Doppelt so viele wie 2008 Schicksal Obdachlosigkeit: 5400 Münchner hat’s erwischt

Münchner Kontraste: Während ein Paar in Tracht durch die Innenstadt spaziert, bettelt ein Obdachloser am Boden um etwas Geld. Foto: Imago

Erschreckende Zahlen vom Sozialreferat: Heute sind mehr als doppelt so viele wohnungslos wie 2008. Von ihnen haben 650 nicht einmal ein Dach über dem Kopf.

München - Die Entwicklung ist alarmierend. Seit Langem waren nicht mehr so viele Menschen in München ohne Wohnsitz, seit Jahren mussten in der „Weltstadt mit Herz“ nicht so viele auf der Straße schlafen: Seit 2008 hat sich die Zahl der Frauen und Männer, die keine eigene Bleibe haben, von 2466 auf 5400 mehr als verdoppelt. Bis zu 650 von ihnen schlagen ihr Lager jede Nacht auf einer Parkbank oder unter einer Brücke auf.

„Wohnungslosigkeit kann im Prinzip jeden treffen“, sagt Ottmar Schader vom Sozialreferat. Die Gründe, warum Menschen ihr Zuhause verlieren, seien vielfältig. „Sie reichen vom finanziellen Engpass, über Arbeitslosigkeit oder eine Scheidung bis zu Krankheit oder psychischen Problemen.“

Der Wohnungs-Engpass in München, die damit einhergehenden hohen Mieten und die starke Zuwanderung verschärfen die Situation jedoch zunehmend. „Die Wohnungskapazitäten in der Stadt werden zwar erhöht – aber nicht so schnell wie die Wohnungslosigkeit zunimmt“, sagt Schader.

 

Doppelt so viele Menschen obdachlos wie 2008

 

Aus der Statistik: 2012 lebten 3800 Menschen in Notquartieren der Kommune oder in von ihr angemieteten Pensionen. 2013 waren es bereits 4200, ein Jahr später 4850. Heute sind es 5400.

„Wer gut verdient und eine sichere Beschäftigung vorweisen kann, hat auf dem Münchner Mietmarkt einfach bessere Karten. Wer da nicht konkurrieren kann, ist auf die Unterstützung der Kommune angewiesen“, sagt Schader.

Jenseits der Stadtgrenzen ist die Lage kaum besser. Im Landkreis München waren 2015 rund 2320 Personen von Obdachlosigkeit bedroht, darunter 750 Kinder. „Menschen, denen gekündigt worden war, die Mietschulden hatten oder auch Leute, die nach einer Trennung bei Freunden untergekommen waren, was irgendwann nicht mehr ging – eine Konstellation, die wir immer öfter haben“, sagt Stefan Wallner, Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO).

74 Prozent der Betroffenen konnten er und sein Team vor der Obdachlosigkeit bewahren. Allerdings dauerte die Suche nach einer neuen Bleibe im Schnitt 214 Tage. „Manche brauchen auch eineinhalb Jahre – oder sie finden gar nichts.“ Die Leidtragenden seien längst nicht mehr nur Hartz-IV-Empfänger, „sondern auch Familien, Alleinstehende und Rentner mit niedrigem bis mittleren Einkommen.“

 

Keine Wohnung, obwohl man Miete zahlen kann

 

Wallner erzählt von einem Sanitäter, der 1200 Euro brutto verdient und ein Appartement für 700 Euro mieten wollte. „Da bleibt Ihnen ja nichts mehr zum Leben“, habe der Anbieter gesagt – und dann einem liquideren Kandidaten den Zuschlag gegeben. Oder die sechsköpfige Familie: „Er arbeitet in der Gastronomie, sie als Altenpflegerin – die finden nichts, obwohl sie ihre Miete selbst zahlen könnten, weil es immer jemanden gibt, der mehr verdient und das ist den Vermietern lieber.“

Mittlerweile sei der Frust bei vielen Suchenden so groß, dass die Landkreis-AWO Workshops anbiete, um sie zum Durchhalten zu animieren.

Raus aus dem Obdachlosenheim: Keiner wollte diese Villa

 

Münchner Kälteschutzprogramm das umfangreichste in Deutschland

 

Zurück in die Stadt: Immer öfter sieht man hier Menschen, die Kartonagen auf Parkbänken, in Hauseingängen oder über Lüftungsschächten ausbreiten und dort die Nacht verbringen. Tatsächlich ist auch ihre Zahl drastisch gestiegen. 2011 gingen Experten davon aus, dass in München rund 350 Obdachlose „Platte machen“ – mittlerweile sind es bis zu 650.

Um sie vor dem Erfrieren zu bewahren, rief die Stadt im Winter 2011/2012 das Kälteschutzprogramm ins Leben: Vom 1. November bis zum 31. März werden Notschlafplätze für Personen bereitgestellt, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen und ein Quartier haben – zum Beispiel, weil sie aus dem EU-Ausland nach München gekommen sind und nicht nachweisen können, dass sie auch im Herkunftsland kein Dach über dem Kopf haben.

Mit einer Kapazität von 1000 Betten ist das Münchner Kälteschutzprogramm das umfangreichste in Deutschland.

 

Niedriglohnsektor oder als Tagelöhner

 

Die meisten „Kälteschutz-Klienten“ stammen aus Rumänien und Bulgarien. Die Frauen und Männer verdingen sich auf dem Niedriglohnsektor oder als Tagelöhner, weil sie so immer noch mehr verdienen als in der Heimat.

Ahmed (60) ist einer von ihnen. „Er ist vor sieben Jahren nach Deutschland gekommen“, erzählt Paulina Wagner vom Bündnis „Wir wollen wohnen“. Ahmed habe auf verschiedenen Baustellen gearbeitet und sei wiederholt um seinen Lohn betrogen worden.

„Seit vier Jahren lebt er deshalb auf der Straße, schläft in Parks oder unter Brücken.“

Während der Wintermonate kam Ahmed im Kälteschutzprogramm unter – doch die Maßnahme endet heute. Ab morgen muss er seinen Schlafsack wieder im Freien ausrollen. Zurück nach Bulgarien will er trotzdem nicht. „Wer sagt ihm denn, dass er dort ein Dach über dem Kopf hat“, fragt Paulina Wagner. „Hier gibt es zumindest Arbeit.“

Seit Wochen kämpft die Initiative „Wir wollen wohnen“ daher darum, dass Menschen wie Ahmed ebenfalls in Notunterkünften der Stadt untergebracht werden. „Durch ihre Ausschlusspolitik produziert die Stadt München Obdachlosigkeit, statt sie zu bekämpfen“, sagt Paulina Wagner. Heute ab acht Uhr früh werden die Aktivisten vor der Bayernkaserne auf die Situation der Betroffenen aufmerksam machen.

Sicher ist: Die Zahl der Obdachlosen in München wird weiter steigen, automatisch. Denn von den Tausenden Geflüchteten, die hier gestrandet sind, werden etliche in den nächsten Monaten ihre Anerkennung bekommen. Theoretisch müssen sie dann aus den Sammelunterkünften ausziehen – wenn sie ein neues Zuhause finden. Sonst gelten sie als „Fehlbeleger“. Und als Wohnungslose, für die die Stadt zuständig ist.

Momentan trifft diese Beschreibung auf 300 Menschen zu. Doch die Kommune wird noch in diesem Jahr 3000 weitere Notquartier-Plätze für Obdachlose schaffen, 2400 davon für Geflüchtete.

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