Elbphilharmonie Kent Nagano dirigiert "Arche" von Jörg Widmann

Kent Nagano und der Komponist Jörg Widmann beim Schlussapplaus. Foto: dpa

Der dritte Abend, die eigentliche Eröffnung: Kent Nagano dirigiert die Uraufführung von Jörg Widmanns „Arche“ in der Elbphilharmonie

Wo Eröffnung draufsteht, steckt nicht immer eine solche drin. Das zeigten die ersten drei Tage der neuen Elbphilharmonie in Hamburg. Jedenfalls musste man sich etwas gedulden, bis mit der Uraufführung des Oratoriums „Arche“ für Soli, Chöre, Orgel und Orchester von Jörg Widmann bleibende Hörerlebnisse geboten wurden.

Das war weniger dem abendfüllenden Werk des gebürtigen Münchners geschuldet, sondern vor allem der starken Interpretation. Unter der Leitung von Kent Nagano entwickelten die Hamburger Philharmoniker eine Klangkultur allererster Güte. Seit seinem Amtsantritt an der Elbe 2015 hat Nagano dieses Orchester aus der Provinzliga geführt.

Sonst aber hat der einstige Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper eine Besetzung um sich getrommelt, die wie ein Bayern-Gastspiel erschein: Bei den Chören mischte die Audi Jugendchor-Akademie aus Ingolstadt mit, höchst agil und einnehmend präsent mit. Aus dem Bayerischen Wald stammt wiederum der Bariton-Solist Thomas E. Bauer, wo er in Blaibach einen neuen Konzertsaal initiiert hat. Marlis Petersen gestaltete hingegen das Sopran-Solo: Bei der Neuproduktion von Alban Bergs „Lulu“ 2015 am Münchner Nationaltheater glänzte sie in der Titelpartie.

Der Kleine Saal - akustische Strukturen

Sie alle retteten eine recht fragwürdige Partitur. In fünf Teilen erzählt Widmann eine Art Schöpfungsgeschichte, samt Sintflut und Arche Noah. Er habe sich von der Hamburger „Elphi“ inspirieren lassen, die wie ein Schiff aussehe, so Widmann. Andererseits atme der große Konzertsaal eine sakrale Aura, deshalb das Genre Oratorium. Und weil Widmann gerne Disparates zusammenfügt, galoppiert er durch die Kulturgeschichte. Der textliche Fundus reicht von der Bibel über Michelangelo bis zum TV-Philosophen Peter Sloterdijk. Letzterer hatte auch das Libretto zu Widmanns Oper „Babylon“ kredenzt, die 2012 in München uraufgeführt wurde.

Musikalisch winken bisweilen Bach oder Beethoven herüber, kräftig gewürzt mit Volksmusik und Operettenschwank oder fein garniert mit geräuschhaften Klängen im Stil von Helmut Lachenmann. Manchmal schunkeln die Chöre, und die Solisten wandern mitunter quasi-performativ durch den Saal.

Ganz so brachial wie in der „Babylon“-Oper ist das alles zwar nicht, dafür aber ziemlich banal. Um Zeitkritik zu suggerieren, werden im finalen „Dona nobis pacem“ Schlagwörter gerufen: Facebook und Google, Nato und Uno, Syrien und Schuldenschnitt. Die an sich großartige Idee, ein neues Oratorium zu kreieren, wurde auf ein ermüdend hohles Niveau heruntergebrochen. Weil aber die Musik in Besetzung und Dynamik stark variiert, konnte die „Elphi“-Akustik von Yasuhisa Toyota gut analysiert werden.
Ob großflächiges Pathos oder stille Reduktion, Gesang und Rezitation: Nichts blieb zu direkt oder diffus, eine schillernde Transparenz von Wort und Klang.

Manches Negativ-Urteil über die Akustik war an diesem Abend nicht nachvollziehbar. Dass partiell gewiss noch nachjustiert wird, ist überdies ganz normal. Die eigentliche Frage wird sein, ob Hamburg mutig genug ist für inhaltlich große Visionen. Gefällige Deko-Postmoderne mit Event-Charakter reicht nicht aus.

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