"Die Partei"-Kandidaten Ganz im Ernst: "Wir lügen weniger als die anderen"

Am Stammtisch im Hopfengarten: AZ-Redakteurin Anja Perkuhn im Gespräch mit den beiden Münchner Bundestags-Kandidaten von "Die Partei". Foto: Daniel von Loeper

Das Satire-Projekt "Die Partei" macht Wahlkampf: Die Münchner Gerd Bruckner und Valentin Schwarze sind Bundestags-Kandidaten – ganz im Ernst.

München - Regelmäßig trifft sich der Münchner "Die Partei"-Kreisverband eigentlich im Viehhof, im Hopfengarten setzen sich Bruckner und Schwarze aber auch – nach höflicher Nachfrage – an den Stammtisch. Nach dem Motto: Wenn die Etablierten kurz lockerlassen, rutschen die Satiriker in die Lücke. Ein Gespräch über Sponsorensuche, Rentner auf Galeeren und reflektierte Wähler.

AZ: Sie sind die allerersten Münchner Direktkandidaten für die Bundestagswahl – wo sind denn eigentlich Ihre Wahlplakate?
GERD BRUCKNER (greift in eine Tüte, die er dabei hat, und holt mehrere laminierte A4-Zettel heraus): Also, hier wären welche. Und hier im Biergarten habe ich auch gerade welche aufgehängt, da vorne und da hinten. Aber halt nur in dieser Größe. Weil wir kein Geld haben.

Die Partei hat kein Geld?
BRUCKNER: Alle Kandidaten bei uns, eigentlich die gesamte Partei, finanzieren alles aus der privaten Tasche. Die Bundespartei hat ja bei der Europawahl einen Erfolg erstritten mit Martin Sonneborn im Europaparlament und dafür gab es 78.000 Euro. Das ist für uns richtig viel Geld...
VALENTIN SCHWARZE: Genau.
BRUCKNER: Aber dann haben wir eine Aktion gemacht in Anlehnung an die AfD, die Gold verkauft hat, und haben Geld verkauft. Der Bundestag hat daraufhin rückwirkend ein Gesetz erlassen, dass das nicht gestattet ist – und jetzt müssen wir die 78.000 zurückgeben und wohl eine Strafe von über 300.000 Euro zahlen.

Wie unschön.
BRUCKNER: Ja, aber wenn das wirklich so kommt und Die Partei dadurch pleite geht, gründen wir stattdessen einfach eine Religionsgemeinschaft, ganz klar.
SCHWARZE: M-hm.
BRUCKNER: Man liest ja überall, dass ein Direktkandidat zwischen 10.000 und 30.000 Euro von seinem privaten Geld ausgibt für den Wahlkampf. Das ist bei uns nicht so. Ich sitze Zuhause und laminiere meine Plakate selbst. Weil wir keine Sponsoren haben.

Wollen Sie die denn überhaupt? So viele kämen da ja auch gar nicht in Frage. 
BRUCKNER: Dochdoch! Auf dieser Fläche (zeigt auf sein Shirt) ist genug Platz, um einen Sebastian Vettel nachzumachen! Aber mit Sponsoren ist das wie mit Medien: Die fragen uns natürlich alle, ob wir das ernst meinen. Das ist für die ein Problem, dass sie nicht wissen, ob sie das alles satirisch sehen sollen oder ernsthaft.

Wissen Sie denn selbst, ob Sie sich und Ihre Politik satirisch sehen oder ernsthaft?
BRUCKNER: Also, Satire ohne Inhalt wär ein Witz.
SCHWARZE: Genau. Und wer sagt, dass Satire nicht ernst ist, der hat Satire nicht verstanden.
BRUCKNER: Weil Satire ja der Gesellschaft ihr eigenes Spiegelbild vors Gesicht halten will. Wenn also jemand meint, Satire ist ernst, dann hat er nicht ganz Unrecht – sonst wäre er ja selbst auch nur ein Witz.

In Ihren "Visionen und Zielen" fordern Sie, Herr Schwarze, unter anderem freies WLAN für alle, und Sie, Herr Bruckner, weniger Glyphosat und mehr Bildung. Alles überhaupt nicht satirisch. Das könnte genauso gut von den Grünen kommen.
BRUCKNER: Das haben wir zu einer Zeit geschrieben, in der die Satire immer wieder getoppt worden ist von der Realität. Das Problem hat die Satire leider heutzutage oft: Das echte Leben bildet schon das komplette Spektrum der Satire ab.
SCHWARZE: M-hm.
BRUCKNER: Deswegen gab es dann eine Erweiterung in meinem Programm, nämlich: "Knast statt Altenheim" und "Adia statt Pflegeheim".

