Nur einen Spaziergang vom Rückzugsort des Ministerpräsidenten entfernt führt eine möglich Variante des Trassenkorridors vorbei. Hat Seehofer auch  deshalb den Stecker gezogen?

MÜNCHEN - Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ist selber von der umstrittenen „Süd-Ost“-Stromautobahn betroffen. Eine mögliche Variante des geplanten Trassenkorridors führt durchs Altmühltal zwischen  Dietfurt, Steinsdorf  und Neuenhinzenhausen. Nicht mal zwei Kilometer Luftlinie entfernt liegt Seehofers Rückzugsort im benachbarten Schamhaupten. „Wie im Paradies“ fühlt er sich dort in seinem Ferienhaus. Die Idylle aber könnte bald angekratzt sein, wenn nur einen Spaziergang entfernt 70 Meter hohe Strommasten gebaut werden.

Am Dienstag hat Seehofer den Stecker gezogen. Die Notwendigkeit für die Stromtrasse soll überprüft werden. Am Mittwoch war es deshalb im Landtag zu einer turbulenten Sitzung gekommen (AZ berichtete). In der hat Bayerns Energieministerin Ilse Aigner kein Wort gesagt. Gestern sollte sie dafür im Wirtschaftsausschuss reden. Heraus kam nicht viel. In der CSU herrscht ein Stillhalteabkommen über die Stromautobahn. Bei der CSU-Klausur in Kreuth hatte Aigner noch erklärt, dass die schnellstens kommen müsse. Jetzt soll Bundesenergieminister Sigmar Gabriel erst sein Gesetz machen. „Dann können wir uns weiter unterhalten“, so Aigner.

Fest steht für sie allerdings schon jetzt: Der Strompreis wird immer teurer. Die Ökostromumlage habe inzwischen ein Volumen von 23 Milliarden Euro jährlich erreicht, erklärte Aigner. „Die Summen werden weiter steigen.“ Die Preise dürften jedoch nicht „unendlich weiter steigen“.

SPD-Wirtschaftssprecherin Annette Karl warf Aigner und Seehofer eine „irrlichternde“ Energiepolitik vor: „Die Energiewende ist Ministerpräsident mal Chaos zum Quadrat.“ Nicht nur die SPD, auch die Wirtschaft bekomme dabei inzwischen einen „dicken Hals“. Um die Energiewende ordentlich hinzubringen, brauche es natürlich Stromleitungen.

Für den geforderten Planungsstopp der Stromautobahn bekam Seehofer gestern einen Rüffel aus Europa. EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) forderte den Ministerpräsidenten zum Einlenken auf. „Die Leitungen sind notwendig und zwar schnell.“ Denn 2015 wird in Bayern das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld abgeschaltet.

Der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Toni Hofreiter, bezeichnete Seehofer als „feigen Populisten“. „Für ein Gelingen der Energiewende brauchen wir den Netzausbau, damit regionale Unterschiede und Schwankungen bei den erneuerbaren Energien über das Netz ausgeglichen werden können.“


Seehofer aber feiert schon einen kleinen Triumph: Der Netzbetreiber, der die Stromautobahn bauen will, hat noch am Mittwoch um einen Termin beim Bayerischen Ministerpräsidenten gebeten. Dann kann Seehofer gleich besprechen, ob die Trasse wirklich an seinem Ferienhaus vorbeigehen muss.