Ein Jahr danach OEZ-Amoklauf: Die Nacht des Schreckens

, aktualisiert am 18.07.2017 - 10:12 Uhr
Ein 18-jähriger Münchner erschießt in Moosach neun Menschen, verletzt vier weitere und tötet sich später selbst. Lange ist unklar, ob er allein handelt. Die Stadt ist im Ausnahmezustand. Foto: imago/dpa

Narben, die bleiben: So erging es München und den Menschen beim Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum vor einem Jahr. Schock, Panik, Angst vor der Angst: Protokolle vom 22. Juli 2016 – und den 365 Tagen danach.

"Wir sind einfach alle gerannt": An dem Tag, an dem David Ali S. grundlos neun Leben beendet, legen sich Furcht und Verzweiflung über die Herzen der Menschen. Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer.

Es sind Stunden voller Angst und Verunsicherung. Stunden, die Tod und Verzweiflung bringen. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht später von einer "Nacht des Schreckens". Am 22. Juli 2016 werden am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) acht arglose junge Menschen und eine Mutter erschossen, vier weitere durch Schüsse verletzt. Sie waren beim Einkaufsbummel oder hatten sich mit Freunden getroffen.

Am 22. Juli 2016 glauben die Menschen, dass der Terror München erreicht hat – auch noch viele Stunden, nachdem sich Amokläufer Ali David S., ein 18-jähriger deutsch-iranischer Schüler voller Rache- und Hassgedanken, selbst getötet hat. Fragmente aus einer Nacht, in der Chaos und Panik herrschten.


Die AZ-Serie zum Amoklauf am OEZ - ein Jahr danach.

Um 17.52 Uhr taucht die erste Twitter-Nachricht auf, die von Schüssen am OEZ berichtet. Bei der Polizei gehen die ersten Notrufe ein.

"Weg! Weg! Nur weg hier!", jagt es durch den Kopf von Verkäuferin Marion P. (53). Schüsse peitschen durchs OEZ, sie hört panische Schreie. Die Münchnerin ist plötzlich ganz allein im Geschäft. Erst etwa einen Kilometer entfernt, am Georg-Brauchle-Ring, hört sie auf zu rennen – und bricht in Tränen aus. Sie ist davongekommen.

"Aufgrund von Zeugenaussagen musste in der Anfangsphase von bis zu drei verschiedenen Personen mit Schusswaffen ausgegangen werden", sagt Polizeipräsident Hubertus Andrä als alles vorbei ist.

Stunden später erst stellt sich heraus, dass die zwei vermeintlichen Terroristen mit Langwaffen, die mit hohem Tempo vom OEZ wegfuhren, Polizisten in Zivil waren.

Als die ersten Rettungskräfte am Tatort eintreffen, erfasst sie blankes Entsetzen. Vorwiegend junge Menschen liegen blutend auf der Straße.

Ein Rettungssanitäter beugt sich über einen Schwerverletzten. Der 19-Jährige sagt: "Ich will nicht sterben. Aber ich sterbe jetzt."

Er behält recht.

"Es ist lange her, dass unsere Stadt mit Hass und Gewalt in diesem Ausmaß konfrontiert wurde", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter bei der Trauerfeier im Landtag. Er denkt dabei auch an das Olympia-Massaker 1972 und das Oktoberfest-Attentat 1980.

Neun weiße Kerzen werden vier Tage später bei dem ökumenischen Trauergottesdienst in der Frauenkirche angezündet. Für jedes Todesopfer eine.

Als Benet (13) vier Wochen nach dem Amoklauf aus dem Koma aufwacht, müssen ihm seine Eltern sagen, dass seine fünf Freunde, mit denen er im McDonald’s war, tot sind. Benet ist der Einzige von ihnen, der es überlebt hat. Ihn trafen die Kugeln in den Kiefer und in die Lunge.

Von überall her rasen Rettungswagen und Polizeiautos mit Blaulicht und Sirene zum OEZ. Polizisten haben die Scheiben runtergelassen, schreien den Autofahrern wild gestikulierend zu, Platz zu machen. Noch nie hat der AZ-Fotograf so viele Polizisten so hektisch erlebt.

Seit 18.26 Uhr werden Hunderte Ärzte und Pfleger einbestellt. Die Kliniken bereiten sich auf einen MANV vor – einen "Massenanfall von Verletzten". Insgesamt werden in dieser Nacht 36 Menschen verletzt, die meisten in Panik. Sechs davon schwer.

Man wünscht dem Täter, er würde sehen, welch unermessliches Leid er verursacht hat. Vier Tage nach dem Amoklauf wirft sich die Türkin Fatma F. (Name geändert) schluchzend auf den Sarg, in dem ihr Sohn Selcuk liegt. Er war 15. Auch sein Freund Can (14) ist im McDonald’s ermordet worden.