Adia?
BRUCKNER: Ja oder irgendein anderes Kreuzfahrschiff.

Ach, die Aida!
BRUCKNER: Na jedenfalls gibt es auf der Adia all inclusive medizinische Betreuung, volles Tagesprogramm, Ausflüge und Seebestattung im Notfall auch. Und da wir das große Problem der Alterspyramide haben, stellt sich ja wirklich die Frage: Wohin gehen wir in 20 Jahren? So viele behindertengerechte und barrierefreie Wohnungen wird es ja nicht geben, wie wir brauchen werden. Da bietet sich so ein Schiff doch an. Die Gegner werden jetzt natürlich sagen: Das ist ja noch schlimmer als ein Dieselauto! Aber es hindert uns ja niemand daran, ein sauberes Kreuzfahrtschiff auf den Weg zu bringen.

Ein großes Tretboot?
BRUCKNER: Zum Beispiel!
SCHWARZE: Dann haben die Alten auch gleich sportliche Betätigung!
BRUCKNER: Die Galeere war ja früher auch schon sehr hip.

Gibt es ein eigentlich undankbareres Bundesland für satirische Politik als Bayern?
BRUCKNER: Es ist schon ein schönes Urlaubsland, aber für einen Wahlkampftreibenden wie Valentin oder mich ist Bayern natürlich der Super-GAU. Ein Flächenland bringt halt einfach bestimmte Probleme mit sich, und so viel radeln können wir gar nicht, um jeden potenziellen und nicht-potenziellen Wähler zu erreichen.
SCHWARZE: Andererseits ist man es ja in Bayern gewöhnt, schon immer die eine Partei zu wählen – und von da zu unserer Die Partei ist der Weg ja nicht so weit. Vielleicht denkt ja der eine oder andere, man könnte ja doch mal die andere Partei wählen.

Als was sehen Sie sich denn im System?
BRUCKNER: Wir repräsentieren das, was Filme wie "Münchner Geschichten" und "Monaco Franze" dem Außenstehenden über München zeigen wollten.
SCHWARZE: Und wir stehen für all die, die sagen: So, wie es ist, kann es nicht bleiben – aber die vielen Alternativen würden es noch schlechter machen.

Sie sind die Alternative zum Nicht-Wählen?
BRUCKNER: Schöner hätten wir es jetzt auch nicht formulieren können.

Was meinen Sie, wie erträgt Sie der Politik-Betrieb?
SCHWARZE: Es bleibt ihm ja nichts Anderes übrig. Wir sind eben da und wir werden immer bekannter.
BRUCKNER: Wir sind einfach die Partei der extremen Mitte – da kommt was von rechts und von links, von oben und von unten. Wir sind das Sammelbecken für alle Protestwähler.

Wählen Die Partei also die Menschen, die AfD wählen würden, aber Humor haben?
SCHWARZE: Oha!
BRUCKNER: Und vielleicht noch a bisserl IQ! Satire setzt ja noch ein bisschen Bildung voraus, sonst wird sie gar nicht verstanden.

Herr Schwarze, in der Kurzvorstellung Ihrer politischen Ziele steht auch ein Satz zur Bildungspolitik – mit einem Genitiv-Fehler. Ist der Absicht? 
SCHWARZE: Ja natürlich! Ich bin ja noch mitten im Bildungssystem und daran sieht man, dass das einfach nicht gut ist.
BRUCKNER: Die Partei kann schon gemein sein: Wir wollten da einfach mal testen, ob das überhaupt jemand merkt.
SCHWARZE: Partei-Wähler bemerken das schon – AfD-Wähler nicht. Das ist eben der erwähnte IQ-Unterschied.

Werden Sie von Wählern angesprochen, die über Inhalte reden wollen, über Wohnungspolitik oder Steuern?
BRUCKNER: Nein, und das finde ich besonders schön: Die wollen nicht einfach unreflektiert mit uns reden. Die gehen erstmal nach Hause und machen sich Gedanken.

Auf einem Ihrer Plakate fordern Sie: "Mehr Geld, mehr Bier, mehr Sex!" 
BRUCKNER: Unser bestes!

Da versprechen Sie viel.
BRUCKNER: Also, wir geben ehrlich unser Bestes dabei.
SCHWARZE: Und wenn wir das Versprechen nicht ganz einhalten können, dann lügen wir immer noch weniger als die CSU oder die AfD oder alle anderen.

Glauben Sie wirklich an eine Chance auf den Bundestag?
BRUCKNER: Das ist ganz einfach: Wir haben keine Chance – also nutzen wir sie.

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