"Es sollte so bleiben wie es ist" Skifahrer wollen keine Skischaukel am Riedberger Horn

Die Skischaukel am Riedberger Horn ist nicht nur unter Politikern umstritten. Foto: dpa

Der geplante Zusammenschluss zweier Skigebiete am Riedberger Horn im Allgäu sorgt für mächtig Wirbel. Die einen sorgen sich um ihre Existenz, die anderen um die Natur. Die Meinung mehrerer Skifahrer vor Ort überrascht: Sie wollen, dass alles so bleibt wie es ist.

Obermaiselstein - Den ganzen Vormittag haben sich David Köhler und Denes Suchy am Funpark unterhalb des Riedberger Horns ausgetobt. 30 Zentimeter Schnee auf der Piste, blauer Himmel und Sonne pur sorgen bei beiden für ein zufriedenes Lächeln, als sie auf dem Parkplatz der Grasgehren-Lifte Snowboard und Ski ins Auto laden. "Wir kommen oft und gerne hierher, weil es so ist wie es ist: super entspannt", sagt der 28-jährige Suchy und stellt sofort klar: Von dem geplanten Zusammenschluss der beiden Skigebiete Balderschwang und Grasgehren hält er gar nichts. "Was soll das bringen? Gegen die großen Skigebiete kommen sie eh nicht an - und der besondere Charme von Grasgehren geht dann verloren."

Wie die beiden Freunde aus dem Memminger Raum kommt auch Ludwig Ziegler regelmäßig in das 1400 bis 1700 Meter hoch gelegene Skigebiet im Oberallgäu. Dass an diesem Tag nur einer der fünf Lifte läuft und nur eine Piste dank Kunstschnee befahrbar ist, stört ihn nicht. "Für zwei Stunden Skifahren reicht das - und die Piste ist super", sagt der 28-Jährige aus dem rund 20 Kilometer entfernten Hittisau in Österreich. Auch er ist gegen den geplanten Liftverbund. "Es sollte so bleiben wie es ist: klein, familienfreundlich und mit überschaubaren Preisen. Wenn sie hier ausbauen, werden die Liftkarten wieder teurer. Wer große Skigebiete sucht, soll nach Österreich fahren."

"Das Lächerlichste, was ich je in der Politik gehört habe"

Genau das wollen die Gemeinden Obermaiselstein und Balderschwang verhindern. Um für Urlaubsgäste attraktiv zu bleiben und im Wettbewerb mit den benachbarten Skiregionen in Österreich bestehen zu können, wollen sie ihre beiden Skigebiete durch einen neuen Lift verbinden und die bestehenden Anlagen modernisieren. Das soll langfristig die Existenz der Menschen vor Ort sichern. Das Projekt ist allerdings bei Naturschützern höchst umstritten, weil die geplante Lifttrasse durch einen streng geschützten Bereich der Alpen verläuft und damit eigentlich unzulässig ist.

Die Staatsregierung hält den Liftverbund für verantwortbar und will ungeachtet massiver Proteste das Landesentwicklungsprogramm entsprechend ändern. Ein Kompromissvorschlag von Heimatminister Markus Söder (CSU) sieht vor, die 80 Hektar Fläche, die für das Projekt benötigt werden, aus der strengsten Schutzzone C herauszunehmen und der Zone B zuzuordnen, in der neue Erschließungen unter strengen Maßstäben möglich sind. Gleichzeitig sollen 304 Hektar Fläche am Bleicherhorn sowie am Hochschelpen, die bisher in der Zone B liegen, neu in die Zone C aufgenommen werden. Die strengste Schutzzone C des Alpenplans werde also um rund 224 Hektar ökologisch hochwertigster Flächen erweitert, hatte Söder nach dem Kabinettsbeschluss Ende November gesagt.

"Was die Regierung da abgezogen hat, ist das Lächerlichste, was ich je in der Politik gehört habe", sagt Skifahrer Suchy. Man könne nicht einfach Schutzzonen "umdeklarieren, weil es gerade passt". Auch Ziegler hält nichts von dem Flächentausch, der die Eingriffe am Riedberger Horn kompensieren soll. "Es ist schon so viel verbaut in den Bergen. Und wenn man hier anfängt, eine Ausnahme zu machen, geht’s woanders weiter." Trotz seiner Bedenken kann Ziegler aber auch die andere Seite verstehen - die Liftbetreiber und Hoteliers. "Die Menschen hier leben vom Tourismus, das darf man nicht vergessen."

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"Ich verstehe die Leute. Sie leben schließlich davon."

Harald Scheibler, der zusammen mit seiner Frau aus dem Landkreis Neu-Ulm für einen Tag zum Skifahren nach Grasgehren gekommen ist, sieht das ähnlich. Auch er bräuchte den Ausbau zwar nicht: "Wir kommen oft hierher und sind mit dem, wie es ist, zufrieden." Dass die Einheimischen das Angebot für ihre Urlaubsgäste erweitern wollen, sei aber durchaus nachvollziehbar. "Ich verstehe die Leute, die das wollen. Sie leben schließlich davon."

Zu diesen Leuten gehört Berni Huber, Geschäftsführer der Grasgehren-Lifte. "Uns als Liftbetreiber geht es um die Erreichbarkeit", sagt er und erklärt die besondere Situation des Skigebiets, dessen Talstation in einem wie er sagt "schneesicheren Hochtalkessel" auf 1440 Metern liegt. "Weil wir etwas abgelegen sind und hier oben keine Ortschaft mit Hotels im Rücken haben, leben wir vom Tagestourismus. Jeder Skifahrer muss mit dem Bus oder Pkw anreisen."

Schon seit fast 50 Jahren würde man im Skigebiet Grasgehren um eine Talanbindung kämpfen. "Es ist an der Zeit, dass die Gäste in Balderschwang unser Skigebiet mit der Bahn erreichen können", sagt Huber. Den Einwänden der Naturschützer hält er entgegen, dass sich am Riedberger Horn "trotz des Skibetriebs" der wertvollste Bestand des vom Aussterben bedrohten Birkhuhns im gesamten Allgäu entwickelt hat. "Wir sind stolz auf unsere Flora und Fauna."

Und was die Bedenken der Skifahrer betrifft, die sich an diesem Tag eher skeptisch und ablehnend gegenüber dem Liftprojekt zeigen, gibt Huber Entwarnung: "An der heimeligen Atmosphäre wird sich hier nichts ändern."

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