Die Lage der CSU Seehofers Kraftquellen

In der Idylle des Altmühltals sammelt sich CSU-Chef Horst Seehofer für den ungewohnt spannenden Kampf um die Macht in Bayer.

Die Sonnenstrahlen können das dichte Laubwerk der uralten Linde kaum durchdringen. In ihrem Schatten sprudeln pro Sekunde zehn Liter Wasser aus der Erde und treiben schon nach wenigen Metern ein altes Mühlrad an. Die Quelle versteckt sich in einem kleinen Teich. Man kann sie nicht sehen. Aber man spürt ihre Kraft. Ein mystischer Ort. Hier hat der Schambach seinen Ursprung. Vom Berg oben schaut Horst Seehofer auf die Idylle herunter.

In Schamhaupten im Altmühltal hat der bayerische Ministerpräsident seinen Rückzugsort. Hier verbringt er seine Ferien. Hier tankt er Kraft, die er jetzt dringend braucht, um seinen Bayern-Thron gegen den SPD-Bürgerking von München, Christian Ude, zu verteidigen. Das Spitzenamt ist erstmals seit 57 Jahren ernsthaft gefährdet.

Schon 882 wurde Schamhaupten urkundlich erwähnt. Immerhin 276 Jahre vor München. Das schmucke Haus, in dessen Keller Seehofer an seiner legendären Modelleisenbahn bastelt, haben die Eltern seiner Frau Karin gebaut. Sie betrieben gleich neben der Quelle die Brauerei Stark. Die ist längst abgerissen. Seehofers Schwiegermutter Gertraud lebt noch nebenan im Gutshof und gibt sich wortkarg: „Da red ma ned drüber.”

Schweigen tut auch Horst Seehofer über die neue politische Gefechtslage. Mitten im Urlaub hat ihn die Kampfansage des Münchner Oberbürgermeisters eiskalt erwischt. Niemand in der CSU hatte mit Ude gerechnet.

Die Rollen sind schon verteilt. Seehofer ist in der Defensive mit einer CSU, die bei gerade noch 40 Prozent im Freistaat steht, und die den Nimbus der Unbesiegbaren verloren hat. Ude kommt in der Siegerpose daher, mit fast 67 Prozent im Rücken. Einer Zweidrittel-Mehrheit, mit der ihn die Münchner belohnten. In der bayernweiten Bekanntheitsskala liegt der Münchner OB nahe an Seehofer. In der Beliebtheit ist er ihm weit voraus: Ude ist auf Platz zwei, Seehofer abgeschlagen auf dem zehnten Platz.

Zwei Männer, die sich ähnlich sind: Beide haben eine schwierige Beziehung zu ihrer Partei. Beide sind eitel, selbstherrlich und ironisch. Beide sind süchtig nach Macht und können nicht aufhören. Deshalb verstehen sie sich auch so gut. Aber gerade das macht Ude so gefährlich für die CSU.

Die Partei ist paralysiert. Die einen sind noch im Urlaub. Die anderen haben es noch nicht kapiert. In der Führungsetage der Schwarzen herrscht Fracksausen. Seehofers Kronprinz, Umweltminister Markus Söder, fordert Geschlossenheit ein, die CSU müsse Ude als Gegner ernstnehmen: „Ich erwarte von jedem, dass er sich klar hinter die Parteiführung stellt und Loyalität zeigt.”

