Nach dem Familiendrama in Freising: Wie können Eltern ihren Kindern etwas antun? Ein Experte gibt Antworten

Wie können Eltern so verzweifelt sein, dass sie den Kindern etwas antun? Die AZ hat mit Manfred Wolfersdorf gesprochen. Er ist Chefarzt der Bayreuther Psychiatrie und Experte der Suizidforschung.

AZ: Herr Wolfersdorf, wann töten Mütter ihre Kinder, ehe sie selbst in den Tod gehen wollen?
MANFRED WOLFERSDORF: Aus der Verzweiflung heraus und dem Gefühl „Ich kann so nicht mehr leben” – bis hin zu der Überzeugung, dass die Welt vor dem Ende steht. Dieses Gefühl kann aus wirtschaftlicher, aber auch aus seelischer Not wie etwa nach einem Schicksalsschlag entstehen. Diese Menschen leiden an schweren Depressionen und Psychosen.

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Warum nehmen sie die Kinder mit in den Tod?
Es ist typisch für verzweifelte Mütter, dass sie gerade ihre noch sehr kleinen Kinder mit in den Tod nehmen. Zum Beispiel bei einer Wochenbettdepression. Diesen Frauen gelingt es noch nicht, die Kinder getrennt von sich wahrzunehmen. Sie sind noch Teil ihres Körpers. Diese psychische Nabelschnur wird oft erst in der Schule durchschnitten.

Warum töten suizidale Väter ihre Kinder?
Bei Männern ist oft große wirtschaftliche Not ausschlaggebend: Das Gefühl, als Familienvater nicht mehr ihrer Verpflichtung nachzukommen. Bei Männern ist aber oft auch eine paranoide Psychose der Grund. Zum Beispiel die wahnhafte Überzeugung, dass ihr Kind vom Teufel besessen ist.

Warum bringen sich diese Väter noch selber um?
Aus Schuldgefühl.

Kann das Umfeld vorher wahrnehmen, dass sich so eine Tat anbahnt?
Nein, das kündigt sich nur selten an. Die Suizidalität ist aber wie die Hoffnungslosigkeit Teil einer Depressivität. Wenn man davon etwas bemerkt, kann man Hilfe anbieten.

Gehen vielleicht mehr Frauen als Männer diesen letzten Schritt?
Das wäre Spekulation. Depressive Mütter mit kleinen Kindern haben aber immer schon auch zum erweiterten Suizid gegriffen.

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