"Am Odeonsplatz kam eine Durchsage in der U-Bahn, wir sollen sie so schnell wie möglich verlassen", erinnert sich Wahid S. "Das war fast wie eine Massenpanik. Wir sind einfach alle gerannt. Ich war unter Schock, hatte am ganzen Körper Gänsehaut."

Am Stachus bricht nach einer falschen Meldung über Schüsse Panik aus, auch aus dem Hofbräuhaus flüchten Menschen.

Mittlerweile sind 2300 Polizisten in München im Einsatz, darunter die Antiterroreinheit GSG9, Spezialeinsatzkommandos und die österreichische Elite-Einheit Cobra.

Der McDonald’s öffnet erst zwei Monate später wieder – komplett renoviert und umgebaut.

Wildfremde Menschen helfen einander, bieten unter dem Motto "offene Tür" Anderen eine Zuflucht. "Darf ich bei Ihnen in die Wohnung?", fragt eine junge Frau mit Tränen in den Augen vor einem Wohnhaus in der Andernacher Straße. "Ich bin auch nicht bewaffnet."

Jeweils zu zweit, Rücken an Rücken, stehen Polizisten am U-Bahn-Aufgang Georg-Brauchle-Ring. Ihre Körperhaltung ist voller Angst. Sie rechnen damit, dass der Todesschütze gleich auftaucht. Schießt er auf den Vordermann, kann wenigstens der zweite Polizist noch zurückschießen.


Am Tag nach der Tat patroulliert die Polizei vor der McDonald’s-Filiale, in der David Ali S. fünf Menschen erschoss. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

"Alles in Ordnung bei dir?" Verwandte, Freunde und Bekannte schicken besorgte Nachrichten nach München. "Pass auf dich auf!", ist auch dabei. Aber wie soll man das anstellen in einer Nacht wie dieser?

"Wir wissen derzeit nicht wo sich die Täter befinden", twittert die Polizei kurz vor 20 Uhr. Ein deutsch-britischer Anwalt übersetzt die Mitteilung ins Englische. Die Nachrichten der Münchner Polizei gehen auch auf Französisch und Türkisch um die Welt.

Aus einem Mietshaus in Moosach winkt Murat T. Fremde in seine Wohnung herauf. Im Wohnzimmer sitzen Erwachsene und Kinder. Der Fernseher läuft, doch niemand sieht hin. Sie erreichen die Familie von Selcuk nicht, dem besten Freund von Murats Sohn Orhan.

Erst am nächsten Tag werden sie erfahren: Der 15-Jährige gehört zu den Todesopfern.

Gegen 20.30 Uhr trifft der Amokläufer in der Henckyestraße auf eine Zivilstreife. Er erschießt sich vor den Augen der Beamten mit einer Glock 17.

In seinem Rucksack hat er noch 300 Schuss Munition.

20.36 Uhr: Die Polizei spricht von einer "akuten Terrorlage".

Aus der ganzen Stadt melden sich aufgeregte Anrufer bei der Polizei, die von Schüssen berichten. 73 Schießereien und zwei Geiselnahmen stellen sich im Nachhinein als Fehlalarme heraus. Spezialeinsatzkommandos durchsuchen Gebäude nach weiteren Tätern. "Bitte halten Sie Ihre Hände so, dass wir sie immer sehen können", sagt ein Beamter zu den Angestellten einer Firma. "Wir sind heute Nacht alle sehr nervös." Tag für Tag erinnern am OEZ Blumen, Fotos und Briefe an die Opfer.

An einem Bauzaun hängt ein Gedicht in einer Klarsichthülle:

100 Tage ohne euch. Wir haben Wunden, die nicht heilen und Narben, die uns bleiben. Ein Herz in tiefer Trauer und die Liebe, die immer bleibt... Ruhe in Frieden Engel...

Die Familie des Täters wird nach dem 22. Juli bedroht. Vater, Mutter und Bruder kommen in ein Zeugenschutzprogramm. Angeblich leben sie heute im Iran, der Heimat der Eltern.

Erst um 1 Uhr nachts fahren U-Bahnen und Busse wieder.

Bei der Trauerfeier im Bayerischen Landtag nennt Bundespräsident Joachim Gauck jedes Opfer beim Vornamen.

"Armela fehlt uns. Can fehlt uns. Dijamant fehlt uns. Giuliano fehlt uns. Hüseyin fehlt uns. Roberto fehlt uns. Sabina fehlt uns. Selcuk fehlt uns. Sevda fehlt uns."

1.26 Uhr: Die Polizei gibt via Twitter "vorsichtige Entwarnung". Es bleiben Gefühle und Gedanken, mit denen man nicht alleine bleiben will. München hat sich verändert.

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