfang in den Bavaria Studios 1948 Gershwins "Embraceable You“ und Margot stimmte ein. Und bernstein knurrte ironisch: "Ich habe nicht gedacht, dass ein so schönes ,Nazi-Girl' diesen Song kennen würde.“

Margot Hielscher fühle sich in ihren Rollen "zur Dame verdammt“, dabei konnte sie bei allen Manieren auch drastisch witzig sein. "Den größten Lacher hatte ich bei ,Stars in der Manege'“, hat sie einmal beim Abendessen in ihrem "zweiten Wohnzimmer“, dem Freisinger Hof, erzählt: "Ich hatte eine schwierige Araberdressur wochenlang einstudiert. Christel Sembach-Krone sagte: ,Wunderbar Margot, die Pferde lieben dich. Aber du stehst zu unelegant breitbeinig da!'“ Dann kam das Ende der Gala, der Vorhang fiel, Applaus! "Ich sollte also noch einmal zurück in die Manege. Da fiel es mir ein, was ich vor Aufregung doch wieder vergessen hatte: die Hacken zusammen! Das tat ich dann auch beim Verbeugen. Nur verhakten sich prompt die Sporen, und ich fiel kerzengerade in den Sand: eine Staubwolke um mich - und das Publikum tobte.“

In den letzten Jahren hatte Margot Hielscher das Marlene-Dietrich-Syndrom, zog sich stolz auf ihr Leben von der Öffentlichkeit zurück und erzählte auch dazu eine Anekdote: "Sie waren mein Sexidol", hatte ein älterer Spaziergänger im Vorbeigehen im Herzogpark zur schlanken Dame im Trenchcoat mit langem kastanienroten Haar gesagt und sie, die Hielscher, hatte mit leicht hochgezogenen Augenbrauen erwidert: "Was habe ich getan, dass ich es nicht mehr bin?“ Sie wusste es natürlich und zitierte den Satz des Schriftstellers Peter Bamm: ",Im Grunde haben die Menschen nur zwei Wünsche: Alt zu werden und jung zu bleiben.' Alt bin ich geworden, am Jungbleiben arbeite ich noch.“

Am Sonntag ist Margot Hielscher in ihrem Bungalow am Herzogpark friedlich im Beisein von Freunden und einer Pflegerin eingeschlafen – bestimmt nicht als Engel, aber als eine wunderbare gebildete, moderne Frau, mit lässig-frecher Eleganz, großem Humor, preußischer Schlagfertigkeit und erotischer, samt-tiefer Stimme.

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