Überfordert: Der WM-Torschützenkönig und auch sein Nationalmannschaftskollege Toni Kroos hängen durch bei Bayern. Und dann vergisst Kroos auch noch seine Schienbeinschoner!

MÖNCHENGLADBACH Thomas Müller braucht nicht lange, um auf Touren zu kommen. Erst in der 70. Minute ließ ihn sein Trainer von der Kette und endlich rein ins Spiel. Müller war sofort drin im Geschehen, der Adrenalinpegel schon am Anschlag. Knapp über dem Grenzwert war er sicherlich in der 91. Minute. Per Kopf hatte er dem Kollegen Kroos den Siegtreffer auf den Fuß befördert, doch der vergab die Chance zum 4:3 recht kläglich, was Müller wiederum zum Schreien fürchterlich fand. Mit vom Entsetzen verzerrter Fratze plärrte er seinen Mannschaftskollegen an, doch der trottete nur achselzuckend von dannen. Was für ein ungleiches Paar.

Während Kroos auf dem Platz mal wieder verlässlich zwischen Genie und Phlegma hin und her schwankte, drückte Wunderkind Müller die Bank. Schon wieder. Auch beim Champions-League-Ausflug nach Cluj hatte Trainer Louis van Gaal ihm eine künstlerische Pause verschafft: „Das ist eine normale Geschichte, dass er auch mal eine Pause erhält“, sagte der Coach, „er wirkte zuletzt ein wenig müde.“ Dass Müller gegen Gladbach schon wieder ausruhen sollte, überraschte dann doch. Gut in Erinnerung noch die Worte van Gaals in der vergangenen Saison: „Müller spielt bei mir immer.“ Inzwischen muss sich der WM-Torschützenkönig daran gewöhnen, dass dieses gesetzt nicht mehr gilt.

Dass der 21-Jährige Immer-Spieler nach seiner sensationellen Saison 2009/2010 auch mal Pausen für Körper und Geist braucht, ist klar - aber zwei Pausen hintereinander? So überfordert hatte Müller trotz zahlreicher Fehlpässe in den letzten Partien nun auch wieder nicht gewirkt.

Sein Kollege Toni Kroos dagegen schon. Perfekt am Ball, ein Kunstschütze, keine Frage. Aber: Mit den Gedanken scheint er zuweilen woanders zu sein. So auch im Gladbach-Spiel. Da schickte ihn Schiedsrichter Knut Kircher für zwei Minuten vom Feld (18.). Weil Kroos seine Schienbeinschützer vergessen hatte. Ein Betreuer musste die vorgeschriebenen Schützer für den schusseligen Feingeist aus der Kabine holen. Als Christian Nerlinger Coach van Gaal erklärte, was da an der Seitenlinie vor sich geht, schüttelte der Disziplinfanatiker fassungslos den Kopf.

Nach der Partie war Kroos auch der einzige, der im Lamento des Trainers namentlich Erwähnung fand: „Kroos muss diese Chance von Müller auch machen.“ Van Gaal tut das selten: Fehler an einem Spielernamen festmachen.

Für Kroos könnte die Luft demnächst dünner werden. Wenn Franck Ribéry wieder mit von der Partie ist, ist der Platz am linken Flügel vergeben. Dass Kroos dann als Zehner oder am rechten Flügel zum Einsatz kommt, ist kein Automatismus. Rechts oder zentral kann auch Thomas Müller spielen. Oder van Gaal gefällt es, Bastian Schweinsteiger weiterhin als Gomez-Versorger offensiv spielen zu lassen, jetzt wo Anatoli Timoschtschuk einen famosen Sechser gibt. Dann könnte Kroos ohne Schienbeinschützer zur Arbeit erscheinen - als Bankdrücker.

Thomas Becker

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