Eduard Augustin beobachtet Paare – und freut sich, dass es über Männer und Frauen noch so viel zu erzählen gibt.

Anzeige

Seit ein paar Tagen läuft, während ich im Büro sitze, im Internetradio ein Sender mit Country-Musik. Er dudelt so vor sich hin. Weil es nicht ablenkt, und die Musik weder bremst noch antreibt, könnte man es fast als angenehm empfinden.

So weit ist es gekommen. Einmal am Tag, immer so gegen vier, singt plötzlich Kenny Rogers. Ein Lied, das ich schon als Kind gehasst, und nie verstanden habe: „You picked a fine time to leave me, Lucille“, singt er, „four hungry children and a crop in the field“. Damals lief der Song auch auf deutsch: „Musst du jetzt gerade gehen, Lucille“ – eine schauerliche Trennungssong-Folter.

Als ob ich als Scheidungskind nicht genug gelitten hätte. Nun mussten 35 Jahre vergehen, bis ich endlich einmal zuhörte und staunte. Da sitzt also ein Kerl in einer „Bar cross the depot“ (auf bayerisch: „In der Boazn vis-a-vis von der BayWa“) und baggert eine Frau an, die gerade ihren Ehering auf die Theke pfeffert und jammert. Ihr Verflossener taucht auf und beschwert sich, dass sie „vier Kinder hungern“ (soviel war mir klar) und die „Früchte auf dem Feld verderben lässt“ (jetzt erst verstanden).

Ah! Country! Der Kerl in der Bar ist schockiert – und leidet mit dem Ex. Man denkt, er müsse nun Leine ziehen. Aber vonwegen. Er schleppt die Alte ab, in ein Hotelzimmer, und während er sie verführt, singt er im Bett nochmals den Refrain. Unglaublich. Das ist weder harmloses Gedudel, noch eine politisch korrekte Trennung