Entführte Teenager in Nahost "Mit der gleichen Vehemenz verurteilen"

Einat Wilf, 44, ist Politikwissenschaftlerin und war von 2010 bis 2013 Knesset-Abgeordnete, zunächst für die Arbeits-, dann für die Unabhängigkeitspartei. Foto: ho

AZ-Interview: Eine israelische Politikerin über die Entführung und ihre Konsequenzen

München/Tel Aviv - Die Entführung dreier Teenager sorgt für eine brisante Lage in Nahost. Der palästinensische Präsident Abbas verurteilte die Entführung nun scharf, seine Polizei arbeitet mit Israel bei der Suche zusammen – dies wurde als möglicher erster Riss in der neuen palästensischen Einheitsregierung aus seiner gemäßigten Fatah und der radikaleren Hamas gedeutet. Israel hält die Hamas für verantwortlich. Es nahm gestern 51 Palästinenser fest, die im Austausch für Ex-Geisel Shalit freigekommen waren. Die AZ sprach mit Einat Wilf.

AZ: Wird die Entführung dazu führen, dass die israelische Regierung eine härtere Haltung gegenüber den Palästinensern einnimmt?

EINAT WILF: Nein, davon kann keine Rede sein. Wir haben im Moment eine begrenzte Operation gegen die Hamas in der West Bank, um die Teenager zu finden. Aber dabei arbeiten die Palästinensiche Autonomiebehörde und die israelische Armee zusammen.

AZ: Wie glaubwürdig ist die Feststellung der palästinensichen Regierung, sie habe nichts mit der Entführung zu tun?

WILF: Der palästinensiche Präsident hat klar gesagt, dass diese Entführung gegen die Interessen der Palästinenser ist und dass er sie ablehnt. Es ist eine Aktion der Hamas, wahrscheinlich von Hebron aus.

AZ: Die Hamas ist ja auch an der Regierung beteiligt.

WILF: Ja, aber trotzdem ist davon auszugehen, dass die Erklärung des Präsidenten ernst zu nehmen ist.

AZ: In sozialen Netzwerken sieht man Fotos von palästinensischen Kindern und Erwachsenen, die drei Finger recken, als Zeichen, dass sie die Entführung gut finden. Gibt das wirklich die Stimmung unter den Palästinensern wieder?

WILF: Das ist absolut ernst zu nehmen. Terroristen planen normalerweise keine Aktionen wie diese Entführung, wenn sie nicht das Gefühl haben, sie hätten genügend Rückhalt dafür in der Bevölkerung.

AZ: Wie sollte die westliche Welt reagieren?

WILF: Der israelische Präsident hat ja schon seine Erwartung formuliert, dass die internationale Gemeinschaft die Entführung mit der gleichen Vehemenz verurteilt, wie sie das tut, wenn Siedlungen gebaut werden.

AZ: Hier hört man zum Teil eine andere Einschätzung - nämlich die, dass sich Familien, die in der West Bank leben, nicht wundern sollen, wenn ihre Kinder entführt werden.

WILF: In meinen Augen ist diese Argumentation indiskutabel. Das ist ein Konflikt zwischen zwei Völkern, es gibt keine Rechtfertigung, ihn an drei Jugendlichen auszulassen.

AZ: Könnte es sein, dass die Teenager am Ende wie Gilad Shalit gegen palästinensische Gefangene freigelassen werden?

WILF: Das ist eine rein hypothetische Frage. Zurzeit arbeitet die Armee daran, die Jugendlichen so schnell wie möglich zu finden.

Einat Wilf, 44, ist Politikwissenschaftlerin und war von 2010 bis 2013 Knesset-Abgeordnete, zunächst für die Arbeits-, dann für die Unabhängigkeitspartei. Sie ist am 6. Juli bei den Israeltagen im Münchner Gasteig (22. Juni bis 12. Juli) zu Gast und spricht über das Selbstverständnis des jüdischen Staates. Sie ist die Ehefrau des Bloggers Richard Gutjahr.

 

 

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