Die CSU traut Ude 25 Prozent zu

Zuvor hatte Münchens neuer CSU-Chef, Kultusminister Ludwig Spaenle, gegiftet, Udes Kandidatur sei „unanständig”, weil er bei einer Niederlage nicht als Oppositionsführer in den Landtag ziehen wolle. Das war ein Schuss ins eigene Knie. Spaenle hat verdrängt, dass Franz Josef Strauß nach seiner Niederlage als Kanzlerkandidat lieber in München blieb. Edmund Stoiber nach seiner auch – und fünf Jahre später als bayerischer Spitzenkandidat an der Seite von Angela Merkel flüchtete er sogar aus Berlin.
Für die schwache CSU in der Landeshauptstadt ist Udes Kandidatur die Katastrophe – und für Spaenle der Sargnagel. Schon jetzt rechnet sie damit, dass sechs der acht Stimmkreise bei der Landtagswahl 2013 an die SPD gehen werden. Spaenle, der 2008 in Schwabing nur mit ein paar hundert Stimmen gewonnen hatte, würde als Erster aus dem Parlament fliegen.
Führende CSUler prophezeien, dass Ude 25 Prozent für die Bayern-SPD holen könnte. 2008 war sie bei 18,6 Prozent gelandet. Die große Furcht der Schwarzen: Ude zieht nicht nur in München, sondern in der ganzen Metropolregion Stimmen für die SPD. „Da leben zwei bis drei Millionen Wähler, das haut gewaltig rein”, so ein CSU-Stratege. Das ist fast ein Drittel aller Stimmberechtigten in Bayern. Dazu kommt noch Nürnberg. Ihr SPD-OB und neuer Städtetagspräsident, Ulrich Maly, wird an der Seite von Ude in den Wahlkampf ziehen. Und das SPD-Stadtoberhaupt von Würzburg, Georg Rosenthal, ebenfalls. Ein solches SPD-Bündnis gab es noch bei keiner Landtagswahl zuvor.
„Motivation und Mobilisierung ist das Entscheidende bei einer Wahl”, sagt einer aus der CSU-Führung. „Und die wird Ude schaffen.” Ihm vertrauen auch Konservative und Liberale. „Er wird auch Stimmen von den Grünen, den Freien Wählern und der FDP holen”, ist sich einer aus der CSU-Spitze sicher. „Die Wählerlandschaft ist in Bewegung.” Alles ist möglich. „Ude könnte auch die Freien Wähler aus dem Parlament schießen”, fürchtet ein anderer CSU-Stratege. Die FDP hat keiner mehr auf der Rechnung.

"Technologisch sind wir noch hinterm Mond"


So schnell kann’s gehen. Dabei hatte sich Seehofer nach dem politischen Ende von Karl-Theodor zu Guttenberg so sicher gefühlt. Als ihm der fränkische Baron gefährlich zu werden drohte, musste Seehofer auf seine Partei-Freunde zugehen. Nach Guttenbergs Abgang wurde der CSU-Chef wieder übermütig und behandelt sie von oben herab.

Mit Ude als Herausforderer muss Seehofer wieder umdenken und sich demütig mit seinen innerparteilichen Kritikern verbrüdern. In der CSU reden sie schon vom „Guttenberg-Effekt”, den der Münchner OB bei Seehofer auslöst. Die Partei wird ihrem Ministerpräsidenten bis zum Wahltag blind folgen. Denn je größer die Gefahr wird, umso mehr rotten sich die Konservativen zusammen.
Am Montag sind für Seehofer die Ferien vorbei – und die Idylle von Schamhaupten. In der 400-Seelen-Gemeinde haben noch nicht mal alle Häuser TV-Anschluss. Mit Satellitenschüssel kommt man aus dem tiefen Tal nicht über den Berg. Ein schnelles Internet gibt’s auch nicht. Nur Seehofers Haus ist damit ausgestattet. „Technologisch gesehen ist Schamhaupten noch hinterm Mond”, sagt einer, der hier wohnt. Im Dorf gibt’s eine Raiffeisenbank, die BayWa und eine kleine Skipiste. Auf der geht's im Winter in einer Minute bergab.

Das einzige Wirtshaus, „de Bassus Stuben”, hat nur am Wochenende auf. Dann wird Wildschweinbraten mit Semmelknödel und Blaukraut für 8,80 Euro serviert. Hinten im Saal hat der Schützenverein Sankt Hubertus seinen Schießstand.

Davor steht der Maibaum. Ein Symbol Bayerns. So wie einst die CSU. Die stolze Krone ist nur noch ein armseliges braunes Stangerl. Die drei handgebundenen Kränze sind verdorrt. Die weiß-blauen Bänder haben sich verheddert. Seehofer schaut ihn sich lieber nicht an. „Da runter ins Wirtshaus kommt er nicht”, sagt Barbara Schmid, die alte Bäuerin vom Friedlhof. „Hier fährt er nur mit seinen Limousinen vorbei.”

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