„Wie wir leben wollen“ – so klingt das neue Album von Tocotronic zum 20. Bandjubiläum.

Nach dem Ende von Blumfeld ist die Luft dünn geworden für akademischen Pop. Allerdings: Seit ihrem Album „K.O.O.K“ sind Tocotronic verlässlich in den deutschen Album-Top-Ten vertreten. Mit dem letzten Album „Schall & Wahn“ gar auf Platz eins. 20-jähriges Bandjubiläum feiert die Gruppe dieses Jahr. „Wie wir leben wollen“ heißt das neue Album, der um programmatische Ansagen selten verlegenen Vier.

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Guy Deborts schlaue neomarxistische Streitschrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ aus den 70ern treibt hier genauso durch Dirk von Lowtzows Texte wie das Schlagwort „Ornament und Verbrechen“ des Architekturtheoretikers Adolf Loos und vieles, was sich als Interpretationsfeld für künftige Uni-Seminararbeiten anbietet.

Wer sich die aktuellen deutschen Charts ansieht, ahnt, dass neben Helene Fischer und Unheilig viel Raum ist für eine Band, die sich um Gedanken bemüht. Zumal hier auch Platz für ganz praktischen Humor ist, beispielsweise für einen Vers wie „Erfolgreiche Freunde / Geißel der Menschheit“. Subtiler: „Europas Mauern / Werden fallen / An die Anemonen / Und Korallen“.

Wörter werden geschichtet, das Ich wird zum „Neutrum mit Bedeutung“ – die Zukunft ist eben eine Landschaft, die man durch eine Milchglasscheibe sieht – eine geheimnisvoll opake Ahnung.
Das großartige Gegengewicht zum Netz der Gedanken, das Lowtzows immer noch studentisch junge Stimme knüpft, aber ist der Sound dieses Albums.

Aufgenommen mit einer Telefunken-T9-Vier-Spur-Tonbandmaschine aus dem Jahr 1959. Zusammen mit Chordun und Theremin, Instrumenten für die Geistertöne am Rande des Sichtfelds, gelingt dieser Band erfahrener Dilettanten ein gegen das Digital-Differenzierte stehender Hall-Klang-Raum mit, abseits des Schlauen, ergreifenden Melodien.

Tocotronic: „Wie wir leben wollen“ (Vertigo / Universal)