Die Bayern-Fans haben ihm verziehen – und Arjen Robben dem Anhang. Der Holländer, vergangene Saison nach seinen Fehlschüssen der Sündenbock, sagt: „Man muss auch vergeben”

MÜNCHEN Es war eine Saison zum Vergessen. Am besten die geistige Löschtaste drücken, mit großer Vehemenz. Deshalb wollte der Holländer Arjen Robben nur noch an die Zukunft denken, nach vorne schauen, wie die Fußballer sagen, wenn hinter ihnen Schlimmes passiert ist. Robben traf seine Mannschaft – und begegnete der Vergangenheit.

Letzte Woche kam die holländische Nationalmannschaft zum zweifelhaften Après-EM-Vergnügen zusammen und für den Rechtsaußen des FC Bayern begann eine neue, alte Zeit. Louis van Gaal, bis März 2011 sein Trainer an der Säbener Straße, soll nun die Elftal zur WM 2014 nach Brasilien führen.

Er soll Scherben zusammenkehren. Drei Vorrundenspiele, drei Pleiten – so die traurige Bilanz von Oranje bei der EM. Drei Titel, drei Mal Vize – klingt ähnlich und war auch ähnlich grausam, was Robben mit dem FC Bayern vergangene Saison erlebte. Mit dem negativen Höhepunkt Champions-League-Finale, als der Linksfuß in der Verlängerung an Chelseas Torhüter Cech vom Elfmeterpunkt scheiterte. Er hätte den Seinen, dem ganzen Verein, per Elfer die Seelenpein der späteren Elfmetertragödie ersparen können. Der Zorn des Fanvolkes richtete sich fortan gegen ihn, die Anti-Robben-Stimmung kulminierte im extra seinetwegen vereinbarten Kompensationskick Bayern gegen Holland drei Tage später an Ort und Stelle. Robben wurde dort ausgebuht und ausgepfiffen. Eine erkaltete Liebe – und das kurz nachdem der 28-Jährige seinen Vertrag bei den Bayern bis 2015 verlängert hatte. Was tun?

Aussitzen. Die Sommerpause arbeiten lassen, die Zeit jene Elferwunden heilen lassen. „Es war nicht schön und richtig enttäuschend für mich. Ich gehe davon aus, dass es nicht mehr vorkommt”, sagte Robben Ende Juli und erklärte: „Als richtiger Fan pfeifst du einen eigenen Spieler nicht aus.” Kleine Lektion für die eigenen Anhänger, aber keinesfalls beleidigt oder beleidigend vorgetragen. Es half.

Letzten Sonntag kehrte Robben erstmals wieder in die Allianz Arena zurück, die Bayern besiegten Double-Sieger Borussia Dortmund im Supercup-Duell mit 2:1. Für Robben ein doppelter Feiertag. Er schloss Frieden mit dem Stadion, dem Hort der Trauer des 19. Mai und der ganz persönlichen Ablehnung an jenem 22. Mai.

Denn es geschah Verwunderliches. Nicht die Tatsache, dass Robben gute Frühform und Spritzigkeit zeigte – sein Solo führte zum 2:0 –, nein: die Liebe der Fans kehrte zurück. Die Bayern-Anhänger, wenn auch nicht sämtliche Dauerkarteninhaber und damit Hardcore-Fans zu diesem Sommerkick in der Arena gekommen waren, feierten ihn mit Szenenapplaus und Sprechchören. Robben strahlte und winkte in weite Runde. Wie in einer Sommerromanze. Die Renaissance einer erkalteten Liebe. Dieser Neuanfang wäre geglückt.

Auch beim Miteinander mit Franck Ribéry, der seinem Mitspieler im März während eines Kabinenzoffs ein blaues Auge verpasst hatte, stehen die Zeichen auf Besserung. „Ich werde alles dafür tun, dass wir gut zusammenarbeiten. Er hat sich gleich entschuldigt”, sagte Robben, „anfangs war das ganz schwer zu akzeptieren. Jetzt ist es gut. Doch man muss im Leben manchmal auch vergeben.” Wie die Fans ihm.

Gute Leistungen, Vorlagen und Tore – das ist Robbens Part der Gegenleistung für die Linderung der Pein 2012. Und das Löschen eines Fluches, er sagt: „Ich bin immer bereit, Elfmeter zu schießen.”

Der Mann liebt das Risiko.

Die wichtigsten News über den Rekordmeister täglich auch per Mail: Abonnieren Sie den FC-Bayern-Newsletter der AZ