Hier spricht Svetislav Pesic über seinen neuen Job bei den Basketballern des FC Bayern, undisziplinierte Spieler – und die Meisterschaft

Der 63-jährige Svetislav Pesic gewann mit Jugoslawien EM und WM, wurde mit Berlin von 1997 bis 2000 Meister.

AZ: Herr Pesic, Ihr Vor-Vorgänger Dirk Bauermann ist beim FC Bayern auch deswegen gescheitert, weil er mit der Mannschaft nicht streng genug war. Wie führen Sie Ihre Mannschaft?

SVETISLAV PESIC: Ich bin nicht hierhergekommen, um für gute Stimmung zu sorgen. Ich bin verantwortlich für die Entwicklung dieses Teams. Jeder Einzelne muss verstehen: Von ihm ist die Atmosphäre und die Disziplin in der Mannschaft abhängig. Niemand kann alleine erfolgreich sein – aber ein Einzelner kann eine Mannschaft zerstören.

Was erwarten Sie von den Spielern konkret?

Die Basis für Spitzenresultate ist Ordnung. Ordnung während des Spiels, Ordnung während des Trainings und Ordnung im Privatleben. Wir sind nicht hier in München, um schön zu leben und zu gewinnen. Weil diese zwei Dinge sich im Spitzensport ausschließen. Wir sind hier, um Verantwortung zu übernehmen und hart zu arbeiten – dazu gehört auch Disziplin im Privatleben. Nach der Saison, im Urlaub, kann man sich mit der Familie und mit Freunden erlauben, was während der Saison nicht möglich ist.

Ihre Spieler gelten nicht als die einfachsten Charaktere. Wie groß ist für Sie die Herausforderung FC Bayern?

Ich bezweifle überhaupt nicht, dass ich die Mannschaft in Ordnung kriege. Meine Herausforderung ist, unser Spiel in den Griff zu kriegen. Wir haben jetzt schon Dezember, die Mannschaft muss sich auf einen Trainer mit Prinzipien einstellen. Prinzipien, die für einige sicher neu sind. Ich erwarte von den Spielern, dass sie sich sehr professionell, intelligent und konzentriert verhalten, damit wir schnell einige Spiele gewinnen – und dabei unsere Entwicklung nicht vernachlässigen.

Wann wird die Mannschaft die Pesic-Handschrift tragen?

Am vergangenen Wochenende, beim Sieg gegen Bonn, haben sie schon gezeigt, dass sie mich verstanden haben. Sie haben schon meinen Basketball gespielt. Aggressive Verteidigung, die wir aber weiter entwickeln müssen. Und dafür brauchen wir viel Zeit. Ein Datum kann ich nicht nennen, aber ich weiß: Wir werden uns entwickeln – wie weit, das werden wir sehen!

Am Samstagabend (19 Uhr, Audi Dome) spielen Sie gegen Tübingen. Was sind die Schwachstellen Ihres Teams?

Meine Philosophie ist: Jeder Spieler hat Qualitäten und Defizite, so wie jede Mannschaft. Die Kunst eines Trainers ist, diese Qualitäten zu zeigen und die Defizite weniger zur Geltung kommen zu lassen. Man könnte sagen: Wir schminken uns wie eine Frau, die sich morgens für den Tag vorbereitet und ihre Vorzüge unterstreicht. Unsere Probleme liegen jedenfalls im Bereich der Verteidigung.

Bisher hat sich gezeigt, dass der Mannschaft ein Anführer fehlt, einer, der mitreißt.

Kein Spieler wird in drei Monaten ein Leader. Und schon gar nicht, wenn der Trainer ihn bestimmt. Das muss man sich mit Kontinuität verdienen. Unser Verein besteht in seiner jetzigen Form seit zwei Jahren.

Wer könnte mittelfristig so ein Leader werden?

Auf jeden Fall Robin Benzing. Er hat in allen Bereichen Potential: Persönlichkeit, Denken, Training, Spielweise.

Ausgerechnet der eher zurückhaltende Benzing?

Er ist ein junger Mann, der langsam nicht nur Verantwortung für sich selbst übernimmt, sondern für die ganze Mannschaft. Diese Rolle habe ich für ihn vorgesehen, mal sehen, wie er sich entwickelt. Erst einmal muss er sich sportlich zeigen. Ich brauche keine sogenannten Leistungsträger, die ihre Persönlichkeit am Mikrofon zeigen, aber nicht auf dem Parkett.

Sie haben die ganz großen Vereine in Europa erlebt. Ehrlich: Wie schlagen sich die Münchner Fans dagegen?

Die Atmosphäre ist gut. Für einen neuen Klub ist die Entwicklung sehr gut. Ich würde sagen: Ich bin noch nicht fasziniert, aber das wird noch kommen. Wie die Zuschauer mit der Mannschaft mitgehen, hat meine Erwartungen übertroffen. Das letzte Spiel gegen Bonn war super. Das spüre auch ich auf der Bank.

Sie nehmen also durchaus wahr, was während des Spiels um Sie herum passiert.

Natürlich. Wir bereiten uns eine Woche lang vor, dann kommt unser Tag. Die Halle ist voll, die Cheerleader sind da. Egal wie erfahren man ist - eine positive Stimmung bringt neue Impulse. Wir Trainer motivieren die Spieler – aber wer motiviert die Trainer? Eine volle Halle, die zeigt Respekt, die zeigt: Wir wollen euch helfen!

Was treibt Sie im Innersten an? Was lässt Sie jeden Tag wieder mit Eifer auf dem Parkett stehen?

Mein Antrieb ist, zu sehen, wenn die Spieler mit großen Augen in die Halle kommen, mit der Erwartung, dass sie heute etwas vom Trainer lernen können. Dann versuche ich ihnen etwas zu lehren – wenn die Spieler das verstehen und umsetzen, dann ist das meine Motivation.

Ihr Vertrag läuft bis zum Saisonende. Denken Sie schon daran, wie es mit der Mannschaft weitergehen könnte? Wie Sie sie selbst weiter gestalten könnten?

Jeder Trainer weiß nur, wann er anfängt. Aber nicht, wann er aufhört. Im Moment befasse ich mich nicht damit, was nach Saisonende ist. Für mich zählt nur, was ich am schnellsten und besten für das Team tun kann. Ich muss mich erst einmal hier beweisen! Aber ich habe keine Angst, was passieren könnte. Ich trainiere für Spitzenresultate.

Sie haben also die Meisterschaft weiterhin im Hinterkopf?

Natürlich! Auch wenn unsere Situation im Moment nicht gut ist. Aber wir haben noch genug Zeit, das Maximum aus der Mannschaft herauszuholen. Wenn das geschafft ist, werden wir auch über meine Zukunft im Verein sprechen.