Die Olympia-Gegner triumphieren 200 Freudensprünge

Jubel bei den Olympia-Gegnern Christian Hierneis,Katharina Schulze und Ludwig Hartmann. Foto: Petra Schramek

Die Olympia-Gegner haben auf der ganzen Linie gesiegt und Katharina Schulze muss jetzt verdammt viel hüpfen.

München- Den ganzen Tag über hatte die Münchner Grünen-Chefin Katharina Schulze ihre neue Wohnung geweißelt. „Das war eine gute Ablenkung, Gott sei Dank, sonst wäre ich durchgedreht“, sagt die 28-Jährige, die an vorderster Front gegen die Münchner Olympiabewerbung gekämpft hat. An ihren Armen sind noch kleine weiße Farbsprengsel. Nervös wartet sie jetzt im Kreisverwaltungsreferat auf erste Ergebnisse.

Ihr Kollege Christian Hierneis (49), ebenfalls Sprecher des NOlympia-Bündnisses, wirkt dagegen völlig cool. „Ich bin gar nicht aufgeregt“, beteuert er, als er das KVR-Foyer betritt. „Mein Gefühl ist gut.“

Sein Gefühl trügt ihn nicht. Obwohl – genau genommen hätte es sogar sehr gut sein müssen. Als gegen 18.30 Uhr die ersten Zwischenergebnisse über die Bildschirme flackern, liegen die Olympia-Gegner überall vorne. „Das wäre so geil“, sagt Hierneis – und benutzt bewusst den Konjunktiv. „Das heißt noch gar nichts“.

Auch Katharina Schulze, die sich trotz ihrer Hibbeligkeit die ganze Zeit an einer Flasche Cola festhält, bleibt vorsichtig. „Ich traue mich noch nicht, positiv gestimmt zu sein. Da wird noch ein Batzen ausgezählt.“

Während die beiden noch zweifeln, abwarten und ihre aufkeimende Freude dämpfen, sind andere schon einen Schritt weiter. Der Münchner SPD-Chef Hans-Ulrich Pfaffmann erklärt voller Bedauern: „Da geht nichts mehr. Es ist vorbei.“

Um 18.50 Uhr klingelt Hierneis’ Handy. Helmut Schleich ist dran. Der Kabarettist, ebenfalls ein Gegner der Münchner Bewerbung, gratuliert zum Erfolg. Jetzt wird plötzlich auch Hierneis unruhig. Darf er wirklich schon jubeln? Mit zusammengefalteten Händen steht er vor dem Garmischer Zwischenergebnis. „Bitte!“, fleht er in Richtung Bildschirm, der anzeigt, dass in der Marktgemeinde – anders als bei den anderen Entscheiden – fast alle Stimmen ausgezählt sind.

Katharina Schulze gesellt sich zu ihm. „Ist euch auch so warm?“, fragt sie in die Runde und scherzt: „Das ist der Klimawandel!“

Um 19.05 steht das erste Ergebnis fest. Garmisch-Partenkirchen hat Nein gesagt, 52 Prozent der Wähler sind gegen die Spiele. Die Olympia-Gegner stehen im Blitzlichtgewitter der Fotografen und strahlen.

Garmisch – wer hätte das gedacht! Bei der Bewerbung um die Spiele 2018 hatte sich noch eine Mehrheit der Bürger für Olympia ausgesprochen. Bei der neuen Bewerbung wäre die Marktgemeinde sogar weniger stark belastet gewesen. Der grüne Landtags-Fraktionschef Ludwig Hartmann erklärt sich den überraschenden Sinneswandel unter anderem so: „Ich glaube, die wollten die die Auseinandersetzung nicht mehr, der ganze Ort war doch gespalten.“

Dann geht es Schlag auf Schlag. Um 19.20 Uhr tanzt Hierneis vor dem PC, der das klare Votum aus dem Landkreis Traunstein anzeigt. Nahezu 60 zu 40 für die Gegner.

Sechs Minuten später tritt OB Christian Ude vor die Presse. Katharina Schulze hört ihm zu und twittert nebenbei, dass sie es noch gar nicht so richtig glauben kann. In Garmisch sei ein „knappes, aber klares Nein“ herausgekommen, sagt Ude auf der Bühne. „Knapp? Naja bitte“, murmelt Schulze vor sich hin.

Inzwischen ist klar, dass die Sache auch im Berchtesgadener Land und in München gelaufen ist. In der Landeshauptstadt haben 52,1 Prozent mit Nein gestimmt. Bei allen vier Entscheiden haben die Bürger klar gemacht, dass sie die Winterspiele 2022 nicht wollen.

Hätte sie das gedacht? Schulze schüttelt den Kopf. „Ich habe gesagt, ich mache 50 Freudensprünge, wenn wir einen Entscheid gewinnen. Jetzt muss ich 50 mal vier machen. So sportlich bin ich auch nicht!“ Auch Christian Hierneis hätte ein so deutliches Ergebnis niemals erwartet. Er sagt: „Ich hoffe, dass die Politik und die Wirtschaft daraus lernen und die Finger von sinnlosen Großprojekten lassen.“

Welche Beweggründe hatten die Münchner? Katharina Schulze glaubt, es zu wissen. An den Infoständen hätten die Menschen immer wieder die Knebelverträge und die Intransparenz des IOC kritisiert. Genau wie den „Wachstumswahn“, das „immer höher, immer schneller, immer weiter“.

Und nun? Was will sie, die auch schon gegen die dritte Startbahn am Münchner Flughafen mobilisiert hatte, als nächstes verhindern? Schulze erwidert: „Wir haben nichts verhindert. Wir haben ganz viel geschützt.“

Um 19.50 Uhr kommt der Ex-Skispringer Sven Hannawald auf Christian Hierneis zu, um zu gratulieren. „Ich hätte das gerne im eigenen Land miterlebt“, sagt er betrübt. Daraus wird nun nichts.

 

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