Der dänische Komponist Per Nørgård ist der diesjährige Träger des Siemens-Musikpreises

Sergiu Celibidache hat gesagt, seine Musik würde erst im kommenden Jahrtausend verstanden werden. Als er im vorigen Jahrtausend als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker amtierte, dirigierte er vorsichtshalber daher kein Werk von Per Nørgård. Die anderen Groß-Orchester unserer Stadt folgten seiner Weisheit. Nur das Münchener Kammerorchester wagte 2002 ein Stück von ihm. Der eine oder ander Schlagzeuger spielte auch was. Und in Zorneding gab’s mal ein Streichquartett.

Nørgård ist hierzulande nur Kennern bekannt. Er wird es verschmerzen. Denn ab dem 2. Mai ist der 83-jährige Däne um eine Viertelmillion Euro reicher. Dann erhält er im Prinzregententheater den angesehenen Ernst-von-Siemens-Musikpreis, der traditionell abwechselnd an Komponisten und Interpreten verliehen wird. Voriges Jahr erhielt der Pianist und Dirigent Christoph Eschenbach den Preis.

Die Entscheidung für Nørgård ist ein (kleiner) Bruch mit der Tradition dieses Preises: Ihn bekamen zuletzt fast ausschließlich Hüter der Avantgarde der Musik des 20. Jahrhunderts. In die Reihe Maurizio Kagel, Wolfgang Rihm, Brian Ferneyhough oder Klaus Huber passt der Däne kaum. Er ist vor allem Symphoniker – ein Genre, das seit 100 Jahren unter dem Verdacht des Reaktionären steht.

Von der Avantgarde und ihren Moden hat sich Nørgård immer abgesetzt: Zwar ging er nach seinem Kompositionsstudium an der Königlich Dänischen Musikakademie ab 1955 für eineinhalb Jahre nach Paris, um sich bei der legendären Lehrerin Nadia Boulanger zu vervollkommnen. Doch die Konzerte des John-Cage-Vertrauten David Tudor fand er affig, und der späte Jean Sibelius interessierte ihn mehr als den Serialismus von Pierre Boulez.

Ein nordischer Tüftler

Die Verehrer des skandinavischen Sonderwegs der Musik beschwören gern die Naturverbundenheit und das Urwüchsig-Gesunde dieser Komponisten. Auch Nørgård soll sich angeblich von der unendlichen Weite des Ozeans inspirieren lassen. Tatsächlich ist er aber ein Tüftler, der seiner Musik mit eine „Unendlichkeitsreihe“ zugrunde legt und mit dem „Goldenen Schnitt“ operiert.

Der dänische Einzelgänger hat mehrere erfolglose Opern geschrieben. Seine sich täglich ändernde Pausenmusik für das dänische Fernsehen wurde 1970 nach Protesten der Zuschauer wieder aus dem Programm geworfen. Berühmt wurde seine ätherisch komponierte Filmmusik zu „Babettes Fest“ (1987).

Doch im Zentrum des Werks stehen die acht Symphonien. Die 1976 uraufgeführte Dritte tritt mit dem Anspruch eines Hauptwerks auf. Sie beginnt wie Wagners „Rheingold“ oder „Also sprach Zarathustra“ mit einem Uranfang: Vom tiefen Kontra-C aus entwickelt sich eine Obertonreihe. Die Musik ist kraftvoll und farbig schillernd, ehe dann im Finale kitschnahe Sphären-Chöre ein Gedicht von Rilke ertönen lassen. Das stärkere Werk ist wohl die 1999 vollendete Sechste „Im Reiche der Neige“ für ein besonders in den tiefen Registern stark besetztes Orchester: eine düster brodelnde Musik mit heftigen Ausbrüchen und schroffen Wendungen. Das wird auch beim mehrfachen Hören nicht abgedroschen.

Nørgårds Musik ist schwer einzuordnen. Ein leiser Unterton von Esoterik ist unverkennbar. Es gibt geringe spätromantische Reste. Manchmal klingt es nach „Krieg der Sterne“, nur ohne jede falsche Gefälligkeit. Dass Nørgård etwa György Ligeti schätzt, ist durchaus zu hören. Ein unkonventioneller Komponist, der in England hoch geschätzt wird, aber hier noch zu entdecken wäre.

Nørgård, Symphony Nr. 6, (Danish National Radio Symphony Orchestra, Thomas Dausgaard, CD bei Chandos)