Die Bundesanwaltschaft will jetzt alle Unterlagen einfordern und sichten. „Alle möglichen Geheimdienste hatten direkt oder indirekt ihre Finger im Spiel“

München - Im Zuge der neuen Ermittlungen zum Oktoberfest-Anschlag 1980 (13 Tote, über 200 Verletzte) will die Bundesanwaltschaft auch auf die Datenbestände der Geheimdienste zugreifen. Das könnte bei der Suche nach möglichen Hintermännern und Mitwissern beim Massaker auf der Wiesn in einem lauen Lüftchen enden – oder ein Stich direkt ins Wespennest sein.

Welcher Geheimdienst mehr als drei Jahrzehnte nach dem blutigsten Terroranschlag in der deutschen Nachkriegsgeschichte welche Akten besitzt, ist schwer einschätzbar. Zur Aufhellung der geheimdienstlichen Nebelwand will die Bundesanwaltschaft nach Angaben ihrer Sprecherin Frauke Köhler jedoch an „alle in Frage kommenden Behörden“ das Ersuchen stellen, „gegebenenfalls vorhandene Akten und Unterlagen zum Oktoberfest-Attentat“ herauszugeben.

Die These vom Alleintäter?

„Barer Unsinn“ „Schwer durchschaubar“ waren die Aktivitäten der Geheimdienste scheinbar auch Anfang der 80er Jahre. Daran erinnert sich jedenfalls Klaus Pflieger, der damals als Bundesanwalt in die Ermittlungen involviert war, später Generalstaatsanwalt von Baden-Würrtemberg wurde und als ausgewiesener Terrorismus-Experte gilt.

Seine über all die Jahre stabile Überzeugung, dass der Geologiestudent Gundolf Köhler (21) die Bombe selbst baute und zündete, zeigt erkennbare Aufweichungserscheinungen. „Ich halte es nicht für wahrscheinlich“, sagt er, „dass Köhler Hintermänner oder Helfer hatte, aber möglich ist es durchaus. Keine Frage.“

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Der Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich, der die Wiederaufnahme der Ermittlungen durchgesetzt hat, hält die „Alleintäter-These“ längst für „baren Unsinn“ und kritisiert die damals fehlende Bereitschaft der Behörden, im rechtsextremen Milieu zu ermitteln.

Eine der Spuren, die nach Dietrichs Einschätzung ein hohes Potenzial birgt, aber nur halbherzig verfolgt worden sei, führt in die Lüneburger Heide zu dem Neonazi Heinz Lembke – und auch in die Geheimarchive des BND?

Dietrich hat in Ermittlungsakten, die ihm erst vor wenigen Monaten zugänglich gemacht worden waren, Hinweise darauf gefunden, dass es beim BND oder einer anderen geheimdienstlichen Organisation unter Verschluss gehaltene Akten über Lembke gibt.

Verwunderlich wäre das nicht. Lembkes Name taucht in Zusammenhang mit dem Oktoberfest-Anschlag als möglicher Sprengstoff- oder Bombenlieferant schon lange und immer wieder auf – und auch als mögliches Mitglied einer geheimen, militärisch ausgerichteten Organisation unter den Fittichen von CIA und BND.

Eine Observation kurz vorm Attentat wirft Fragen auf

Wie der Nachrichtenaustausch zwischen den Geheimdiensten in den 80er Jahren funktionierte, bleibt Spekulation. Ex-Generalstaatsanwalt Pflieger, der einen gewissen Einblick in solche sensiblen Abläufe hat, glaubt aber nicht, dass eine enge Zusammenarbeit der Dienste stattgefunden hat, eher ein Komptenzgerangel, Eifersüchteleien und ein deutlich gebremster Nachrichtenaustausch.

Eine komplette Auswertung aller Geheimdienstakten, wie sie der Bundesanwalt anzustreben scheint, könnte zu einer wahren Sisyphus-Arbeit werden. „Alle möglichen Geheimdienste hatten direkt oder indirekt ihre Finger im Spiel“, ist sich auch Rechtsanwalt Dietrich sicher.

Ein bevorzugtes Ziel diverser geheimdienstlicher Aktivitäten war Karl-Heinz Hoffmann, der Chef der nach ihm benannten, rechtsextremen „Wehrportgruppe Hoffmann“. Gegen ihn waren wegen einer möglichen Tatbeteiligung am Wiesn-Attentat Ermittlungen geführt worden, die dann aber wegen fehlenden Tatnachweises eingestellt wurden.

Hoffmann selbst bestreitet seit jeher jegliche Form der Mitwirkung an dem Terroranschlag sowie eine Mitgliedschaft von Gundolf Köhler in der WSG. „Er hat lediglich zweimal an einer Übung teilgenommen und mir einmal zum Geburtstag zwei Flaschen Wein geschickt“, spielt Hoffmann die Beziehung zu dem mutmaßlichen Bombenleger herunter.

Eine Observation von Hoffmann und einigen WSG-Männern, die Unimogs in den Libanon bringen und verkaufen wollten, die genau 22 Stunden vor der Explosion der Bombe begann, wirft nicht nur nach Ansicht Dietrichs die Frage auf, ob dies ein purer zeitlicher Zufall war. Der Münchner Anwalt: „Merkwürdig ist es schon.“

An der Aktion nahmen Verfassungsschützer von gleich drei Bundesländern teil: Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Außerdem, wie Hoffmann selbst behauptet, mischte offensichtlich auch noch das Landesamt für Verfassungsschutz aus Nordrhein-Westfalen mit, das einen V-Mann in die WSG eingeschleust hätte. Ex-Bundesanwalt Pflieger teilt die Einschätzung, dass in Zusammenhang mit den geheimdienstlichen Aktivitäten rings um das Oktoberfest-Attentat „etliche Fragezeichen im Raum stehen.“

Ein besonders auffallendes verbirgt sich nach Ansicht des Terrorismus-Experten hinter der Rolle von Hans Langemann, der zu Zeiten des Attentats der Chef des Staatsschutzes im bayerischen Innenministerium war, eine Affäre wegen Geheimnisverrats auslöste und Thema eines Untersuchungsausschusses wurde. Langemann kam als Quereinsteiger vom BND in den bayerischen Staatsdienst.

Rechtsanwalt Werner Dietrich glaubt daran, dass die Daten aus den vielen Geheimdienst-Stellen zusammengefasst wertvolle Einblicke in die Hintergründe des Attentats liefern könnten. Ob sie allerdings alle komplett freigegeben werden, daran hat er seine Zweife