Olaf Thon hatte Bayerns Mittelfeldchef attackiert: Er sei zu langsam und nicht aggressiv genug. In der AZ verteidigt ihn sein Ex-Kollege Oliver Kahn. „So kritisch würde ich das nicht sehen"

MÜNCHEN Neun Bundesligaspiele noch, dann erreicht Bastian Schweinsteiger die 300er-Marke. Weitere drei Länderspiele und der 28-Jährige rückt in den Klub der Hunderter. Mit Bayern steht der Mittelfeldspieler kurz vor seiner sechsten Meisterschaft.

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Dennoch hat nach Günter Netzer („Das Spiel von Schweinsteiger ist seit einiger Zeit leider überwiegend aus der eigenen Hälfte angelegt, mit vielen und teilweise unnötigen Querpässen. Ich sehe seinen Platz trotz dessen großer Verdienste um die Nationalelf gefährdet“) nun auch Ex-Bayer Olaf Thon seine Spielweise kritisiert. In „Sky90“ sagte Thon: „Schweinsteiger ist ein Spieler, der immer weiter zurückgehen wird, weil er die Schnelligkeit einfach nicht mehr hat. Auf der Position braucht man Schnelligkeit, Aggressivität.“ Sein Vorwurf: Zu langsam! Zu alt! Mit 28 Jahren? Thon: „Schweini zeigt sich jetzt als Spezialist bei Standardsituationen, er ist sehr stark im Kopfballduell und versucht andere Tugenden zu zeigen und Führungsqualitäten an den Tag zu legen, so dass er sich vielleicht noch zu dieser WM retten kann.“ Nach Brasilien 2014. „Aber dann wird es ähnlich geschehen wie bei Ballack, dass dann andere nachrücken – vielleicht geschieht es schon früher. Schweini spielt hauptsächlich in die Breite und kann keinen Mann mehr überspielen. Das kann Gündogan jetzt ein bisschen besser.“

Harte Vorwürfe. Der AZ-Fakten-Check: Beim 4:0 gegen Schalke brillierte er bei seinem Freistoß zum 2:0, einer von zwei Torschüssen. In den 73 Minuten bis zu seiner Auswechslung hatte er 88 Ballkontakte, gewann 30 Prozent seiner zehn Zweikämpfe. Beeindruckend seine Passquote: Nur einer (!) von 81 misslang. Weil er – so Thons Vorwurf – nur in die Breite spielt?

„So kritisch würde ich das nicht sehen“, sagte Ex-Bayern-Kapitän Oliver Kahn der AZ. Bis zu seinem Karriere-Ende 2008 hatte der Torhüter mit Schweinsteiger zusammengespielt, in der Kabine saßen sie nebeneinander. Nun nimmt Kahn den Gescholtenen in Schutz: „Es ist völlig normal, dass du irgendwann ökonomischer Fußball spielst - was auch sinnvoll ist. In der Bundesliga muss sich Schweinsteiger derzeit nicht permanent völlig verausgaben, weil der FC Bayern als Mannschaft enorm stark und erfolgreich agiert. In den entscheidenden, wichtigen Spielen musst du hundert Prozent da zu sein.“

Dosiert Schweinsteiger etwa aktuell ein wenig, um seine Bestform in den entscheidenden K.o.-Spielen in der Champions League und im Pokal zeigen zu können? Kahn: „Es ist normal, dass ein Spieler bei der hohen ständigen Belastung sich sagt: ich spare mir Kräfte für die Spiele wenn es um alles geht. Dann allerdings musst du zulegen können.“ Ganz so wie der Keeper es stets vorgelebt hat.

Und was ist mit der Kritik an der zu risikofreudigen Spielweise Schweinsteigers, die Netzer und Thon anführten? Kahn: „Vor allem unter van Gaal - hat er begonnen sein Spiel mehr in die Breite und weniger vertikal also direkt zum Tor auszurichten. Manchmal würde man sich mehr Zug zum Tor wünschen.“ Schweinsteiger ein Auslaufmodell? Mitnichten, glaubt Kahn. Er sagte zur AZ: „Es ist ja keine neue Erkenntnis: Die Spieler werden immer jünger, das Spiel immer schneller. Wenn du auf die 30 zugehst, gehörst du in Anführungszeichen schon zu den älteren Spielern. Schnelligkeit in Kombination mit hoher technischer Qualität - das ist alles sehr wichtig. Eine gewisse Erfahrung halte ich immer noch für unentbehrlich. Daher ist die Schnittmenge zwischen all den Eigenschaften, die der Bastian hat, weiterhin sehr wichtig für eine Mannschaft.“

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