Wilde Schlammschlacht beim "Haltestelle Woodstock"-Festival - und Bundespräsident Gauck ist mittendrin. Sehen Sie hier die verrückten Bilder.

Kostrzyn/Küstrin – „Ich glaube es nicht“, ruft Joachim Gauck. Der Bundespräsident blickt herab auf zehntausende jubelnde Menschen. Die jungen Leute warten eigentlich auf die Musiker, aber zuerst dürfen Gauck und sein polnischer Amtskollege Bronislaw Komorowski auf die Bühne. Dort stehen sie dann in der Hitze mit Anzügen, weißen Hemden und ohne Schlips, vor ihnen eine wogende Masse leicht bekleideter Menschen, die Transparente und Fahnen schwenken. Es ist wieder soweit: In der polnischen Grenzstadt Kostrzyn steigt das dreitägige Festival „Haltestelle Woodstock“ – zur 18. Ausgabe in diesem Jahr mit zwei Staatsoberhäuptern.

Es ist ein idealer Ort für das Lebensthema des Bundespräsidenten: die Freiheit. Bei „Przystanek Woodstock“ – so der polnische Name - geht es um den Geist des legendären Musikfestes „Woodstock“, das 1969 in den USA die Menschen bewegte, inklusive Freiheit, Liebe und Frieden. Gauck und Komorowski treffen sich vor Beginn des Festivals nahe der deutschen Grenze auf einem ehemaligen Militärgelände mit hunderten Besuchern zu einer Podiumsdiskussion. Die Musikfans sitzen und liegen auf dem einfachen Holzfußboden. Männer erscheinen mit nackten Oberkörpern, Frauen tragen Bikinioberteile – ein eher ungewohntes Ambiente für die beiden Politiker. Doch sie zeigen keinerlei Berührungsängste. Zwei Festivalbesucher dürfen sich zwischen Gauck und Komorowski auf ein Sofa setzen, nach mehr als einer Stunde bahnen sich die Politiker einen Weg durch eine Gasse, die die Musikfans gebildet haben. Es ist ein Bad in der Menge.

Ein Schlammbad lassen sich die Staatsoberhäupter, anders als viele andere Besucher, allerdings entgehen. Am Vormittag hatte sich Gauck im deutschen Grenzort Küstrin-Kietz mit Komorowski getroffen, sich schon dort bürgernah gezeigt. Es dauert nicht lang, da führt Gauck eines seiner Lieblingswörter im Mund. Er sagt, er bewundere das polnische Volk für seine „Liebe zur Freiheit“, ohnehin lebten die Nachbarn in einem „Heimatland der Freiheit“. Mit Blick auf die großangelegte Spendenaktion, mit der in Polen jedes Jahr Geld für Kinderkrankenhäuser gesammelt wird und für die mit dem kostenlosen Festival gedankt wird, sagt Gauck, dass mit Freiheit auch immer Verantwortung verbunden sein sollte.

Ebenso wie Komorowski würdigt er zudem die deutsch-polnische Freundschaft und den Mut der Menschen in beiden Ländern, die in den 1980er Jahren für politische Veränderungen eintraten. Die Politiker stellen sich den Fragen des jungen Publikums. Das Spektrum ist groß: Eine Frau kritisiert Komorowskis Liebe zur Jagd, ein Mann lobt die Einrichtung der „Gauck-Behörde“. Dass die Stasi-Unterlagen-Behörde eingerichtet wurde, begründet Gauck mit der Vergangenheit Deutschlands – anders als nach dem Zweiten Weltkrieg hätten viele Menschen nach 1989 keinen Schlussstrich ziehen wollen.

„Haltestelle Woodstock“ hat gerade erst begonnen – Schluss ist Samstagnacht. „Ich hatte keine Ahnung, was das eigentlich ist“, bekennt Gauck auf einer Pressekonferenz. Das Spektakel gilt als das größte nichtkommerzielle Open-Air-Festival Europas. „Ich bin total begeistert“, sagt Gauck.