David Berger (43) kennt sich aus mit dem Thema: Er ist selbst homosexuell – und darf nach seinem Outing nicht mehr für die Kirche arbeiten. Hier gibt er Erstaunliches über den Klerus preis.

In seinem Leben ist neuerdings nichts mehr, wie es vorher war. David Berger (43) ist ein bekannter Theologe – und er ist schwul. Seit 22 Jahren hat er einen festen Partner. Im vorigen Jahr bekannte er sich offen zu seiner Homosexualität, und er veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Der heilige Schein“. Damit brachte er die Amtskirche gegen sich auf. Mit welchen Konsequenzen die Kirche den schwulen Theologen abstrafte, warum er trotzdem noch katholisch ist - darüber hat die AZ mit dem gebürtigen Würzburger gesprochen.

AZ: Seit Mai dürfen Sie nicht mehr als katholischer Religionslehrer arbeiten – warum?

DAVID BERGER: Ich war Religionslehrer an einer Schule in Köln, dann ist mir im Auftrag von Kardinal Meisner die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen worden. Die Begründung in einem Brief lautete: Ich würde in Leben und Lehre nicht mit der Kirche übereinstimmen. Meine Nachfrage, was das bedeuten soll, wurde nicht beantwortet. Es hat Kardinal Meisner einfach aufs Blut gereizt, dass ich als schwuler Theologe öffentlich in Erscheinung trete.

War es die Tatsache, dass Sie schwul sind? Oder war es Ihr kritisches Buch, das die Kirche gegen Sie aufbrachte?

Es ging nicht darum, dass ich homosexuell bin. Sondern darum, dass ich öffentlich dazu stehe. Es ist Gang und Gäbe, dass Geistliche – vom einfachen Priester bis hin zu Bischöfen – praktizierende Homosexuelle sind. Das ist kein Problem, solange es geheim bleibt. Natürlich kam es aber auch nicht gut an, dass ich der Kirche in meinem Buch Doppelmoral vorgeworfen habe.

War der Entzug der Lehrerlaubnis die ärgste Diskriminierung, die Sie erlebt haben?

Schon als ich zuvor für die Kirche gearbeitet habe, bin ich immer wieder subtil unter Druck gesetzt und mit meiner Homosexualität erpresst worden. Da hieß es dann: Ich solle vorsichtiger sein, was ich sage. Das hat das Fass irgendwann zum Überlaufen gebracht. Deshalb habe ich mich im April 2010 öffentlich in der Frankfurter Rundschau geoutet.

Wie war die Reaktion?

Ich arbeitete zu der Zeit im Vatikan. Aber drei Monate nach dem Outing ist mir die Professur an der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin entzogen worden – noch bevor ich mein Buch überhaupt veröffentlicht hatte.

Warum sind Sie nach all dem überhaupt noch in der Kirche?

Die Kirche ist mehr als Kardinal Meisner und der Papst. An der Basis habe ich für mein Handeln sehr viel Solidarität erfahren – auch von vielen Priestern. Ich bin der Kirche emotional immer noch stark verbunden. Und ich glaube noch immer, dass es eine Kirche ohne Homophobie geben könnte. Der Wille, etwas zu verändern, hält mich.

Sind Sie nicht verbittert?

Ich bin wahnsinnig enttäuscht über die wachsende Schwulenfeindlichkeit der Kirche. Aber noch nicht verbittert. Ich möchte kein Katholik zweiter Klasse sein. Seit dem Pontifikat von Papst Benedikt ist die Homophobie leider in extremer Weise angestiegen und der Tonfall deutlich rauer geworden. Den schwulen Priestern wird der Eindruck vermittelt, sie hätten gar kein Recht, Priester zu sein. Das ist ein unerträglicher Zustand. Und es droht noch schlimmer zu werden.

Was meinen Sie damit?

Im Vatikan wird derzeit das Kirchen-Strafrecht überarbeitet. Dabei überlegt man ernsthaft, einen neuen Paragraphen einzuführen: Demnach soll jeder Homosexuelle, der seine Sexualität auch praktiziert, exkommuniziert werden können.

Das klingt ja nach finsterem Mittelalter. Woher stammt Ihre Information?

Das weiß ich von Kirchenrechtlern. Ich habe selbst lange im Vatikan gearbeitet und habe daher noch Verbindungen.

Dann müsste die Kirche ja reihenweise Männer exkommunizieren. Was meinen Sie: Wie viele Priester sind Schwule?

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen liegt der Anteil bei über 50 Prozent.

Ist das nicht übertrieben?

Ältere Studien sprechen sogar von bis zu 60 Prozent.

Wie erklärt sich diese Häufung?

Jungen Männern, die aus konservativen Familien stammen, erscheint das oft als die einzige ehrbare Möglichkeit, mit ihrer Homosexualität umzugehen. Außerdem übt die katholische Männergesellschaft in der Kirche auch eine besondere Anziehungskraft auf Schwule aus.

Haben Sie eigentlich vor Ihrem Coming-out gewusst, dass das solche drastischen Folgen haben würde?

Im Grunde genommen schon. Ich wusste ja, wie man mit Leuten umgeht, deren Homosexualität aufgeflogen ist. Aber das schlimmste Vergehen für die Kirche ist, wenn man seine Neigung von sich aus zugibt - ohne wenigstens ein schlechtes Gewissen zu haben. Das zeigte sich doch kürzlich auch an der Äußerung des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx, der im Zusammenhang mit Homosexuellen und Geschiedenen von „gescheiterten Menschen“ gesprochen haben soll. Später ruderte er dann zurück.

Was machen Sie jetzt, wo Sie nicht mehr als Religionslehrer arbeiten dürfen?

Ich unterrichte Latein und Deutsch an einem Gymnasium und bin gut versorgt. Es ist mein großes Glück, dass ich Ausweichmöglichkeiten hatte. Katholische Priester finden oft nicht so einfach einen neuen Job. Trotzdem würde ich mir wünschen, irgendwann auch wieder Religionslehrer sein zu dürfen. Dann könnte ich ein Vorbild für meine Schüler sein, auch in Sachen Ehrlichkeit. Ich hoffe immer noch auf ein Umdenken in der Kirche.

Und wenn Sie vergeblich hoffen?

Dann schadet sich die Kirche auf Dauer vor allem selbst. Sie droht sich zum Beispiel auch bei Fragen wie der Wiederverheiratung von geschiedenen Menschen ins gesellschaftliche Abseits zu bringen. Irgendwann könnte sich ihr Status wandeln - von der Volkskirche zu einer fundamentalistischen Großsekte.